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elomaran
Novel: Geisterlied
Genre: Fantasy
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About elomaran

Location: Aachen, Germany

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Europe :: Germany & Austria

Age:33

Website: http://www.elomaran.de

Favorite writers: Peter S. Beagle, Terry Pratchett, Charles Dickens, Mervyn Peake, Margery Allingham

Favorite music: The Amazing Blondel, Summer & Fall, Oysterband, John Renbourn Group

Non-noveling interests: Filk Music, Webdesign

Joined: Oktober 25, 2006

This Year: Official Participant

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'06 '07

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Excerpt: Geisterlied

In der Nacht, als der Feuerpfau balzte, hörte Anata das Lied zum ersten Mal.
Es war so spät am Abend, daß es schon ganz dunkel war, dabei war es Frühling und die Tage schon länger. Doch Anata durfte aufbleiben, so lange wie noch nie in ihrem ganzen Leben. Lang genug, um zu sehen, wie der Nebel aus dem See kroch und sich durch das blasse Gras am Ufer schob. Lang genug um zu sehen, wie das Gras und das Ufer und der See in grau und violett verschwanden und die Welt ein einziges Blau wurde. Lang genug, um wirklich, wirklich, wirklich müde zu werden, und nur die Aufregung hielt sie noch wach. Anata kannte die Dunkelheit aus dem Winter und dachte, sie kenne die Nacht, doch die Nacht im Frühling war anders, geheimnisvoll, lebendig, voller Versprechen, die sich erfüllen wollten, wenn man nur wach blieb, um sie zu erleben. Am liebsten wäre sie hinaus gerannt, hätte den Nebel berührt und die Dämmerung umarmt und all das Leben gefühlt, das erwachte, wenn sich die Welt schlafen legte.
»Wann gehen wir los?« fragte sie. »Können wir jetzt schon? Bitte?« Sie wollte nicht am Fenster stehen oder in der offenen Tür und zusehen, wie die Lampe mit ausgestreckten Armen der Nacht den Eintritt verweigerte - sie wollte hinaus, sofort. Ihre Fingerspitzen kribbelten, ihre Zehen zuckten, und sogar ihre Nase war aufgeregt von dieser besonderen Luft, die von mit dem Nebel und dem Abend gezogen kam.
»Hast du denn schon deine warmen Strümpfe an?« fragte ihr Vater und kannte die Antwort schon, als er auf Anatas nackte Füße hinunterblickte.
Anata schüttelte den Kopf. Sie hatte es ja versucht, aber das konnte sie noch nicht allein - die dicke Wolle wollte nicht über die Zehen, die Strümpfe waren so kugelige Knäuel, daß Anata nicht einmal wußte, wo man mit dem Fuß hinmußte. Sie konnte sich schon allein anziehen, aber nur bei gutem Wetter, wenn es warm war.
Ihr Vater lachte. »Hinsetzen! Füße ausstrecken!« Dann half er ihr in die dicken Strümpfe und zog ihr noch ein paar Fußbeutel darüber. Seine Hände waren so groß, daß man sich gar nicht vorstellen konnte, was für kleine zierliche Dinge er damit machen konnte - alles an ihm war groß, er war größer als alle Männer im Dorf, größer als der Schmied, größer als der Wagner und stärker als alle zusammen, mit breiten Schultern und dicken Armen, aber als er nun Anatas kleine Zehen in der Wolle sortierte, war das so sanft und vorsichtig wie die große Spinne, die mit leichten Füßen ihr Netz vor Anatas Fenster spann.
Skeptisch sah Anata auf ihre Füße, die nun in stumpfen Wollknubbeln endeten - wie sollten da noch ihre Schuhe drüberpassen? Die von ihrem Vater vielleicht, die waren so groß, daß sie Anata bald zu den Knien reichen - aber ihre eigenen? Die waren jetzt viel zu klein.
»Keine Schuhe«, sagte ihr Vater. »Brauchst du nicht. Du kommst auf meine Schultern, dann weiß ich auch, daß du nicht verloren gehst im Dunkeln. Was würde die Nona sagen, wenn du mir verschwindest heute Nacht?« Er stupste Anata vor die Nase. »Also, wehe du gehst mir verloren! Dann gibt es keinen Feuerpfau mehr für dich.« Er lachte, als er das sagte, aber Anata fragte sich ganz kurz, was dann wirklich passierte - wenn sie verlorenging. Wenn sie überhaupt verlorengehen konnte. Einen Schuh konnte sie verlieren, oder einen Löffel: Die waren verschwunden und kamen nicht wieder. Aber wenn sie selbst verlorenging, war sie dann nicht mehr da? Und wo war sie dann? Vielleicht war es ein Abenteuer, wirklich einmal verlorenzugehen. Aber erst, wenn sie den Feuerpfau gesehen hatte, vorher nicht.
»Ich gehe heute nicht verloren«, versprach sie. Und wenn statt dessen die Nona verlorenging, während Anata mit dem Vater unterwegs war? »Warum kommt die Nona nicht mit?«
»Weil nur eine von euch auf meine Schultern paßt«, sagte ihr Vater. »Und weil sie schon einmal einen Feuerpfau gesehen hat.«
Es war ein seltener Vogel, der Feuerpfau. Vor ein paar Tagen hatte Matto, einer der Fischer, ihn in der Dunkelheit gesehen, ein Stück außerhalb des Dorfes, nahe am See. Seitdem warteten alle darauf, ihn mit eigenen Augen bewundern zu dürfen, so etwas besonderes mußte das sein. Nicht irgendein Vogel, wie es so viele gab am See und in den Sumpfmarschen - Reiher und Blesshühner und Goldgänse - sondern der schönste von allen. Es war viele Jahre her, seit der letzte Feuerpfau am See gesehen worden war. Nun balzte er, jede Nacht, wenn der Himmel klar war und es nicht regnete, so lange, bis er endlich einen zweiten Feuerpfau gefunden hatte. Er wußte nicht, daß er der einzige war. Eigentlich tat er Anata leid - aber sie wollte ihn doch gerne sehen, und hinterher konnte er ihr dann noch viel mehr leidtun. Armer Feuerpfau.
»Machst du mir meine Laterne an?« fragte Anata, als ihr Vater sie hochhob und auf seine Schultern setzte. »Ich will meine Laterne mitnehmen. Darf ich?« Die Laterne war gelb, fast golden, und in der Dämmerung war ihr Licht kaum zu sehen, verschwand mit dem Rest der Sonne im Grau. Aber jetzt war es richtig dunkel, und die Laterne mußte ein schönes goldenes Licht machen, und wenn der Feuerpfau das sah, dachte er vielleicht, daß er nicht mehr allein war…
»Nein«, sagte ihr Vater. »Wir können kein Licht mitnehmen, und wir müssen ganz leise sein, damit er uns nicht kommen sieht und hört. Er hat sonst Angst, verstehst du das?«
Anata nickte. »Ganz leise«, flüsterte sie, obwohl sie noch nicht einmal aus dem Haus hinaus waren - besser, früh genug damit anfangen, damit sie dann daran gewöhnt war, wenn sie sich dem Vogel näherten. Warum der jedoch ausgerechnet vor Anata und ihrem Vater Angst haben sollte, das verstand sie nicht - sie wollten ihn nicht fangen, nicht essen, ihm nichts tun. Aber das konnte der Feuerpfau ja nicht wissen…
»Genau«, sagte ihr Vater. »Scht. Ganz leise. Und jetzt - sitzt du bequehm? Dann geht es los. Gut festhalten.« In Wirklichkeit mußte Anata sich nicht festhalten. Er hielt sie fest, so wie er es immer tat. Auf den Schultern ihres Vaters war Anata in Sicherheit. Er war der stärkste Mann im Dorf, und wenn das noch nicht ausreichte, war er Anatas Vater.

Draußen war es kühler, als der Wind an der Tür verraten hatte, und es war dunkler, viel, viel dunkler. Im Geheimen wünschte sich Anata ihre Laterne - nicht für den Feuerpfau, sondern für sich selbst. Es war so dunkel, daß sie nicht einmal den Nebel mehr sehen konnte, und das machte ihr Angst. Die Nacht roch fremd, ganz anders als der Tag, und die Luft, die vom See herübergeweht kam, trug alles Vertraute mit sich fort. Anata suchte ihren eigenen Geruch im Dunkel, und den ihres Vaters, doch sie fand ihn nicht. Sie roch nur noch die Nacht, und sie hörte nur noch die Nacht, und plötzlich wollte sie nur noch nach Hause. Plötzlich war sie müde - nein, nicht müde, aber sie wollte in ihr Bett, weil es warm war und so roch wie sie.
Obwohl sie wußte, daß sie niemals hinunterfallen würde, mußte sich Anata plötzlich an den Schultern ihres Vaters festhalten. Es war gut zu fühlen, daß er noch da war. Seine Hände lagen fest um ihre Beine, warm und sicher und vertraut, und mit den langen Schritten, die er nahm, schaukelte Anata auf und ab. Sonst liebte sie das und fand es lustig, aber nun nahm es ihr nur wenig von ihrer Angst.
»Taro?« flüsterte sie, ganz ganz leise, damit er nicht merkte, wie sehr ihre Stimme zitterte.
»Hast du Angst?« fragte ihre Vater leise zurück. »Wovor? Ich bin doch da, und sonst niemand.«
»Es ist so dunkel«, flüsterte Anata.
»Es ist Nacht. Nachts ist es immer so dunkel.« Immer noch war die Stimme ihres Vaters vergnügt, klang nicht anders als bei jedem anderen Spaziergang. Er hatte vor nichts auf der Welt Angst. Eines Tages würde Anata so sein wie er, stark und furchtlos. Mindestens. Aber noch war es nicht eines Tages. Noch war es nicht einmal Tag.
»Aber wo ist der Mond?« fragte Anata. Nachts gab der Mond Licht, nicht so hell wie die Sonne, aber besser als nichts. Er schien zu Anatas Fenster hinein, vorbei an der dicken Spinne, die mit ihrem Netz Anatas Schlaf beschützte, und alles war gut - wo war er nun?
»Der Mond schläft heute Nacht«, sagte ihr Vater. »Aber die Sterne sind da, siehst du sie nicht?«
Vorsichtig nahm Anata den Kopf in den Nacken und sah hinauf zu den Sternen. Ihr wurde schwindelig dabei, und einen Moment lang glaubte sie, nach hinten wegzukippen und hinunterzufallen, aber sie fiel nicht, und sie sah die Sterne. Es waren nicht viele, und sie waren nicht hell, aber sie waren da.
»Keine Angst«, sagte ihr Vater. »Mir reicht ihr Licht. Meine Füße kennen ihren Weg auch bei Nacht und im Dunklen.«
»Wirklich?« fragte Anata und erschrak selbst darüber, wie piepsig ihre Stimme plötzlich klang.
»Ganz wirklich«, sagte ihr Vater. »Und jetzt Schscht. Ihr sollt beide keine Angst haben, du und der Feuerpfau.«
Anata nickte, auch wenn das niemand sehen konnte. Es gab nichts zu fürchten, und eigentlich hatte sie ja auch keine Angst - sie war nur aufgeregt. Seit sie von dem Feuerpfau gehört hatte, wollte sie ihn sehen, und wenn er jetzt nicht da war? Oder wenn er gar nicht so unglaublich war, wie sie ihn sich vorstellte? Oder wenn er sofort wegflog und nie wieder gesehen wurde? Sie mußte einfach hoffen und wünschen und beten. Und gähnen. Ausgerechnet jetzt! Aber sie war müde, und als sie sich am Nachmittag hinlegen sollte, um ein bißchen vorzuschlafen für die Nacht, konnte sie das nicht vor Aufregung, und in der Nacht davor hatte sie auch nicht richtig schlafen können… Das hatte sie jetzt davon! Der Feuerpfau konnte balzen soviel er wollte - am Ende würde Anata ihn ganz und gar verschlafen! Anata gähnte und atmete tief die kalte Nachtluft ein, riß die blinzelmüden Augen weit auf und hoffte, daß sie den Vogel bald gefunden hatten - das Geschaukel lullte sie ein, und wenn sie dazu auch noch beide ganz still waren, machte sie das nicht wacher. Aber die Nacht kam ihr jetzt heller vor, ihre Augen gewöhnten sich an das karge kühle Sternenlicht, und sie waren jetzt nah am See - Anata konnte ihn glänzen sehen. Da wußte sie wieder, wo sie waren: Auf dem Pfad, der am See entlang führte, durch die Wiesen und fort von den Sümpfen. Hier in den Wiesen hatte Matto den Pfau gesehen. Hier mußte er sein -
Dann sah Anata das Leuchten. Erst war es nur ein fernes Licht, wie ein Feuer, das irgendwo brannte, aber als sie näher kamen, konnten sie es tanzen sehen. Der Feuerpfau war dort, mitten in der Wiese, und schlug sein flammendes Rad für niemanden als sich allein, und es war so schön und so traurig, daß Anata weinen mußte. Hoch hüpfte er und spreizte seine funkenden Federn, rot und gold, gelb und orange, weiß und blau und grün, alle Farben des Feuers, und so sehnsüchtig er auch nach einem Weibchen Ausschau halten mochte, war er doch blind und taub für Anatas Vater, der sich mit seiner Tochter auf den Schultern ganz leise an ihn heranpirschte. Anata war stumm vor Glück. Sie hatte einmal ein Feuerwerk gesehen und dachte, es wäre der schönste Anblick der ganzen Welt oder zumindest ihres ganzen Lebens, aber was war ein menschgemachtes Feuerwerk aus kalten grauen Röhren gegen dieses lebende Feuer, das niemanden verbrannte außer dem Herz dieses armen einsamen Vogels?
Anatas Vater blieb stehen - ausgerechnet jetzt, wo Anata näher heranwollte, mehr sehen, fühlen, ob das Feuer warm war, riechen, ob es das Gras versengte, das Gesicht des Pfaus wollte sie sehen können, seine Augen, sie wollte wissen, ob er noch Hoffnung hatte oder ob er wußte, daß er sein Rad für niemanden schlug. Anata konnte nicht sagen, woher diese Gefühle kamen - sie spürte ein Ziehen in ihrer Brust, da wo ihr eigenes Herz war, sie fühlte Einsamkeit und Sehnsucht und Dinge, für die sie keine Worte hatte und die zu groß für sie waren, zu alt, zu fremd. Eine wunderschöne Traurigkeit.
Dann erst begriff Anata, daß es nicht das war, was sie sah, sondern das, was sie hörte. Das Lied war leise und fern, aber es schraubte sich direkt in Anatas Kopf, als wollte es nicht den Umweg über ihre Ohren nehmen, und von dort direkt in sie hinein. Und wo der Anblick des Vogels das Schönste war, das Anata jemals im Leben gesehen hatte, war dies das Lied dazu. Es klang nicht wie die Stimme eines Vogels, kein Zwitschern war darin wie von einem kleinen Vogel, kein Schreien wie von einem großen; es hatte keine Worte und keine Stimme, aber es war ein Lied, daß Anata in ihrem Leben niemals vergessen würde, und wenn man sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf riß, würde sie es noch singen können, selbst in hundert Jahren.
Ganz leise begann Anata mitzusummen. Sie vergaß ihr Versprechen, still zu sein - wieso sollte der Feuerpfau sie auch fürchten, wenn sie sein Lied mitsang? Vielleicht wurde er sogar näherkommen, wenn er sie hörte, wenn er merkte, daß er nicht mehr allein war mit seinem Lied -
»Anata?« fragte ihr Vater, lauter als er es durfte, wo der Vogel ganz in der Nähe war. »Was summst du da?«
Anata hörte auf zu summen, aber das Lied klang in ihrem Kopf weiter. »Er singt so schön«, flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum hörbarer als ein Atemzug. »Alle haben immer nur davon geredet, wie schön er aussieht, aber niemand -«
Ihr Vater packte Anatas Beine so fest, daß sie vor Schmerz und erschrocken aufschrie. »Halt dir die Ohren zu, so fest du nur kannst!« schrie er und fuhr herum.
»Aber was…«, wollte Anata noch fragen - aus den Augenwinkeln sah sie noch, wie der Feuerpfau davonschoß, aber der konnte nicht halb so erschrocken sein wie sie selbst in diesem Augenblick. Ihr Vater rannte los, mit weiten Sätzen, daß Anata ganz und gar durchgeschüttelte wurde. Es tat weh, und es machte ihr Angst, richtig große Angst, daß sie sich nicht mehr zu rühren traute.
»Steck die Finger in die Ohren!« schrie ihr Vater nochmals, aber Anata wuße nicht mal mehr, wie - sie konnte sich nur noch festklammern, und ihr Herz hämmerte so laut, daß es die letzten Überreste des Liedes aus ihrem Kopf vertrieb. Die Angst jagte hinter ihnen her, und Anata wußte noch nicht einmal, Angst vor was - aber ihr Vater fürchtete sich, ihr Vater, der größte und stärkste Mann der Welt, der vor nichts und niemandem Angst hatte, fürchtete sich. Und das machte Anata mehr Angst als alles andere. Er hielt sie fest und ließ sie nicht fallen, als er querfeldein durch die Nacht rannte, doch das Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit war vergessen.
Auf den Schultern ihres Vaters war Anata stolz aus dem Haus geritten. Doch als sie nun zurückkam, zitternd vor Kälte und Furcht, verwirrt und unglücklich, war auch ihr großer Vater nur noch Taro der Korbmacher.

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