Marcus Johanus

Marcus Johanus

Member for 10 months
Novel: Hexenwerk
Genre: Horror & Supernatural
50529 words so far
Winner!

Synopsis

Maximilian Bach flieht nach einem schweren Autounfall auf eine abgelegene Insel, weil er merkt, dass er mit der Welt nicht mehr zurecht kommt und die Welt nicht mehr mit ihm. Doch schon kurz nach dem Verlassen der Fähre muss er lernen, dass er, wohin auch immer er geht, stets sich selbst mitnimmt. Und als wären die inneren Dämonen, die ihn plagen, nicht genug, geschieht kurz nach seiner Ankunft ein Mord, der nicht der einzige bleiben wird.

Excerpt

Prolog

The usual dreams the usual schemes
Same lost feelings, same bad day dreams
So unreal and delirious
I’m out of breath and I‘m out of luck

--- „Waiting for today to happen”, The Lightning Seeds

Nebel kroch über Maximilians Haut. Sein Haar klebte ihm im Gesicht. Er war der einzige Fußgänger auf der kleinen Fähre. Neben ihm stand ein Geländewagen. Der Fahrer stieg nicht aus.
Max drehte dem Auto den Rücken zu, ließ den Rucksack auf den rostigen Metallboden klatschen, schaltete seinen iPod aus und nahm die Koss Porta von seinen Ohren. Er zog sein Smartphone aus seiner Jacke. Mit dem gesunden linken Ellbogen stütze er sich auf die Reling und hielt das Telefon in der Hand. Es schwebte praktisch über dem Wasser. Es wäre so leicht gewesen, es einfach in die graue, aufgewühlte See fallen zu lassen.
Ein paarmal wischte er mit den Daumen über das Display. Aber es bildeten sich schnell wieder Tropfen auf dem Glas. Dann aktivierte er den Touchscreen und wählte Victorias Nummer.
Wahrscheinlich würde sie gar nicht rangehen, wenn sie seine Nummer sah. Maximilian hatte ihr zu viel angetan. Er würde es verstehen, wenn sie nie wieder ein Wort mit ihm reden würde, auch wenn bei diesem Gedanke sein Herz stehenblieb.
„Max?”, meldete sie sich.
„Ja”, sagte Max. Der Klang seiner eigenen Stimme war ihm fremder als der seiner Frau durch das Telefon.
„Mein Gott. Bin ich froh, dass du dich meldest. Du verdammter Idiot!”
Maximilian atmete erleichtert auf. Aber gleichzeitig legte sich eine Klammer um seinen Brustkorb.
„Es wird dir nicht gefallen”, sagte er.
Vicky zögerte. „Was wird mir nicht gefallen?”
„Wo ich bin.”
„Du bist wirklich nach Dänemark gefahren?”
„Ja.”
„Zu dieser …”
„Ja.”
Max konnte hören, wie Victoria ein Wimmern unterdrückte. Sie schluckte ein paarmal. „Max, … wenn schon nicht um meinetwillen - denk doch wenigstens an die Kinder.”
„Es ist nicht, wie du denkst. Ich will nichts von Anna. Und sie will nichts von mir. Sie will mir helfen.”
„So ein Blödsinn! So naiv kannst du nicht sein. Woher weiß sie überhaupt von dem Unfall? Hast du da mal drüber nachgedacht? Diese Schlampe hatte dich früher am Haken. Jetzt wieder. Nur jetzt bist du krank, Max. Und verheiratet, verdammt. Du kannst offensichtlich keine Entscheidungen mehr treffen. Wieso bist du nicht bei uns geblieben? Wir stehen das zusammen durch.”
„Ich schaffe es, Vicky.” Max wischte sich mit dem Handrücken über die Wange und presste danach schnell das Handy wieder gegen sein Ohr. “Glaub mir. Annas Angebot ist gut. In ein paar Wochen ist alles wieder gut. Dann bin ich der Alte. Ich komme zurück. Wenn du mich dann noch willst.”
„Max, ich …”
„Ich denke nicht, dass es was bringt, wenn wir uns jetzt streiten, Vicky”, unterbrach er sie. “Wenn ich wieder ich selbst bin, komme ich zurück. Wenn du mich dann nicht mehr willst, dann kann ich das verstehen, auch wenn ich mir nichts mehr wünsche, als dass alles wieder wie früher wird. Aber das wäre es nie geworden, wenn ich geblieben wäre. Eigentlich habt ihr mich längst verloren. Das hier ist die letzte Chance, die ich noch habe, alles wieder in Ordnung zu bringen.”
„Verdammt, Maximilian, du weißt genau, dass das alles Blödsinn ist. Wir lieben dich. Ich liebe dich. So wie du bist. Du hattest einen Unfall, dafür kannst du doch nichts. Wir kriegen das schon hin. Es tut mir so leid, wenn ich in der letzten Zeit unzufrieden wirkte. Ich war ungerecht …”
„Nein. Du bist wundervoll. Und mit allem, was du gesagt hast, hast du Recht. Ich bin derjenige, der sich ändern muss. Das ist meine Aufgabe, ich werde euch nicht weiter zur Last fallen.”
„Max, bitte …”
„Ich liebe dich.”
Er unterbrach die Verbindung.
Für eine Weile stand er regungslos da und spürte, wie die Kälte durch seine klamme Kleidung über seine Haut kroch. Ein Ruck ging durch die Fähre. Es surrte und schepperte laut, als die Tore sich öffneten.
Max warf sich seinen Rucksack über die Schulter. Dann wählte er erneut eine Nummer auf seinem Handy. Seine Finger waren so steif, dass er sie kaum bewegen konnte.
„Bach.”
„Mama, … ich bins.”
„Maximilian? Meine Güte!” Jolande Bach flüsterte weiter. “Endlich rufst du mal an. Papa darf davon nichts merken. Warte, ich gehe sicherheitshalber …”
„Schon gut, ich werde es kurz machen. Ich wollte mich nur bedanken. Erst war ich sauer. Aber jetzt bin ich froh, dass du dich eingemischt hast. Ich möchte, dass du das weißt.”
Eine Weile lang sagte seine Mutter nichts. “Wovon redest du?”
„Es war doch deine Idee.”
„Was war meine Idee?”
„Anna sagte mir, dass du die Idee hattest, dass ich bei ihr wohnen könnte, bis die Sache ausgestanden ist … Als du sie neulich getroffen hast.”
„Anna?” Jolande schrie fast. „Hast du wieder Kontakt zu dieser …?” Sie unterbrach sich selbst. Leiser und gefasster sagte sie: “Maximilian, ich habe keine Ahnung, wovon du überhaupt redest. Es ist Jahre her, dass ich diese … Frau gesehen habe. Was um Himmelswillen tust du nur? Wo bist du?”
Der Geländewagen neben Max ließ den Motor an. Die Auspuffgase wärmten sein Bein. Dann trottete er hinter ihm her. Seine Welt bestand plötzlich nur noch aus der Stimme seiner Mutter an seinem Ohr.
„Ich … bin in Dänemark … Mama, was meinst du damit, dass es Jahre her ist, dass du Anna getroffen hast? Sie hat mir gesagt …”
Aber er konnte den Satz nicht beenden.
„Dänemark? Was zum Teufel machst du denn in Dänemark? O Maximilian, was stellst du nur an? Du brauchst Hilfe.”
Max war schwindelig. Er lehnte wieder an die Reling und versuchte zu ignorieren, wie die feinen Wassertropfen langsam durch den Stoff seiner Hose drangen. Er zitterte.
„I-ich weiß, was ich tue”, sagte er nach einer viel zu langen Pause. Ein kleiner Teil seines Gehirns wunderte sich, dass Jolande nicht längst aufgelegt hatte.
„Ach, Max, das glaube ich nicht.”
„Das habt ihr schon immer gesagt.”
„Wenn dein Vater erfährt, was du …”
„Ich glaube, es war ein Fehler, dich anzurufen. Vergiss es einfach.”
„Maximilian, dass muss doch alles nicht so sein.”
„Das hättet ihr euch früher überlegen müssen.”
Er legte auf.
Irgend etwas stimmte hier nicht. Irgend etwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Maximilian steckte das Handy weg und brauchte ein paar Versuche, um sich von der Reling abzustoßen. Dann atmete er ein paarmal tief durch und setzte sich umständlich mit der linken Hand die Kopfhörer wieder auf die Ohren.
Für ein paar Herzschläge stand er vor der Schwelle der Fähre und starrte auf den kurzen aber breiten Metallsteg, der zur Insel führte. Es wäre leicht, einfach an Bord der Fähre zu bleiben und wieder zurück zum Festland zu fahren. Leichter, als jetzt den Fuß zu bewegen und die Insel zu betreten.
Er gab sich einen Ruck, setze den Fuß über die Schwelle, drückte auf Play und Ian Broudy sang:
Sometimes when I wake up slowly
Paralysed by the fears within me
Waiting for today to happen
Waiting for a vague impression
Waiting for today to happen
Waiting here with nothing but disaster …