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NadineKegele
Novel: Die letzten Worte des Herrn Erich oder Vom ordnungsgemäßen Transport menschlicher Innereien
Genre: Literary Fiction
7,704 words so far  

About NadineKegele

Location: Vienna

Age:27

Website: http://nadinekegele.net

Favorite writers: Friederike Mayröcker, Franzobel, Thomas Bernhard, Michael Lentz, Elfriede Jelinek, Wolf Haas, Sven Regener usw. usf.

Joined date: Oktober 26, 2007

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Die letzten Worte des Herrn Erich oder Vom ordnungsgemäßen Transport menschlicher Innereien
an excerpt

amour fou

und da träumte er von ihr
schnell und immer schneller
er war auch nur ein mensch

1
Sterben.

„Alles schwankt zwischen außergewöhnlich und alltäglich. Der Tod ist wohl alltäglich, außer man selbst ist betroffen davon.“

2
Schlafen.

Liegen bleiben war auch keine Lösung. Das wusste Sebastian Bruno Fleischl längst. Bereits auf den Beinen war er aber nicht nur aufgrund dieses phlegmatischen Zugeständnisses an eine Wirklichkeit, an der ohnehin nichts zu ändern war, auf den Beinen war er seines rabiaten Trainings wegen: Fertigschlafen in nur sechs Stunden. Spaß machte es nicht, doch es musste sein. Denn Sebastian Bruno Fleischl erlag in seinen Nächten einem komaartigen Wegdriften in eine Traumexistenz, in der alles möglich war: Waschmaschinen über Wendeltreppen einhändig, Hochhäuser an den Außenwänden nur mit Händen und Füßen, den Mount Everest ohne Steigeisen barfuß. Immer ging es bergauf, und das – so viel Traumdeuterei vermochte Sebastian Bruno Fleischl eigenständig zu tun und ohne Freud – war unterbewusstes Herbeizitieren bei gleichzeitig bewusster Ermangelung. Im Schlaf erklomm er die Hürden auf dem Weg nach ganz oben konstant und mit regem Körpereinsatz, er wuchs himmelwärts, das gefiel ihm. Im Schlaf war Sebastian Bruno Fleischl alles möglich, nur nicht das Erwachen, dieses zog sich in die Länge. Zehn Stunden und mehr kostete ihn die körperlich notwendige Ruhephase täglich und zehn Stunden und mehr war zu viel, darüber war sich Sebastian Bruno Fleischl auch im Klaren, denn schlafen war auch keine Lösung, zumindest nicht die einzige. Dieses unbeteiligte Dahinvegetieren auf Stand-By war Sebastian Bruno Fleischl eine Qual. Ja schon, er bevorzugte es lax, mochte legeres Herumlungern, Kratzen im Dreitagesbart, nicht die Haare waschen, obwohl schon grenzwertig, doch die Tage hatten bloß 24 Stunden, und seine hatten auch nicht mehr, das war ja das Problem. Von 24 Stunden zwölf blöde herum zu liegen wie verstorben, zumindest aber erschlagen, fühlte sich an wie krank, und Kranke musste man kurieren, gegen Krankheit musste etwas getan werden. Sebastian Bruno Fleischl trainierte.

3
Sprechen.

Beim Sterben gab es verschiedenste Varianten und eigentlich konnte man immer. Freiwillig, unfreiwillig, versehentlich, im Schlaf. Schlafen und Sterben waren ja überhaupt. Zwei vom gleichen Schlag, Brüder im Geiste, Verwandtschaftsverhältnis, makabere Liebesaffäre. Starb man eines natürlichen Todes, sagen wir Altersschwäche, gab es im Vorfeld Anzeichen, das war nicht zu vergleichen mit einem Unfall, wo alles abrupt und unvorhersehbar, von einem Moment auf den anderen oder doch noch reanimiert und die Sanduhr rechtzeitig vor Ablauf auf den Kopf gestellt, Schonfrist. Bei Altersschwäche ging es langsam, es war ein Leben im Sterben, es ging schleppend, Schneckentempo. Der menschliche Körper stellte sich darauf ein, wie der Mensch sich einstellen kann auf fast alles, Gewohnheitstier: Seh- und Hörvermögen nahmen ab, die Atmung verflachte, Atemstillstand, Hirntod.
„Ich will...“
Er schloss die Augen, atmete flach.
„... ich bin so weit.“
Der Schriftführer klopfte die Bleistiftspitze aufs Papier, ein dünner, unsicherer Strich überschlug sich und sprengte über die blaue vorgedruckte waagrechte Linie hinaus wie ein Bankräuber aus dem Hochsicherheitstrakt. Gespannt zog er Luft ein in die Nasenlöcher, als hätte er nun ein kurzes Stück des Wegs zu tauchen. Das wie in einer Muschel rauschende Stimmengewirr im Zimmer wurde leiser, dann still, brach ab, wie Lieder abbrachen, stetig. Alle Augenpaare richteten sich auf das Bett, auf dem es leise keuchte, ab und an rasselte, die Köpfe bewegten sich nur wenig, ein einziges Schielen.

4
Durchhalten.

Drei Wochen sollte es dauern, dann war man es gewohnt. Sebastian wollte daran glauben. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig, denn bisher zählte er erst zwei Tage und das frühmorgendliche Aufraffen war mühselig wie nur irgendwas. Wie das Fabrikshallenwandbemalen mit einem Seidenmalpinsel zum Beispiel. Oder das Regenbogeneinfärben mit Fingerfarben. Das Pyramiden erbauen mit Kieselsteinen. Es konnte nur noch aufwärts gehen, und drei Wochen mussten doch irgendwie zu schaffen sein.
Durchhaltevermögen war nicht eben das, was Sebastian wesentlich auszeichnete. Wahrscheinlich mochte man es sogar erst an zweiunddreißigster Stelle aufgezählt haben, hinter unkonzentriert, geistesabwesend, nicht unintelligent, hinter oft unbeteiligt, wortkarg, scheu, weit hinter mitunter faul und träge. Bereits in der Volksschule war dieses fehlende Durchhaltevermögen bezeichnend für ihn gewesen. Das hatte auch seine Lehrerin rasch bemerkt, denn für die weihnachtliche Theateraufführung hatte er sich für die Rolle eines der drei Weisen mit orientalischer Kartonkrone und blattgoldenem Umhang gemeldet, jedoch die des Esels unter mausgrauem Vorhangstoff bekommen, der hatte am wenigsten Text, auf den konnte im Ernstfall verzichtet werden. Wenn er heute daran dachte, war ihm, als hätte man ihm die Rolle des Godot schöngeredet, obwohl er Estragon sein wollte, er dachte nicht gerne daran. Seine Lehrerin aber war schon in Ordnung gewesen, er hatte sie gemocht, sie konnte ja auch nichts dafür.
Hätte man nun aber von ihm verlangt, auf Biegen und Brechen ein Haar in der Suppe finden zu müssen, wäre es vielleicht ihr Hang gewesen, auf Nummer sicher zu gehen weil Schulaufführung und Repräsentationscharakter. Sie hätte ganz einfach mehr an ihn glauben müssen, pädagogisch gewitzt motivieren, Personal Trainer, Coach. Doch konnte andererseits auch nicht von ihr verlangt werden, dem gänzlich unfähigsten Kind eine der tragenden Rollen anzuvertrauen, dafür hatte Sebastian Verständnis, und das noch vor Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit, Zufriedenheit. Denn gab es immer zwei Seiten einer Medaille, es gab immer auch die Kehrseite einer Glanzseite, und diese Kehrseite hätte gut und gerne sein können, dass der schüchterne Junge mit tragender Rolle, in den alle Hoffnung gesetzt wurde, auf dem bei der Aufführung alle Augenpaare gerichtet gewesen wären wie im Casino auf die Finger des Croupier, auch hätte zerbrechen können an diesem unmenschlichen Druck, der auf seinen kindlichen Schultern lastete.
Man kannte das doch: Ein Eislaufmädchen wird erwachsen und lässt das Knie ihrer Konkurrentin zertrümmern weil geborene Gewinnerin. Oder ein ehemaliger Tennisspieler gerät nur noch wegen unehelicher Befruchtung in die Schlagzeilen und weil die Affäre den Mund nicht halten kann. Da mag man heute noch so sehr darüber informiert sein, dass das Eislaufmädchen gar nichts wusste von diesem Anschlag und der Tennisspieler nichts von der Schwängerung, was bleibt, ist immer ein schlechter Nachgeschmack. Doch so ist das mit Vergleichen, die hinken immer hinterher, sind immer untrügliches Zeichen dafür, dass man etwas nicht so deutlich zu sagen vermag, wie man eigentlich gerne würde, sonst hätte man es ja gar nicht nötig, auszulagern auf eine naturgemäß unzureichende Metapher. Kurzum: Sebastian hätte auch zerbrechen können an den Heiligen drei Königen und kann’s mit dem Esel ganz zufrieden sein aus dieser Sicht, denn wer weiß, welch schlechte Erinnerung sonst womöglich geblieben wäre von dieser Schulaufführung.

5
Residieren.

Laut Stammbaum war das nicht gut genug. Doch Stammbäume waren nostalgische Sentimentalitäten, mit denen man niemanden mehr beeindrucken konnte seit der Bauernbefreiung, spätestens aber seit dem kaiserlich-königlichen Untergang. Das war ihr völlig bewusst, sie war kein Vogel Strauß und Kopf in den Sand, sie vermochte der Wahrheit ins Auge zu sehen, vielleicht nicht gerade lachenden Munds, dafür war der Untergang dann doch zu schmählich, erniedrigend, doch aufrechten Hauptes, stolzen Mutes, denn sie war eine von Vogelsang, dieses blaublütigen Beratergeschlechts mitteleuropäischer Herrscherhäuser. Die neumodischen Entwicklungen sozialer Angleichung von Proletariat und Bourgeoisie an die Oberschicht, oder, um aus ihrer Sicht zu sprechen, des Oben an das Unten, waren ihr zuwider. Vor dem Gesetz war alles gleich? Damit musste man ihr gar nicht erst kommen. Damals, aber auch – und das musste der Zeit trotz allem gelassen werden – während der Nazis –, konnte ein edler Name noch mit Gold aufgewogen werden, konnte man sich auf Genealogien verlassen wie auf das unten wieder Herauskommen nach dem oben zuerst hinein Schütten. Mit damals war die Kaiserzeit gemeint, Kaiser Franz Josef I., ein Bild von einem Mann, als Sisi noch war, das wusste sie von ihrer Frau Mutter, Gott hab sie selig, sie selbst hatte ihn nur alt erlebt, aber dennoch würdig, sie war ein Backfisch gewesen, als er gestorben war, der Trauerzug sei herrschaftlich gewesen, sie war am Todesbett ihrer Frau Mutter gesessen, Gott hab sie selig, denn die war gleichen Tags von der Tramway nieder geführt worden, Proletariat, mörderisches! Karl V. war als Kaiser ein Witz, ein einziger, das wusste sie von ihrem Herrn Vater, der die amtliche Auslöschung des österreichisch-ungarischen Adels schon damals vorausgesagt hatte, Gott hab ihn selig, er hatte alles das kommen sehen.
Denn heutzutage wurde befruchtet und vermischt völlig planlos, ungehemmt, Zucht und Ordnung waren dahin auf ewig, die niedrigen Triebe entfesselt, konnten genau so wenig wieder eingedämmt werden, wie Frösche sich zu Kaulquappen nicht wieder rückverwandeln konnten, umzingelt von Mischlingen, alles Bastarde, alle. Sie wünschte sich die Kaiserzeit zurück, wenigstens das Dritte Reich, als gutes Blut noch etwas zählte, als ihr Blut noch etwas zählte, doch leider – und das wusste sie: Unwiederbringlich verloren. Dahin. Für immer. Was einem in diesen modischen Zeiten blieb, war die Erinnerung an eine andere, bessere Zeit, die es freundlicher meinte mit einem, eine goldene Zeit. Und der auf die Größe einer Motorhaube gestickte Stammbaum über der Renaissance-Anrichte. Weil da konnte man sich wenigstens noch vergewissern ob seiner Herkunft, wenn die Welt einem einzureden versuchte, die Verwandtschaft täte nichts zur Sache, ein Adelsprädikat gäbe es nicht mehr, schon lange nicht, 1920. Beim Anblick eines solchen Motorhaubenstammbaums konnte man sich sicher sein, die Welt draußen vor der Tür geriet aus der Bahn wie ein Flugzeug, das in ein Luftloch flog, eine illusionistische Verwirrung folgte auf die nächste, kommunistische Herrschaftsideen und Erstarken demokratischen Pöbels, Republik.
Mariella Freifrau von Vogelsang war diese Welt nicht gut genug, ihre Drei-Zimmer-Wohnung ein Abstieg, den sie nicht öffentlich breittreten wollte. So schloss sie sich also ein und alles andere aus, Fluchtburg Elfenbeinturm. Einzig ihre Katze, eine Siam, die wie die Perser den siamesischen Herrscherhäusern vorbehalten gewesen war, hinauf gezüchtet, wie Viehzüchter ein Leben lang nur träumen konnten von einer Zucht, war standesgemäß.

6
Sitzen.

Beim Singen verbrauchte man drei Mal so viel, zügiges Gehen benötigte 4,5 Mal, Treppensteigen brauchte sechs, gemütliches Fahrradfahren 5,5, rassiges Fahrradfahren ganze zehn Mal mehr Energie als herum zu sitzen. Sebastian saß oft, und er saß lange, denn er hatte keine Arbeit, aber eine Fensterbank, die war zum Sitzen wie gemacht: Ein mal 1,5 Meter Platz, wo er saß auf gelben und orangefarbenen Polstern wie eine Arbeitsbiene auf einem noch nicht abgeernteten Fruchtknoten. Er las Zeitung, beobachtete das Büchercafé unten an der Straßenecke, das er von seinem Fenster in der dritten Etage aus sah, alle zwei Wochen schnitt er seine Zehennägel, und immer aß er Madeleines. Wenn er schläfrig wurde, und das wurde er oft, wenn der Körper so konzentriert auf Sparflamme, konnte er mit an den Bauch angewinkelten Beinen auch einfach mal auf die Seite kippen und einnicken auf seiner Fensterfrucht, das hatte man sich dann vorzustellen wie einen Fötus in seiner Fruchtblase, bloß größer und nicht nass. Auch wurde Sebastian das mütterliche Service des Fruchtkuchens vorenthalten, er musste sich seine Nahrung aus der Küche holen, jedoch sein Kühlschrank war an fünf von sieben Tagen licht bis leer, denn Arbeit hatte er keine, bloß ein sonniges Sitzfenster, doch das war auch schon was, seiner vorhergehenden Wohnung hatte es selbst an diesem gemangelt. Gegen den Durst half Wasser aus der Leitung, doch taugte dies nichts, weil sein Wohnhaus ein Altbau aus dem Fin de Siècle und die Rohre einzig bleihaltiges Wasser ausspuckten, und das war dann auch wieder, bleihaltig wie die Luft im wilden Westen, nicht sehr bekömmlich, ja ungesund, und bei zu hoher Konzentration mitunter sogar schädlich, er trank das Bleiwasser nur, wenn er vergessen hatte, sich auf einer öffentlichen Toilette sauberes Trinkwasser in eine leere Zweiliterflasche umzufüllen und nach Hause mitzunehmen, nur im äußersten Notfall.
So saß Sebastian auch an diesem Tag auf seiner Fenstersitzbank und tat nichts, in der Hand einen Kaffee, schwarz. Die Milch war aus, das Fenster geschlossen, draußen herrschten Temperaturen um die fünf Grad, das zumindest verriet ihm das Thermometer an der Häuserwand gegenüber, eine Versicherung hatte neben ihrem Logo eine Anzeigentafel angebracht, die zwischen Temperatur, Uhrzeit und Datum hin und her wechselte, gelbe Leuchtschrift, Digitalanzeige, ein Radiowecker für Blinde, „Die Versicherung auf Ihrer Seite“. Eingewickelt in seine Bettdecke saß er und glich nicht wenig einem Würstchen im Schlafrock mit Augen und Toupet. Er heizte noch nicht, Sparmaßnahme. Auf die warme Luft konnte Sebastian verzichten, wie er auf teures Essen verzichten konnte und ja, auch die Hauptrolle in einem Theaterstück, er konnte auch ohne. Wenn er sich seine Bettdecke um den langen Körper wickelte wie Inder ihren Sari, fror er nicht übermäßig, und nicht übermäßig befand sich durchaus im Bereich des Annehmbaren. Nun war aber eine knapp unter den Achseln gebundene Decke ein Staubfänger sondergleichen, bewegte man sich durch die Wohnung mit diesem Ungetüm von Wärmekammer um sich herum, doch kam ihm da – anders als bei der Höhe des Fensterbankrahmens – seine Größe sehr entgegen, denn er war nicht gerade Basketballspieler, aber durchaus Hürdenläufer, was bedeutete, dass er die Decke nicht ständig auf dem Holzparkett hinter sich her ziehen musste, um damit fröhlich den Lurch aufzusammeln. Na immerhin. Im Übrigen war Sebastian der Ansicht, dass man vom Leben nicht zu viel erwarten durfte, unten sollte man anfangen, damit man es registrierte, wenn man oben angekommen war, und Problemen musste man nach bestem Wissen und Gewissen entgegen wirken, das war das ganze Geheimnis. Dem Raumtemperaturproblem wirkte Sebastian entgegen, indem er sich einen Bart stehen ließ, denn der Kopf verlor am schnellsten Wärme und so ein Gesichtspelz würde ihm gut tun, außerdem würde es draußen vielleicht auch bald schneien, da konnte so ein Bart auch so einiges beitragen.
So saß Sebastian auf der Fensterbank, eingewickelt in seine Bettdecke wie eine Wurst und trank Kaffee, um die Backen einen Bart, neben ihm eine Packung Madeleines. Denn Madeleines mussten sein. Madeleines waren der einzige Lebensmittelluxus, den er sich gönnte. Ansonsten ernährte er sich von Nudeln und Reis: Billig eben, und Kohlenhydrate. Die Madeleines lugten unter dem durchsichtigen Cellophan hervor wie aus goldgelber Butter geschöpfte Jakobsmuscheln. Meeresfrüchte konnte Sebastian nicht essen, ohne dass sich sein gesamter Mageninhalt innerhalb kürzester Zeit und mit einer Druckwelle aus der Mitte des Bauchs heraus entleeren wollte, doch das kleine französische Sandgebäck hatte bloß die Form einer Muschel, aber den begnadeten Geschmack eines in Zucker und Zitrone gebadeten Biskuit. Und ihr Duft? Erinnerung, einfach nur Erinnerung. Zumindest wenn man einer Parfumverkäuferin glauben durfte, bei der Sebastian im Sommer ein Eau de Cologne für einen Geburtstag gekauft hatte. Diese Verkäuferin hatte ihm einen Duft mit Namen Madeleine empfohlen, „Ich möchte Ihnen dieses hier“, sie präsentierte die Glasflasche mit manikürten, beringten Fingern, wie man es aus diesen Verkaufssendungen im Fernsehen kannte, „dieses hier wärmstens ans Herz legen“ hatte sie es genannt, und seine Affinität zu Sandgebäck war es, die ihm die Kaufentscheidung erleichterte, mit Herz hatte das gar nichts zu tun, Schmunzesvokabular.
„Wir möchten, dass dieser Duft seinen Träger oder seine Trägerin an einen besonderen Ort oder in eine spezielle Zeit voller positiver Erinnerungen zurück bringt“, war auf dem Beipackzettel gestanden, wobei Sebastian nun unsicher wurde, ob so ein Werbepapier überhaupt Beipackzettel zu nennen war. Die Verkäuferin, in einem rosafarbenen Coco Chanel-Kostüm mit weißem Revers, „uniformiert wie ein Marineoffizier, bloß umgekehrt“, dachte Sebastian, hatte ihm dazu eine Geschichte erzählt. Ob diese stimmte, wusste er nicht, doch er mochte sie und sie ging so: Eine Französin, Madame Madeleine, Zofe im Ancien Régime, ein Rezept ihrer Großmutter, ein kleiner Kuchen, ein berühmter Roman, Jahrhunderte später, beginnend mit einem Duft, nein, mit einem Mann, der ausgelöst von einer in Tee getauchten Madeleine diesen Duft erst wahrnimmt, „was für ein Tee?“, hatte Sebastian die Verkäuferin gefragt, sie hatte die Sorte nicht gewusst, jedenfalls aber ausgelöst von dieser in einen Tee getauchten Madeleine, kehrte die Vergangenheit duftend nach Sandgebäck ins Gedächtnis zurück, über dreitausend Seiten hinweg, und auch in Sebastian war mit einemmal die Erinnerung wieder aufgekommen: Kamillentee, Krankheit, die Mutter umsorgt, es roch nach Beschütztsein, Kindsein, Déjà-vu.
„Und das alles dieses eine Parfum!“, war Sebastians einziger Gedanke gewesen.
Er hatte es sofort gekauft.

7
Besuchen.

Es war ein typisches Krankenzimmer: Verdunkelt, düster, abgestandene, durch Stoffwechsel und Körperausdünstungen verstunkene Luft. Im Fernsehsessel neben dem Bett saß zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Krankenschwester, die mit Kleiderkasten, Küchenzeile und WC-Vorrichtung das karge, sechsteilige Mobiliar der Garcionniere stellte, Angehörige gab es keine. Sie war eine schweigsame Frau, der kein Lächeln auskam, nie, die das Waschen, Füttern, Spritzengeben verrichtete wie andere das Wurst abwiegen und Haare schneiden, Routine. Sie mochte um die Fünfzig sein, ihre Haut war bleich, ihre Lippen weniger von Natur aus schmal als von der Zeit verkniffen, und auf ihren Waden, unter den erdnussfarbenen Stützstrümpfen, versuchten kleine Würmer über die Knie zu den Schenkeln hoch zu kriechen in sie hinein. Vielleicht war sie auch erst Vierzig und hatte ganz einfach begonnen, sich ihren Patienten anzunähern, sich das Alter abzuschauen, es zu kopieren, abzubilden am eigenen Körper, den Verfall zu vervielfältigen, eine naturalistische Figurine mit Anlage zu Krampfadern.
Auf dem Bett unter der weinroten Steppdecke röchelte der Kranke vor sich hin wie ein Trabi, der in seinen letzten Zügen lag, was ein Vergleich nahe an der Realität war, morbide Wirklichkeit überall und Tod. Die weinrote Steppdecke über dem Halbtoten wie samtener Sargausschlag, die aufquellende Blumentapete an den Wänden wie die altersgefleckte, dünne Haut des Sterbenden, die Düsternis im Sterbezimmer wie um die Augen langsam vorzubereiten auf das Immerdunkel, 1,5 Meter Bodenaushub, zugeschüttet, allein. Grabbesuche waren keine zu erwarten. Nicht von Verwandten, von denen existierte ja keiner mehr, waren im Übrigen „elende Cretins“ gewesen, „alle, immer schon“, und auch nicht von der Krankenschwester, für die war er einer von vielen, ein Krankenblatt, eine Zahl und Adresse. Denn wollte eine Krankenschwester all ihre ehemaligen Patienten mehr oder weniger regelmäßig besuchen, müsste sie wahrscheinlich täglich auf den Friedhof springen, ja müsste sich womöglich einmieten dort, wollte sie alle besuchen, die ihr unter den Händen wegstarben. Nein, diese Rechnung konnte nicht aufgehen, Pi. Im Übrigen galt – wollte man nicht am Totengeruch zugrunde gehen –: Distanz! Nur nicht anfreunden! Hilfe ja, Freundschaft nein! Eine zu enge Bindung machte kaputt, stand man auf Nähkästchenplauscherei war man hier im falschen Beruf, gehörte man als Betreuerin einer Alkoholikertruppe in eine Psychoanstalt oder als Busfahrerin auf eine Regionalstrecke, wo man jeden kannte, beim Namen und seiner Lieblingsfarbe, aber nicht hier her.
Den Namen dieses jungen Mannes, der jeden Tag hier aufkreuzte mit Bleistift und Notizblock, den kannte sie nicht, sie hatten einander nicht vorgestellt, er hatte ihr bloß seine Rechte entgegen gestreckt, sie hatte sie nicht entgegen genommen, an ihrer Hand war noch Urin entlang geronnen, beim Windeln wechseln hatte er gepinkelt, und der junge Mann hatte gesagt:
„Ich komme auf Geheiß des Herrn Pfarrer Nagel.“
Sie hörte es sich an und hatte es dabei bewenden lassen. Sie musste nicht wissen, was das bedeutete, dass er auf des Pfarrers Geheiß käme, musste nicht wissen, was er also zu tun hatte hier. Und was sie tat, das sah er ohnehin, da brauchte es keine langen Erklärungen. Weil wieso denn immer alles totreden, das war es ja, was sie mochte an ihrem Beruf, dass man nicht zu reden brauchte, waschen und füttern reichten aus, bei Diabetikern noch Insulin, fertig. Sie war zur Küchenzeile gegangen, hatte ihre Hände mit Gallseife eingerieben, Wasser darüber rinnen lassen, ihre Hände getrocknet, während der Mann sich mit Block und Bleistift neben den Sterbenden gesetzt hatte, ihn ansah, wartete. Er war zwei Stunden geblieben, sitzend und wartend, war dann aufgesprungen wie von der Tarantel gebissen oder als würde er noch auf die letzte Straßenbahn hetzen müssen, war abrupt im Türrahmen stehen geblieben und hatte, während er ihr Stift und Papier in die Hand drückte, gesagt:
„Notieren Sie alles, was er sagt!“
Am nächsten Tag war er mit einem Aufnahmegerät gekommen.

8
Existieren.

Das Büchercafé hieß „Schaden“. Die Betreiber waren selbstironisch genug, ihren Laden auch nach diesem eher vorbelasteten Namen zu benennen, ja gewissermaßen wussten sie diesen eigentlich ungünstigen Umstand für sich zu nutzen wie Italien die Stiefelform für sich zu nutzen wusste, indem es das Gerücht verbreitete, die besten Schuhe, molto bene!, wären italienische, da müsse man sich nur die Landkarte anschauen, das sage alles und basta!:
„Durch Schaden wird man klug“, stand in großen Lettern am oberen Rand des Schaufensters, und Sebastian befand, für einen Buchladen konnte man das gelten lassen.
Seit wenigen Tagen waren die Bücher des – glaubte man den Meldungen, nur wenig überraschenden, denn das konnte man sich an fünf Fingern ausrechnen – Nobelpreisträgers aus dem Schaufenster zurück in die Regale verschwunden oder mit einem penetranten Werbeaufkleber versehen („Nobelpreis für Literatur“) neben die Kasse gestellt worden, und dem französischen Existenzialismus Platz gemacht, allen voran Jean-Paul Sartre, dessen Name sich Sebastian, während er auf der Fensterbank saß und hinunter blickte auf den Laden, auf der Zunge zergehen ließ wie seine Madeleines.
Er hatte sechs Stunden geschlafen, ruhig durchgeschlafen nämlich, ohne sinnlos und konfus wegzuträumen, war aufgestanden nach 6,5 Stunden und hatte – entgegen seinem Tagesablauf der vergangenen Wochen – auch allen Grund dazu: Eine Stelle als Chauffeur. Autofahren, das konnte er, hatte er immer schon gekonnt. Dass ihm gleich nach Erhalt des Führerscheins ein Hirsch unter die Räder kam, war nicht seine Schuld gewesen, am Land passierte so etwas, Wildwechsel. Vielleicht lag es an seinem Phlegma, an seiner überlegenen Absage, an Aggressionen des Straßenverkehrs mitzumachen, doch Sebastian brachte so schnell nichts aus der Ruhe, selbst der Hirsch hatte ihn nicht mit der Wimper zucken lassen, er hatte den Jäger geholt, der hatte den angefahrenen Hirsch bei den Beinen genommen, (Sebastian war zur Hand gegangen), auf die Ladefläche seines Jeeps geworfen, und war abgefahren. Was weiter mit dem Tier geschah, interessierte Sebastian nur wenig, der Jäger hatte es ihm nicht gesagt und Sebastian hatte nicht danach gefragt, die Sache war gegessen, dahin die Existenz, Tiere wurden zusammengeführt, da konnte man nichts tun, am Land wusste man das. Mit seiner Ruhe im Verkehr also, dachte Sebastian, würde er den Job schon bekommen, denn niemand ließ sich weniger beeindrucken von wildem Herumhupen und unflätiger Schimpferei als er. Einen derart in sich selbst ruhenden Chauffeur konnte man sich nur wünschen als Fahrgast, keine Frage, er bekam den Job. Doch noch hatte er ihn nicht und vielleicht brachte es auch kein Glück, dem eigenen Schicksal in einer Weise vorzugreifen, die er als unverblümt, ja als folgerichtig bezeichnen würde, andere aber womöglich als unverschämt. Alles Tiefstapler, dachte er, biss in die nächste Madeleine und schmeckte Sartre.
Dieser hatte ja – ob der Buchladen das gewusst hatte beim Nobelpreisträger raus und Sartre ins Schaufenster rein stellen? – im Jahre 1964 den ihm zugetragenen Literaturnobelpreis abgelehnt. Sieben Jahre später trudelte ein Brief beim schwedischen Komitee ein Brief von ihm ein, worin er bat, man möge ihm nun doch bitte das Preisgeld überweisen. Doch war der Brief um sechs Jahre zu spät eingetroffen, die Umdenkfrist mittlerweile abgelaufen, denn wer zu spät kam, den bestrafte das Leben. Sartre zu bestrafen, seine Existenz und damit seine Ideen auszulöschen, war ein Vorhaben, das nicht nur die Schweden, sondern auch die katholische Kirche mit Verve verfolgte: Sartre war auf dem Index gelandet, da „den Gläubigen gefährliche Zweifel erspart werden müssten“, weil, ja, die Kirche schaute auf ihre Schäfchen, das war ein Verhältnis wie Mutter/Kind, obwohl eigentlich Vater/Sohn und ein paar Zerquetschte, Frauen nämlich, die zählten nicht als voll, außer man war Maria Mutter Gottes, aber wer konnte das schon von sich behaupten, Mutter Theresa vielleicht, oder Audrey Hepburn in „Geschichte einer Nonne“, doch waren die auch beide schon tot, aber sonst? Sebastian zweifelte, ob so ein Index tatsächlich half beim Gute-Menschen-Lektürekanon, denn vielleicht verhielt sich das wie bei der Kindererziehung, was dem Kind verboten war, wollte es unbedingt, was es durfte, tat es gelangweilt oder gar nicht, weil wieso soll es auch. „Mein Kampf“ zum Beispiel wurde ja immer noch unter dem Ladentisch verkauft, obwohl nein, das war etwas Anderes, dachte Sebastian, das war nicht Index, sondern Rechtsprechung, und Vorsichtsmaßnahme außerdem, von guten Menschen konnte keine Rede sein. Doch versuchte die Kirche einer Trotzhaltung dieser Art ja vorzubeugen, indem sie ihren Index wiederum selbst auf den Index setzte, damit niemand erst auf Ideen kam, weil neugierig, sozusagen also Nummer Sicher.
In der auf seinem Wurstschoß liegenden Tageszeitung, die er aus dem Briefschlitz seiner Nachbarn gezogen hatte, als dort noch alles still war, noch niemand wach, weil er war ja früh wach jetzt – sechs Stunden –, las Sebastian, dass Sartre zehn Jahre nach dem Nobelreinfall Andreas Baader in der Stuttgarter Justizvollzugsanstalt besucht und ihm zugestanden hatte, dass er „aufrichtig versucht habe, Prinzipien in die Tat umzusetzen“. Als würde man Terroristen ein Lob für ihre Konsequenz aussprechen, tat ja eigentlich auch niemand, dachte Sebastian bei sich und blickte interessiert auf das Baaderbild im Baaderartikel. „Während seiner Haftzeit in Stuttgart-Stammheim II“, stand darunter. Der Mann auf dem Bild wirkte wie ein französischer Schauspieler der Nouvelle Vague, jung, doch mit Potenzial, schwarz-weiß, die Lichtverhältnisse auf der Fotografie stimmten, indem sie nicht stimmten, Heldenstandbild. Gegen die Glorifizierung Verstorbener hatte Sebastian große Vorbehalte und bei Artikeln dieser Art („Andreas Baader. 30 Jahre tot und noch immer lebendig“) wusste er nie recht, wie das denn nun richtig zu verstehen sei: Als rhetorisch lässige Information, als sentimental romantisierter Rückblick oder als späte Ehrung eines, der im Grunde alles richtig dachte, doch dann erst wieder falsch machte. Und hätte man von Sebastian verlangt, auf Biegen und Brechen die ganze Sache kommentieren zu müssen, wäre es wohl etwas gewesen in Richtung: „Die Idee passabel, bloß stümperhaft die Ausführung.“ Weil das war es, was der Mensch abgab in seiner Existenz, einen Stümper und Dilettanten. Mit diesem Gedanken rutschte er vom Fensterbrett aufs kühle Holzparkett, ging badwärts und pfiff die Marseillaise.

9
Kriechen.

Mit dem Gehen hatte sie es nicht so, die Arthrose. Ihre Gelenksknorpel hatten sich abgerieben wie sich Autoreifen abrieben bei einer Vollbremsung, nur weniger plötzlich und ohne Aussicht auf Ersatzteillager. Sie redete sich ein, dass man mit 85 Jahren durchaus Knorpelverlust haben dürfte, ja müsse sogar, denn das Alter bringe nun einmal Deformationen mit sich, und lange habe sie sowieso nicht mehr, doch dann kam ihr der Gedanke dazwischen, dass sie womöglich eben deshalb nicht mehr lange habe, weil das Alter Deformationen mit sich bringe, ihre positive Weltsicht wurde verlässlich verwirrt von ihrer negativen Weitsicht. Sie versuchte, so gut es ging, einfach nicht hinzuhören, legte sich Scheuklappen an, machte auf taub, doch an manchen Tagen hatte sie das Gefühl, ihre Knochen rieben so ganz ohne die nötige Federung aneinander, da war dann mit Scheuklappen auch nichts mehr auszurichten.
Risa von Fries nahm Schmerzmittel. Hätte ihr vor fünf Jahren noch jemand gesagt, dass es eines Tages so weit kommen würde, hatte sie ihn ausgelacht.
„Nie wird es so weit kommen“, hatte sie immer prophezeit, „den Tag wirst du nicht erleben“, hörte man sie ihrem Sohn zurufen durch die geschlossene Wohnungstür, denn der hatte seine Mutter täglich besucht. Jeden Abend nach der Arbeit war er zu ihr gefahren, ein Plastikgeschirr mit Kantinenessen in der Hand war man ihm im Treppenhaus begegnet, es war gutes Kantinenessen, roch nach Rotkraut mit Knödel, Fischfilet mit Kräuterbutter oder Champignonrahmschnitzel und Reis. Jeden Abend war er gekommen und hatte ihr zu essen gebracht für den nächsten Tag, und am Wochenende hatte er sie genommen und war mit ihr spazieren gegangen. Weit waren sie nie gekommen, oft sah man sie auf der Bank sitzen im Hof, ihre Beine machten nicht mit, zu große Schmerzen. Der Sohn konnte das nicht ertragen, sie schon.
Mittlerweile war er tot, sie nahm schmerzlindernde Medikamente. Er war bei einem zu rasch aufgezogenen Sturm mit seinem Kran ..., vierzig Meter sei er ..., der Kopf wäre keine Kugel mehr gewesen, sondern ..., ein Arbeitsunfall, niemand hatte etwas dafür gekonnt. Im Leichenschauhaus habe Risa von Fries auf dieses zerschnittene, ausgefranste Stück Fleisch gesehen und gesagt: „Das ist nicht mein Sohn.“ Doch er war es gewesen.
Wenn Risa von Fries ihr Paracetamol schluckte, dachte sie an ihn, wie er ihr gut zugeredet und sie zurückgeschimpft hatte, wie er ihr Essen gebracht hatte und mit ihr gegangen war. Heute war sie froh, wenn sie es vom Sofa auf die Toilette schaffte.
Auf allen Vieren, dachte sie dann, könnte es vielleicht leichter gehen.

10
Beobachten.

Er hatte ganz vergessen, was sich hinter seinem Bart verbarg. Ein Gesicht, das um zehn Jahre jünger war als er selbst, mindestens aber fünf, ein Heranwachsender, noch nicht Erwachsener, er hatte schon immer jünger ausgesehen als er war. Jetzt war er ab. Für ein Bewerbungsgespräch, das wusste Sebastian, war es ratsam, gepflegt aufzutreten, sich etwas herauszuputzen. Bei Frauen begann das bei der Rocklänge. Nicht zu kurz sollte er sein, dies war billig, unrepräsentabel, fehl am Platz, obwohl, gelegen kam es schon..., und nicht zu lang sollte er sein, nicht bis gar unter das Knie, denn das kam einem so ganz und gar nicht gelegen, ein bisschen präsentieren sollte man schon können damit. Bei Männern wiederum war der Repräsentationscharakter und zukünftige Arbeitseifer zu errechnen anhand Frisur und Gesichtsrasur. Für seinen Haarschnitt, dachte Sebastian und strich sich mit der Hand über die flaumige Schädeldecke, bräuchte er sich nicht zu schämen: Einfach, doch elegant, ein wöchentliches Eigenprojekt mit dem elektrischen Rasierer, Stufe 1, ein Zentimeter, das hatte weder was von Militär und unselbständig, noch etwas von Hippie und zu selbständig, lag bequem dazwischen, Durchschnitt, gewöhnlich, er konnte alles sein, vom Chauffeur zum Fuhrparkleiter, ein Allrounder.
Das hieß nicht, dass Bärte ungepflegt waren. Vor allem seiner, erst seit drei Tagen ausgesprossen, hatte dazu ja noch nicht einmal Gelegenheit bekommen, da war noch viel mehr drin. Doch gingen die Personalchefs in ihren gestriegelten Anzügen sofort davon aus, weil wussten es nicht besser. Sie selbst Fönfrisuren, glatt rasiert, Schnauzer oder freudscher Altmachobart, schön gesund gebräunte Haut, dem musste man sich fügen, da musste man klein beigeben. Wenn schon nicht beim Teint, dann wenigstens bei der Rasur. Seltsam, fiel Sebastian auf, als er sein junges, nur wenig gebräuntes Gesicht im Spiegel des Alibert sah, an eine weibliche Chefin dachte er gar nicht, doch mit Fönfrisur und Stirnwelle lag er bestimmt auch in diesem Fall richtig, denn diesen Menschenschlag kannte er.
Für Bart jedenfalls lautete die Beurteilungsformel: Schlampig, arbeitet ungenau, braucht länger als andere, ungeeignet. Und ungeeignet? Nicht Sebastian!
Er schnappte sich seine braune Lederjacke mit Achselriss – welcher noch die einzige, die ausschlaggebende Negativbeurteilung hätte werden können, doch eine bessere Jacke besaß er nicht – und eilte zur Tür hinaus. Sich im Flug in die Jacke stülpend sprang er durchs Treppenhaus, hörte das Kindergeschrei der Nemeceks im 3. Stock, das Jazzgedudel des Herrn Köhnigstein im 1. und traf auf Frau Beeran im Parterre. Die Schriftstellerin trug einen Stoffbeutel, aus dem die grünen Enden des Porree, der sich an die Tomaten quetschte, überstand wie die Haarlocke von Wilhelm Buschs Moritz. Sebastian grüßte mit einem schnellen „Guten Tag“ und rannte vorüber, er hatte es eilig, war wie immer zu spät. Mit einem beinahe geflüsterten „Hallo“, das so ganz anders war als das rumpelnde „Hallo“ ihres Schriftstellermannes, grüßte sie zurück. Sebastian blieb stehen, sah auf die Uhr, machte kehrt, ging wieder die zwei Stufen zu ihr hinauf.
„Darf ich?“ fragte er.
„... freundlich“, nahm Charlotte Beeran sein Angebot an, hatte dabei den Satzanfang verschluckt und eigentlich „Sie sind freundlich“, gesagt, oder vielleicht „Wie freundlich“, diese abgehackten Sätze war Sebastian, der sie im Kopf jedoch wie automatisiert vervollständigte, aus anderen Stiegenhausgesprächen mit Charlotte Beeran gewohnt. Die alte Frau bemühte sich, ihm den mit Lebensmittel gefüllten Stoffbeutel zu reichen, ihre Hand zitterte, Sebastian nahm ihr den Beutel ab, er war schwer, für die Frau zu schwer, er wunderte sich, dass sie das Gewicht überhaupt hatte tragen können bis hierher.
Herr Köhnigstein nicht gut zu Fuß, dachte Sebastian, denn Charlotte Beeran und Kaspar Köhnigstein kannte man fast ausschließlich nur im Duo, die beiden gingen stets gemeinsam aus dem Haus, keine Einzelgänger. Einkaufen war Montags und Donnerstags, sie trug die Einkaufstasche in der linken Hand, nach unten baumelnd, er trug die Einkaufstasche mit beiden Händen vor der Brust, das Gewicht von unten her abgestützt.
Das alles wusste Sebastian nicht nur aufgrund regelmäßiger Stiegenhausintermezzi, ebenso ließen seine Fensterbankbetrachtungen ihn über die Tagesabläufe seiner Nachbarn Bescheid wissen, wie sonst nur Portiers in Hotelfilmen Bescheid zu wissen vermochten, die von Detektiven im Trenchcoat gutes Geld für gute Informationen entgegen nahmen. Das verhielt sich wie tägliches Fernsehen, bereits am dritten Tag konnte man im Schlaf aufzählen, welche Sendung um wie viel Uhr: Zum Beispiel die Nemeceks aus dem 3. Stock. Herr Nemecek ging Montag bis Freitag um 6 Uhr aus dem Haus und auf den Bus. Sebastian hörte ihn die Tür hinter sich zuwerfen, das mit dem Bus wusste er aus einem nachbarlichen Kommunikationsgespräch. Zwei Stunden später brachte Frau Nemecek die Zwillinge in die Vorschule. Musste der Junge ins Krankenhaus, hatte die Mutter eine kleine blaue Reisetasche geschultert, kam am Nachmittag wieder mit dem Sohn zurück, während die Tochter von Mittag weg bei Frau von Fries im 2. Stock die mütterliche Rückkehr erwartete.
Frau von Fries wiederum war gegen 11:00 Uhr unterwegs, wenn sie die Post aus dem Postfach holte. Dann keuchte sie durch das Stiegenhaus hinunter und wieder hinauf, in einer Lautstärke, als wäre ein Liebespaar, das sich nicht um eventuelle Zuhörer scherte, im öffentlichen Raum zugange. Wenn Frau von Fries’ Keuchen ertönte, stöckelte pünktlich wie die Stechuhr auch Frau Vogelsang aus der Nachbarwohnung, an der Leine ihre Katze.
„Eine Katze wie ein Hund, eine Frau wie eine Xanthippe“, flüsterte der Nemecek den beiden hinterher, wenn er ihnen im Stiegenhaus begegnete. Hunde mochte er nicht. Und da die Katze – übertriebene Fütterung oder schlechte Verdauung – eindrucksvolle, aber wirklich unansehnliche Übergröße hatte, war Nemecek klar, wo speziell diese Katze einzuordnen war.
Zuguterletzt gab es noch den Hausmeister im 1. Stock neben „Achtung! Blätterwirbel“, wie auf einem goldenen Türschild statt „Köhnigstein/Beeran“ oder „Beeran/Köhnigstein“ geschrieben stand. Die Hausmeisterwohnung Wohnung zu nennen, wäre ebenso unkorrekt, wie ein Ruderboot zum Schiff zu befördern, mit der Wahrheit hatte beides nur mehr temporär zu tun. Über dem Türrahmen stand in Fraktur und Metall das ältliche „Hausbesorger“, neben dem Klingelknopf in händisch notierten Großbuchstaben „Höllerer“.
In Wahrheit aber wohnte dort Herr Erich. Alle nannten ihn so. Herr Erich war die goldene Mitte zwischen offiziellem Sie und kollegialem, freundschaftlichem Du. Weil wenn man jemanden tagaus tagein beim Stiegenputzen, Glühbirnenwechseln oder Stromkasten Reparieren antraf, hatte man das Offizielle hinter sich. Da geriet man ins Gespräch. Da war man einander nicht länger fremd, da sprach man schon mal über mehr als nur das Wetter. Über die Enkel zum Beispiel, und die Kinder, über das Mittagessen und die schon seit Wochen andauernden Verdauungsschwierigkeiten, „Sie wissen ja“. Ein offizielles Herr Höllerer wäre angesichts dieses regen Informationsaustausches nicht nur steif gewesen und verklemmt, ein offizielles Herr Höllerer wäre auch ein Zugeständnis zur Antipathie gewesen. Und Herrn Erich nicht mögen? Unmöglich! Doch nur der regelmäßigen Treppenhausrederei wegen war man noch lange nicht beim freundschaftlichen Du, nein, das waren zweierlei Paar Schuh. Also einigte man sich wortlos auf Zwischenlösungen. Herr Erich war eine solche Zwischenlösung, den Höllerer kannte man im Haus bloß vom Schriftbild neben der Eingangstür. Ein Gesicht aber brachte man mit Herrn Erich in Verbindung, der sich neu Zuziehenden jeweils mit einem kräftigen Händedruck und dieser billig klingenden Vorstadt-Namenskreuzung vorstellte. Einzig für seine blasphemischen Schriften verwendete Herr Erich das offizielle Höllerer. Denn wenn man über Gott schrieb und die Kirche, dessen irdische Kampfeinheit, war ein freundschaftliches Herr Erich auch nur wenig angebracht, denn dann war es aus mit Herrn Erichs Freundlichkeit, da hieß es dann Klartext.
Die hausmeisterliche Einzimmerwohnung war mehr ein Verließ als erwähnenswert, doch hatte der genügsame Herr Erich zu Sebastian gesagt: „Mein ganzes Leben ein Verließ der Religion.“ So gesehen passte ja alles wunderbar.
Seit Herr Erich im Sterben lag, stand die Tür zur Hausmeisterwohnung oft sperrangelweit offen. Fast machte es den Anschein, als wollte die Krankenschwester nicht allein gelassen werden mit diesem Halbtoten in dieser Halbwohnung. Dann konnte man den alten Mann keuchen hören wie Risa von Fries bei ihren Postgängen, ein potenzielles Liebespaar, die beiden, das sich um eventuelle Zuhörer nicht scheren würde, doch munkelte man, dass Herr Erich nicht warm wurde mit Frauen. Aber wenn der die Hausmeistertür offen stand und sich zur selben Zeit Frau von Fries zum Postkasten aufmachte, hörte sich die Stöhnerei an wie eine einzige Orgie. Da hätte man dann glauben mögen, dass Herr Erich mit den Frauen doch sehr gut.
Gemeinsam mit Charlotte Beeran, der Schriftstellerin mit dem Türschild „Achtung! Blätterwirbel“, das sich neben dem trockenen „Höllerer“ wie eine Kinderzeichnung ausnahm, ging Sebastian Bruno Fleischl nun in den zweiten Stock. Das Treppenhaus war still, kein Keuchen oder Stöhnen, und das Tempo wurde von der Schriftstellerin vorgegeben. Ihre Hand, die die Schriftstellerin bei jedem Schritt nachzog, lag auf der glatten Holzleiste des Stiegengeländers. Sie hielt sich daran fest, als befürchtete sie, sonst zu stürzen, ängstlich, fand Sebastian, vielleicht auch vorsichtig nur, und bedacht. Beim Blätterwirbel angekommen – es war noch das selbe Jazzlied zu hören wie zuvor –, lehnte Sebastian die Einkaufstasche an den roten Türstock. Es war die einzige rote Tür im ganzen Haus.

11
Deformieren.

Wenn sie ihn fütterte, versuchten seine Schwanenhalsfinger nach dem Löffel zu greifen. Sie schafften es nicht. Die Krankenschwester wusste, er würde den Löffel auch dann nicht halten können, wenn sie half und ihm das Besteck zwischen die verkrüppelten Finger steckte, die Finger darüber schloss. Also ließ sie es sein, fütterte ihn, seine ungenau und schwach schnappenden Hände ignorierend, weiter, ab und an ein „Bitte, Herr Höllerer“ ermahnend, ein „Machen Sie es mir nicht so schwer“. Dies war mehr eine rhetorische Bitte denn.
Irgendwann war die Zeit gekommen, wo nichts wieder gut gemacht werden konnte, wo die Medizin nicht mehr zu helfen vermochte und auch nicht die Esoterik. Wenn diese Zeit gekommen war, gehörten Korrekturen der Vergangenheit an, dann mussten die Fehler freigelassen und die Körper unter die alles beherrschende Hierarchie des Sterbens gestellt werden, unabwendbar, Oberkommando. Das einzige, was dann noch ging, war wünschen und hoffen, der Wunsch möge in Erfüllung gehen, sich zum Beispiel zu wünschen, nicht allein sein, wenn. Jemanden um sich zu haben, der einem die Schmerzen stillte, der da war, wenn es andauerte, nicht schnell gehen wollte. Bei Erich Höllerer dauerte es an. Die Krankenschwester war bei ihm, die Schmerzen stillend, stumm, manchmal ermahnend.
„Machen Sie es mir nicht so schwer!“
Die ergotherapeutischen Übungen für die Gichtfinger hatte sie beendet. Er brauchte sie nicht mehr. Die letzten Tage würde sie ihn pflegen, ihm bei Hunger zu essen geben, bei einer vollen Windel eine leere zur Hand.
Wenn sie in dieser Wohnung wie ein Kofferraum keine Luft mehr bekam, dann öffnete sie die Tür, horchte auf die Schritte im Treppenhaus, die Rufe der Kinder, das Schimpfen der alten Frauen. Dann konnte sie atmen.
Manchmal sah ein junger Mann vorbei, sie redete nichts mit ihm, doch mochte sie seine Gesellschaft. Er las dem Sterbenden vor, oder, wenn er bei sich war und wach, sprachen sie miteinander, langsam, als würden sie einander von den Lippen lesen, und leise, als hätten die Wände Ohren.
Und jeden Tag kam der Schriftführer.

12
Schreiben.

Beim nach Hause Kommen und Betreten des Vorzimmers dachte er an bunte Blumen. An jene, die er vergessen hatte mitzubringen, um sie glücklich zu machen, sie fröhlich zu manipulieren. Sie war depressiv von Natur, das hatte sie ihm am ersten Tag gesagt, sie wollte nur alleine sein oder mit ihm, das hatte sie ihm am zehnten Tag gesagt, doch er wollte nicht mit ihr, nicht immer jedenfalls, das hatte er ihr nie gesagt, sie wusste es dennoch, wollte es bloß nicht ausgesprochen hören, das wollte niemand. Seinen Morgenspaziergang mochte er alleine gehen, mit sich, „um zu fließen“ so er, zu fließen vermochte er nicht mit ihr, mit niemandem, sie versuchte, es nicht persönlich zu nehmen, manchmal gelang es ihr. Wenn er nach Hause kam, trug er meist Blumen mit sich, bunte, sie mochte bunte Farben, Regenbogenskala. Aus diesem Grund war auch die Eingangstür farbig, damit sie, wenn sie den Schlüssel in das Schloss steckte, drehte und öffnete, nicht die Angst überkam, ein Grab zu betreten, denn das war die auf sie ausgeübte Wirkung des schwarzen Holzlacks, so hatte sie es ihm gesagt nach dem Einzug und er hatte die Tür zu streichen begonnen, als sie die Wohnung verließ und war fertig geworden, als sie nach Hause kam. Und als sie nach Hause kam, hatte sie sich gefreut. Sie hatte es nicht gesagt, doch an ihren Ohren hatte er es gesehen, die wackelten himmelwärts, wenn sie sich freute, das hatte sie ihm am ersten Tag gesagt und am zehnten hatte er es selbst gesehen, ein Körpertalent, für ihn so aufregend, als würde sie mit dem Hintern Bleistifte zerbrechen.
Und so lernten sie einander kennen, sieben, zweihundertachtunddreißig, eintausendneunhundertundfünfsiebzig, elftausendeinhundertundsechzig, neunzehntausendfünfhundertundzwölf Tage lang und alle hatte er sie aufgeschrieben auf den letzten, unbedruckten Seiten seiner dreißigbändigen Encyclopaedia Britannica, er hatte sie alle notiert mit seiner aquamarinblauen Tinte, damit die gemeinsamen Tage und Jahre weder durch die Zeit noch durch seine Hand je zu löschen sein würden. Die Encyclopaedia Britannica, dieses Monster an Lexikon, hatte er an jenem Tag erstanden, als er sie zum allerersten Mal gesehen hatte, an jenem Tag, an dem er sich auf der Stelle in sie verschaut hatte, an dem seine Augen von ihr angezogen wurden wie Blutegel von einer offenen Wunde, magisch. Geliebt hatte er sie später erst, aufgehört aber hatte er seitdem nie, wenn überhaupt, dann vereinzelte Tage nur, sieben vielleicht, oder acht, ansonsten aber immer, denn sie waren ein Langzeitprojekt, sie waren der Orient Express, sie waren ewig währende Kernfusion, sie waren das vierte große Liebespaar nach Romeo und Julia, nach Tristan und Isolde, nach Alexander und Dunja.
Die Encyclopaedia Britannica stand unter der Schirmherrschaft von namhaften und berühmten Nobel- und Pulitzer-Preisträgern und Preisträgerinnen, unter der Schirmherrschaft von Albert Einstein, Sigmund Freud, von Marie Curie und George Bernard Shaw. Sie alle wurden für die Erarbeitung der Lemmata herangezogen, alle, alle hatten sie mitgewirkt, hatte er sich damals gedacht und dachte es bis heute, ungebrochen, ihre Liebe stand unter der Schirmherrschaft der größten Köpfe, und auch wenn der Kopf nicht unbedingt das erste körperliche Synonym der Liebessymbolik war, und auch wenn sie weder Englisch sprach noch verstand, seine dreißigbändige Encyclopaedia Britannica aber auf Englisch verfasst war, für ihn war es das Zeichen gewesen, dass alles gut werden würde mit ihr, und bisher, so dachte er sich jeden Tag, wenn er ganz Buchhalter der Liebe über den Rückseiten der Encyclopaedia Britannica bei seiner aquamarinblauen Additionsnotiz saß, hatte er sich nicht geirrt: Das Zeichen hatte bis heute Bestand, es war nicht tot zu kriegen, wie die Alpen.
In Fünfergrüppchen von jeweils vier senkrechten Strichen und einem Querbalken waren die hintenleeren Lexikonseiten voll gekritzelt, Additionswürste bis auf den letzten Zentimeters, es sah aus wie das Werk eines Psychopathen. Hätte sie es jemals zu Gesicht bekommen, sie hätte sich womöglich gefürchtet ob seiner Obsession, ihre ewig währende Zuneigung wäre vielleicht verkommen zu einer banalen Aversion, dabei meinte er seine Rechnerei romantisch, zu mehr Romantik wären selbst Hölderlin und Novalis nicht fähig gewesen, er gab alles.
Und die neunzehntausendfünfhundertundzwölf Tage schließlich, die waren – ja schon – der einfachen Dezimalberechnung wegen in Fünfergrüppchen eingeteilt, doch schlussendlich ergab so ein Fünfergrüppchen auch – und darin sah er erneut ein Zeichen – die Beatles plus Yoko Ono. Denn 1966 hatte John Lennon Yoko Ono zum ersten Mal gesehen, und 1966 hatte Kaspar Köhnigstein Charlotte Beeran gesehen, auf dem Münchenkonzert der Beatles nämlich, nachdem er nachmittags die dreißigbändige Encyclopaedia Britannica in einem Antiquariat erstanden hatte. Und er musste sich geradewegs in sie verschauen, ja ein Müssen war es gewesen, magisch war es gewesen, seine Augen waren angezogen worden von dieser Frau wie Blutegel von einer offenen Wunde, wie Kühlschrankmagnete von Eisenbahnschienen, wie gesteuert von einer höheren Macht. Und so wie andere von Gotteslenkung sprachen, so sprach er vom Münchenkonzert, alles war so wunderbar magisch gewesen, ganz besonders Charlotte. Und John und Yoko? Die waren das fünftgrößte Liebespaar der Geschichte. Nach Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Alexander und Dunja und Kaspar und Charlotte. Für Kaspar Köhnigstein waren diese Hinweise genug der Zeichen, mehr musste er nicht wissen, die Situation war eine eindeutige.
Und als 1980 die letzten Tage von Lennons Todesjahr vorüber gingen, ohne dass Kaspar bei einer Lesung hinter dem Lesepult, am Signiertisch bei einer Buchpräsentation oder ganz unglamourös vor seiner Haustür erschossen worden wäre, wusste er, das mit ihm und Charlotte, das war Superkleber.

13
Pischen.

HARRER! DER NEUE GUEVARA las Sebastian auf der Plakatwand gegenüber, als er aus dem Haus trat und über das Kopfsteinpflaster eilte. Im selben Augenblick meldete sich seine Blase zu Wort, indem sie ihn tief und gemein in den Unterbauch zwickte. Keine Zeit, winkte er ab, und nahm stattdessen seine Beine in die Hand, denn die Beeranhilfe hatte ihn in seinem von vornherein fehlerhaft kalkulierten Zeitplan dramatisch zurückgeworfen, er würde zu spät kommen und damit gegen eine der fünf goldenen Regeln des korrekten Vorstellens verstoßen, die da wären:
1. Pünktlichkeit – höchste Priorität.
2. Freundlichkeit – ohne überschwänglich zu sein.
3. Bescheidenheit – Händedruck des Gegenübers abwarten, nicht ins Wort fallen, Platz nehmen nach Platzanweisung, nicht vorher.
4. Anstand – stetiger Blickkontakt, aber nicht starren, Witze des Gegenübers mit einem Lächeln kommentieren, doch nicht versuchen, über das Gegenüber Witze zu machen, Humor ist dann akzeptabel, wenn er an sich selbst zelebriert wird, und
5. Respekt – das Revier ist markiert, die Grenzen einhalten, auf keinen Fall: Unterarme auf den Schreibtisch des Gegenübers legen, ebenfalls verboten: beim Mitschreiben den Notizblock auf den fremden Schreibtisch legen.
Ganz schlecht, dachte Sebastian, ganz schlecht! Jetzt würde er zu spät kommen und hatte schon vor Antritt seiner Chauffeurkarriere alle Karten verspielt. Na, immerhin war der Bart weg und er hatte eine anständige Frisur! Als er am Schaufenster der Buchhandlung Schaden vorbeihetzte, blickte er nicht nur dem schielenden Sartre entgegen, sondern auch seinem eigenen Spiegelbild, sah, dass es gut war und dachte bei sich: Die Optik: Tadellos! Die kaputte Lederjacke und der billige Anzug, den er einzig für Vorstellungsgespräche und Beerdigungen aus dem Plastikschutz nahm, wirkten im Schaufensterglas nobler, als sie tatsächlich waren. Doch Sebastian wunderte sich weniger über diese Verzerrung als darüber, dass ihm zu Hause noch gar nicht aufgefallen war, welch schnieke Gestalt er eigentlich abgab. Einerseits, dachte er, stand das Vorstellungsgespräch auf Grund des bisherigen Zeitverlusts unter einem unglücklichen Stern, diese Entwicklung wollte beobachtet werden. Andererseits aber, und diese Erkenntnis ließ ihn aufatmen, war er eine anmutige Erscheinung. Es würde alles gut gehen, überkam ihn plötzlich ein ernst gemeintes positives Gefühl für die Gesamtsituation, während er um die Häuserecke bog, als wäre – was besonders gut zu seinem Anzug passte – die Mafia hinter ihm her. Weil anlegen durfte er sich auch wieder nicht mit seinem Glück.

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