Meeresbande

Meeresbande

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Novel: Revolution im Weltraum
Genre: Science Fiction
23972 words so far

Synopsis

Sheila, Timothy und Tomba, die sich alle denselben Körper teilen, stoßen auf einer abgelegenen Raumstation auf ein Komplott der Regierung zur Invasion eines friedlichen Planeten -- doch je entschlossener sie und ihre Freund_innen sich gegen den Krieg einsetzen, desto deutlicher zeigt sich das wahre Gesicht ihrer eigenen Regierung...
Falls es ihnen nicht gelingt, den Krieg aufzuhalten, wird er nicht nur eine ganze, wunderschöne Welt zerstören, sondern auch alle die Werte, für die ihre eigene Zivilisation steht.

Excerpt

Irgendwo, in einer eher ländlichen Gegend des von Menschen besiedelten Gebietes in der Milchstraße, gab es eine Raumstation namens MZ5. Die Erbauerin hieß Melissa Zehetbauer und sie kreiste um den fünften Planeten des Sonnensystems. Die Station kreiste, nicht Melissa. Als sie gebaut wurde, haben Raumstation leider noch keine spannenden Namen bekommen. Auch sonst war diese Station eigentlich nicht gerade spannend. Sie zog ihre regelmäßigen Bahnen um einen vollkommen unbewohnten Gesteinsplaneten in einem vollkommen unbewohnten System und fing mit ihren Sonnensegeln die Strahlen des Sterns XY auf. Doch auch an scheinbar unspannenden Orten passieren immer wieder außergewöhnliche Dinge --- manchmal nehmen dort sogar Ereignisse ihren Anfang, die ganze Zivilisationen zum Einsturz bringen können...

„Sheila, kannst du dir das hier mal angucken, bitte?”, fragte Sangeeta in einem Büro auf MZ5, die Augen fest auf ihren Bildschirm gerichtet.

„Ich bin Timothy”, war die leicht genervte Antwort. Er fragte sich, ob sie das denn nicht sah? Er hatte die Brille doch abgenommen, wie immer, wenn er nach vorne kam.

„Oh, entschuldige! Ich habe nicht hingeguckt.”

„Was ist es denn?”, fragte Timothy, der inzwischen aufgestanden war und ihr über die Schulter sah.

„Kommt dir an diesen Zahlen etwas merkwürdig vor?”

Er fand diese Frage zwar komisch, aber da er noch in der Probezeit als Bürokraft war, dachte er, sie wolle ihn vielleicht testen. Er konnte nichts wirklich „Merkwürdiges” entdecken, aber die Zahlen stimmten nicht. „Es geht nicht auf”, stellte er lapidar fest und wollte sich schon wieder seiner eigenen Arbeit zuwenden und die Lohnsteuerabrechnung für eine interplanetare Firma auf dem Mars berechnen. Doch da meldete sich seine Kopfbewohnerin Sheila: „Kann ich mir das auch mal angucken?”

Sie setzte sich ihre Brille auf und begann Sangeetas Zahlen zu studieren, wobei sich ihr Gesichtsausdruck langsam von interessiert über leicht verwirrt bis beinahe grimmig wandelte. Sie sah auf. „Das ist Betrug. Das Geld fließt irgendwohin, wo es nicht gefunden werden soll und die Spuren sollen verwischt werden. Es könnte Verschleierung von Korruption sein, Geldwäsche, oder --- kommt drauf an, um was es geht. Wer ist denn der Kunde?”

„Geht dich gar nichts an!”, erwiderte Sangeeta, was selbst für sie ungewöhnlich schnippisch war. Sheila bemerkte, dass sie bleich geworden war, doch bevor sie noch etwas sagen konnte, verließ Sangeeta den Raum.

Sheila machte sich gleich nach Feierabend auf zu einem Spaziergang durch die inneren Bereiche der Raumstation, denn dort war die durch Fliehkraft erzeugte gefühlte Anziehung geringer und sie behauptete, so halb schwebend, halb gehend besser denken zu können. Normalerweise hätte Timothy sich soweit in ihren gemeinsamen Kopf zurückgezogen, dass er von der Außenwelt nichts mitbekommen hätte, denn er mochte weder Spaziergänge noch Schwerelosigkeit, doch an diesem Tag wollte er mit Sheila reden und dazu musste er sich relativ weit vorne aufhalten. Aber soviel Sheila und Timothy sich auch den Kopf über Sangeetas seltsames Verhalten zerbrachen, sie konnten sich nach einer Weile nur im Kreis drehen.

„Ich werde sie morgen darauf ansprechen”, entschied Sheila.

„Hey, heißt das, ich kann auch endlich mal raus?”, fragte Tomba, die dritte Kopfbewohnerin der beiden. Zusammen werden Sheila, Timothy und Tomba auch oft die Tripples genannt (wie so oft bei Spitznamen weiß inzwischen keine und keiner mehr, wer wann wie auf diese Idee gekommen ist. Eine beliebte Hypothese besagt, dass es von der Vorsilbe „Tri” für drei kommt). „Ich möchte voll gerne Tanzen und mich verkleiden, aber dazu brauche ich mehr Fliehkraft!” Und schon rannte Tomba auf den äußeren Rand der Station zu. „Warte mal, wollen wir nicht erst etwas essen?”, unterbrach Sheila sie.

„Klar! Was denn? Darf ich alleine essen oder wollt ihr auch was? Soll es blau sein?” Tomba strahlte während sie sich die verschiedenen Möglichkeiten vorstellte und verbarg ihre Vorfreude auch nicht, als sie kurz darauf ein doppeltes Kindermenü bestellte. „Äh, bist du nicht zu alt für Kinderkram?”, fragte sie der Junge, der hinter ihr in der Reihe stand. Tomba nahm ihr Essenstablett entgegen und drehte sich dann zu dem Jungen um. „Quatsch, ich bin schon fast zwei Jahre alt [Fußnote: Tomba ist 1,67 MZ-Jahre alt. In Erdenjahren wäre sie ziemlich genau vier] und war schon immer so alt so lange ich mich erinnere und der Körper ist schon über sieben [Fußnote: Da ein MZ-Jahr etwa 2,4 Erdenjahren entspricht, sind die Tripples 17 Erdenjahre alt. Damit sind sie gerade erwachsen geworden.], also kann ich doppelt so viel essen wie andere Kinder!” Dann ließ sie ihn einfach stehen und suchte sich einen freien Platz um sich ihrem bunten Menü zu widmen. Währenddessen schmiedete sie Pläne für ihren Tanzabend: „Vielleicht sollte ich Cora fragen, was meinst du, Timothy, ob sie auch mitmachen will? Oder wir fahren rüber zu ihr, sie wohnt ja weiter draußen! Ja, das ist eine super Idee. Möchtest du Musik aussuchen? Du hast so viel tolle Musik....”

[...]

Zum Glück mussten sie nicht allzu lange warten. Sheila konnte sich gar nicht auf die Arbeit konzentrieren, wahrscheinlich das erste Mal seit dem viertel MZ-Jahr [Das entspricht etwa 7 Erdenmonaten], das sie nun hier arbeiteten. Aber Timothy hatte nichts dagegen, für sie einzuspringen und so schafften sie doch noch einiges, bis Sangeeta plötzlich ins Büro kam und ohne Einleitung sagte: „Es gibt eine Versammlung. In Mr. Smiths Büro.”

Sofort wechselte Sheila nach vorne und sprang auf. Sie folgte Sangeeta in den Flur hinaus und setzte noch nicht einmal ihre Brille auf, so eilig hatte sie es. Als sie alle versammelt waren, begann Mr. Smith zu erklären.

„Wie ihr ja alle wisst, übernimmt Sangeeta gelegentlich kleinere Aufträge für die Finanzbehörde. Vor ein paar Tagen fiel ihr dabei auf, dass einige Zahlen in Gehalts-- und Materialkostenabrechnungen nicht stimmen konnten. Sie überprüfte und analysierte jede Möglichkeit, wie dies zustande gekommen sein könnte. Gestern dann war sie sich ganz sicher, dass etwas nicht stimmte und auch Sheila, der sie die Abrechnungen zeigte, erkannte dies. Sangeeta tat einige Nachforschungen, zum Beispiel über die Verwaltung betreffende Gesetzesvorschriften und neuere politische Entwicklungen, die ja alle im Internet [damit ist im Jahre 2286 natürlich das interstellare Computernetz gemeint. Es übernimmt allerdings genau die gleichen Funktionen wie das weltweite Netz, das früher benutzt wurde, als die Menschheit noch die Erde bewohnte] frei zugänglich zu finden sind. Diese brachte sie nun mit den ihr vorliegenden Abrechnungen und den Akten ihrer vorhergehenden Regierungsaufträge in Zusammenhang. Sangeeta, magst du berichten, zu was für einem Schluss du gekommen bist?”

„Natürlich.” Sangeetas Augenbrauen waren zusammengezogen und ihr Mund ganz verkniffen. „Ihr müsst mir glauben, dass ich alles, was jetzt kommt, niemals sagen würde, wenn ich mir nicht ganz und gar sicher wäre. Aber alle anderen Erklärungen, die ich finden konnte, sind entweder extrem unwahrscheinlich oder gar unmöglich.

Unsere Regierung ist in illegale Waffengeschäfte verwickelt.”

Sie machte eine Pause.

„Es scheint auch, dass ich nicht die einzige bin, die diesen Verdacht hegt, sondern mehrere NGOs und Blogs sind derselben Meinung. Einige sind sehr wenig vertrauenswürdig, natürlich gibt es auch Verschwörungstherorien die das behaupten, aber auch seriöse Vereine und Organisationen warnen vor dieser Gefahr. Ich habe die ganze Nacht daran gearbeitet und so viele harte Fakten, wie ich nur konnte, recherchiert. Zusammen mit dem, was ich durch meine Arbeit weiß, bleibt leider kein anderer Schluss mehr übrig.”

Timothy, Sheila und auch Tomba, die mitgehört hatte, waren sprachlos. Auch sonst war es einen Moment lang ruhig im Raum. Dann sagte Erik@: „Uff, das hätte selbst ich nicht gedacht. Ich meine, eigentlich ist es keine große Überraschung, aber ich hätte es lieber nicht glauben wollen, wisst ihr? Ich hätte der Regierung schon immer alles mögliche Schlechte zugetraut, aber das überrascht mich dann doch. Sollte es eigentlich nicht, wenn mensch sich mal die Geschichte anguckt. Kapitalistische Systeme sind niemals ohne Krieg ausgekommen --- und darum geht es immerhin, zumindest indirekt. Wo es Waffenhandel gibt, gibt es auch Krieg oder zumindest eine Vorbereitung darauf.”

„Krieg?”, fragte Mr. Smith nach. Dann antwortete er sich selbst: „Ja, natürlich. Das ist die logische Konsequenz. Und unser Finanzministerium ist daran auf irgendeine Weise beteiligt. Das ist höchst beunruhigend.”

„Nein, das kann doch nicht sein!”, rief Cora aus, „Krieg? Das müssen wir verhindern!”

„Genau!”, platzte es aus Tomba heraus, die sich gleich darauf den Mund zuhielt, weil sie nicht das Gefühl hatte, bei diesem Gespräch dabei sein zu sollen. Aber das störte keine und keinen.

„Verhindern, wie denn?”, fragte Mr. Smith.

„Wir müssen uns an die Medien wenden”, war Sangeetas Vorschlag. „Wenn das bekannt wird und wir dringende Hinweise haben, dann wird unsere Gesellschaft das nicht zulassen. Oder vielleicht können wir auf rechtlichem Wege etwas erreichen... Ich habe leider noch nicht herausgefunden, wer genau in diese Sache verwickelt ist, geschweige denn, wer davon weiß. Mal angenommen, es geht um Waffengeschäfte und nicht um einen geplanten Krieg unserer Regierung --- was ich mir auch nicht vorstellen kann --- vielleicht reicht es schon, die Vorgesetzten zu verständigen. Die Fnanzinisterin.”

Erik@ standen die Zweifel deutlich auf's Gesicht geschrieben, aber sie sagte nichts. Stattdessen fragte Timothy schüchtern: „Irgendwie blicke ich nicht ganz durch. Wir wissen also nicht, wer genau was genau tut oder plant. Wir wissen nur, dass irgendwer irgendwie in illegalen Waffenhandel verwickelt ist und ehrlich gesagt verstehe ich noch nicht mal, woher wir das wissen. Wie sollen wir da wissen, was wir dagegen tun können? Wir sind doch nur eine kleine Dienstleistungsfirma.” Er sah sich unsicher im Raum um. Dann ließ er den Kopf hängen und sah auf seine Hände.

Cora legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Timothy, das alles werden wir schon genauer herausfinden. Ich wette, dass Sangeeta einige deiner Fragen schon jetzt beantworten kann und den Rest können wir, wenn du magst, gemeinsam versuchen zu klären. Was sagst du dazu, Sangeeta, kannst du dir vorstellen, uns allen deine Erkenntnisse und die Quellen und Beweise, soweit du sie schon hast, zuzuschicken?” Sie sah Sangeeta fragend an.

„Natürlich. Ich habe sowieso alle wichtigen Links gespeichert.”

„Gut”, sagte Mr. Smith, „Dann sollten wir uns die Daten in Ruhe ansehen und weiter besprechen, ob und wie wir darauf reagieren wollen, wenn wir alle auf dem gleichen Wissenstand sind.” Damit war das Treffen beendet.

Eigentlich hätten die Tripples heute dringend für ihr Studium lernen und an ihrer Hausarbeit schreiben müssen, denn Timothy und Sheila studierten Mathematik per Fernuni (andere Arten von Unis gab es kaum noch, jedenfalls nicht auf Raumstationen. Höchstens auf dem Mond und dem Mars gab es noch einige altehrwürdige Institute, wo sich Lehrende und Lernende tatsächlich begegneten). Genau wie die Arbeit teilten sie sich das Studium ziemlich genau Hälfte-Hälfte, aber nach den beunruhigenden Neuigkeiten des Tages konnten sie sich beide nicht darauf konzentrieren. Sie überlegten, vielleicht ihre Eltern anzurufen, aber dann kamen sie doch zu dem Schluss, dass es klüger war, die Sache zumindest jetzt noch nicht zu verbreiten. Außerdem würden ihre Väter wahrscheinlich beide nur mit Skepsis reagieren oder sogar befürchten, dass sie irgendeiner extremistischen politischen Gruppierung beigetreten seien. Besonders Rasmus war immer noch nicht glücklich damit, dass die Tripples nun ihre eigene Wohnung hatten und nur noch hin und wieder mal zu Besuch kamen. Aber Timothy und Sheila hätten es gut verstanden, wenn er und Maurice sich Sorgen gemacht hätten, wenn ihre Kinder ankommen und von Kriegsplänen der menschlichen Regierung faseln --- das hörte sich einfach viel zu absurd an. Doch nachdem sie das meiste dessen, was Sangeeta ihnen geschickt hatte, durchgelesen hatten, waren sie nun auch zu dem selben Schluss gekommen wie sie. Alle Texte und Links hatten sie allerdings nicht geschafft, ihnen brummte schon jetzt der Kopf und sie hatten das Bedürfnis, mit jemenschem zu reden.

„Tomba, ist es OK, wenn du heute nicht so viel Außenzeit bekommst wie sonst?”, fragte Timothy, „Du kannst natürlich mit vorne sein, wenn du möchtest, aber wir möchten wirklich gerne mit Cora oder vielleicht Erik@ reden.”

„Ist schon OK, würde ich ja auch machen, wenn ich ihr wäre. Aber meint ihr echt, dass das so schlimm ist? Ich will keinen Krieg!” Tomba fing plötzlich an zu weinen.

Timothy nahm sie in den Arm und versuchte sie zu trösten. „Nein, Tomba, es gibt bestimmt keinen Krieg. Seit die Menschen die Erde verlassen haben, haben sie keine Kriege mehr geführt. Im Universum ist doch genug Platz für alle und so wahnsinnig viele andere intelligente Spezies gibt es ja auch gar nicht. Und mit denen kommen wir doch gut aus, oder nicht?”

„Ich kenn gar keine anderen Spezis”, maulte Tomba undeutlich, aber immerhin hatte sie aufgehört zu weinen.

„Naja, stimmt, nicht persönlich... Ich kenne einen Lukka, soweit man die kennen kann. Sheila, kennst du nicht ein paar Phee-Yahs?”

„Ein bisschen, aber darum geht es doch nicht. Auch wenn wir persönlich sie nicht kennen würden, leben wir doch friedlich zusammen. Oder wenigstens leben wir friedlich nebeneinander her. Und das gilt auch für den Rest der Menschen und der Lukkus und Phee-Yahs. Ich glaube auch nicht, dass es einen Krieg geben wird, aber trotzdem macht es mir Sorgen, dass es diese Waffengeschäfte offenbar gibt. Darum wollten wir doch zu Cora gehen.”

„Mh-mh”, machte Tomba müde und rieb sich die Augen. „Ja, ich möchte auch gerne Cora besuchen. Das Tanzen hat so viel Spaß gemacht gestern. Das macht gar nichts, dass Cora schon so alt ist, mit der kann ich am allerbesten Spaß haben! Eigentlich ist sie ja auch oft wie ein Kind, sagt sie selber.”

Da sie noch keines der bequem zum Stehen, Schlafen, Arbeiten und Essen geeigneten Magnetautos besaßen, mit denen sich fast alle durch die Station bewegten, mussten sie einen Bus nehmen. Auch er bewegte sich auf Magnetschienen, ebenso wie der Güterverkehr. Zu ihrer Freude trafen sie unterwegs Erik@ [Fußnote: Erik@ ist genderqueer, das heißt, sie ist weder ein Mann, noch ist er eine Frau, sondern beides gleichzeitig und gleichzeitig beides nicht. Sie mag es am liebsten, wenn andere abwechselnd „sie” und „er” sagen oder aber geschlechtsneutrale Pronomen verwenden. In manchen Sprachen klappt das besser, in anderen ist es schwieriger], der ein paar Stationen später einstieg und sich zu ihnen durchdrängelte, als sie die Tripples bemerkte. „Hey, auch unterwegs zu Cora?”, fragte er.

„Mh-hm!”, antwortete Tomba, schon wieder viel fröhlicher als vorhin, „Die Großen finden das heute sogar wichtiger als Studieren, aber sie sagen, ganz so schlimm wie ich dachte, wird es nicht. Oder?”

„Du, lass uns darüber lieber reden, wenn wir bei Cora sind, ja?”, antwortete Erik@, die bei so einem heiklen Thema lieber nicht von fremden Leuten überhört werden wollte. Aber zum Glück verstand Tomba das auch, oder zumindest merkte sie, dass Sheila und Timothy es genau so sahen. Tomba sprach nie über Dinge, wenn sie merkte, dass ihre Kopfbewohner_innen das gerade nicht wollten, weil sie die beiden zu sehr mochte und es hasste, wenn Menschen unglücklich waren.

Erik@ guckte irgendwie verlegen und versuchte, ein anderes Gesprächsthema zu finden. „Hm, tja, magst du eigentlich die XY-Band, die sind doch grade so beliebt, oder?”

„Nee, die mag ich nicht.”

„Hm, ja, kann ich verstehen. Ich mag die auch nicht.”

Der Bus ruckelte leicht beim Übergang in ein anderes Modul der Station.

„Äh, guck mal, gleich sind wir da”, sagte Erik@, offenbar erleichtert, dass er nun nicht weiter verzweifelt nach einem interessanten Thema suchen musste.

Cora lachte ihre Gäste freundlich an, als sie ihnen die Tür aufmachte und auf ihrem Couchtisch standen frische Kekse, die lecker dufteten. Für ein paar Minuten fühlten sie sich alle wohl und genossen das gemütliche Beisammensein. Aber das hielt nicht lange an, da sie ja alle die gleichen Sorgen teilten.

„Du, Cora, du glaubst doch auch, dass es alles gar nicht so schlimm ist oder? Aber warum verkaufen die von der Regierung dann Waffen? Also warum brauchen die die dann überhaupt?”, fragte Tomba.

„Tja, das weiß ich leider auch noch nicht so genau. Aber ich bin sicher, dass wir zusammen, also wir alle aus der Firma, das schon herausfinden werden. Wir sind doch alle ziemlich klug.”

„Aber wir sind nicht alle derselben Meinung”, warf Erik@ ein, „Ich möchte zwar nicht den Teufel an die Wand malen, aber nachdem ich mir all die Infos, die Sangeeta uns geschickt hat, durchgelesen habe, fürchte ich, dass es weit schlimmer ist, als selbst ich heute Mittag noch glauben wollte. Ich denke wirklich, dass ein Krieg geplant sein könnte. Fragt sich nur, wer diesen Krieg führen will und gegen wen.”

„Und warum”, ergänzte Sheila. „Kein Wesen würde doch einfach so Krieg führen. Dafür muss es doch Gründe geben.”

Timothy setzte die Brille, die Sheila gerade erst aufgesetzt hatte, wieder ab. „Warte mal. Ich finde überhaupt nicht, dass das mit dem Krieg schon feststeht. Die Waffen könnten doch auch zur Abschreckung dienen.” Er sah Erik@ an.

„Theoretisch schon”, antwortete diese, „Aber es gibt viele Hinweise, die das widerlegen. Mehrere NGOs und Blogs sagen sogar einen Krieg voraus, ohne auch nur etwas von diesen Geschäften zu wissen. Sie halten das für notwendig--”

„Notwendig?”, unterbrach Timothy, „So etwas ist doch nicht notwendig!”

„Nein, so meinte ich das doch auch gar nicht. Sie halten Krieg aus kapitalistischer Sicht für notwendig, um dieses System weiter aufrecht zu erhalten. Ich halte das nicht für notwendig, im Gegenteil, ich war ja schon immer gegen das System!”

„Ja, ja, du und dein Kapitalismus und System...”

„Timothy”, mischte sich nun Cora ein, „ich kann dich gut verstehen. Ich möchte das alles auch am liebsten nicht glauben. Aber vielleicht solltest du Erik@ einfach erklären lassen, was er damit meint. Es kommt so oft vor, dass wir denken, wir wüssten, was andere Menschen sagen wollen, wenn wir in Wirklichkeit ganz unterschiedliche Dinge mit denselben Worten verbinden.”

Einige Wochen später hatten die Buchhalter_innen so viel recherchiert und Beweise, oder doch zumindest deutliche Hinweise, zusammengetragen, dass vom Finanzministerium aus illegale Waffengeschäfte gesteuert wurden, dass sie sich sicher genug fühlten, um etwas zu unternehmen. Zuerst wollten sie sich an die zuständige Ministerin, Katharina Jung, wenden.

Sangeeta rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und saß noch gerader aufgerichtet als sont. Ihre Kolleginnen und Kollegen hatten sich aus Neugier auch im Raum versammelt, aber so, dass sie von der Kamera an Sangeetas Bildschirm nicht gesehen wurden. Sie wählte die Verbindung zur Finanzministerin. Alles, was sie bekam, war die Nachricht, dass die Ministerin nicht zu sprechen sei. „Wenn sie ein Anliegen für das Finanzministerium haben, so wenden Sie sich bitte an unsere Bürger_innenhotline”, säuselte eine Stimme von der Art Freundlichkeit, die in den meisten Menschen sofort den Wunsch nach Gewalt weckt.

„Ach, das hätten wir uns ja auch wirklich denken können!”, rief Erik@ frustriert aus.

„Wir müssen einen anderen Weg versuchen”, sagte Mr. Smith. „Die Bürger_innenhotline wird uns aber kaum weiterhelfen. Vielleicht können wir eine Nachricht aufnehmen und ihr zuschicken. Wir schreiben dazu, dass nur die Ministerin selbst sie öffnen darf.”

„Ich wäre mir nicht sicher, dass sich die Mitarbeiter_innen von Frau Jung daran halten. Sie bekommt bestimmt täglich so viele Nachrichten, dass sie keine einzige persönlich öffnet, es sei denn, sie kennt die Absende-Adresse schon. So würde ich es an ihrer Stelle jedenfalls machen. Wenn nun jemensch anders die Nachricht öffnet, können wir Pech haben und die Person ist selbst in die Waffengeschäfte verwickelt. Dann wird sie die Nachricht einfach löschen”, sagte Sheila.

„Und wenn wir ihre private Adresse herausfinden?”, fragte Erik@.

„Ich werde das mal versuchen, aber ich glaube kaum, dass das so einfach wird”, seufzte Sangeeta. Sie war sichtlich enttäuscht.

Plötzlich gab es ein kleines, aber sehr beunruhigendes Geräusch und alle Bildschirme im Raum erloschen. Alle Computer waren gleichzeitig abgestürzt. Doch noch ehe den Buchhalter_innen klar wurde, was das bedeutete, fuhren sie von alleine wieder hoch. Jetzt sah aus allen Richtungen dasselbe Gesicht zu ihnen auf. Es war ein computergeneriertes Gesicht, eine starre, weiße Maske mit leeren Augenlöchern. Dann erklang eine monotone, aber drohende Stimme:

„Passt auf, was ihr tut. Passt auf, was ihr sagt. Passt auf, was ihr wisst. Passt auf, was ihr denkt.”

Stille. Schwarze Bildschirme.

„Ein Hackerangriff?”, sagte Mr. Smith und trat auf den nächsten Computer zu, um ihn wieder einzuschalten. „Seht nach, ob Schaden entstanden ist.” Noch immer geschockt und ohne ein Wort zu sagen, machten die anderen sich an die Arbeit.

„Alle Beweise und Hinweise, die wir gesammelt haben, sind vernichtet worden. Ebenso alle Daten von meinen kleinen Aufträgen für die Finanzbehörde. Der Rest scheint unverändert.” Sangeetas Stimme klang beinahe tonlos. „Wir waren so dumm.”

Cora, Erik@ und die Tripples starrten sich gegenseitig an. Keine und keiner wusste etwas zu sagen.

Nach einer Weile brach Erik@ das Schweigen: „Wir müssen sicher gehen, dass wir alle Spyware und Trojaner von unseren Computern löschen. Auch zu Hause oder überall sonst, wo wir in den letzten Wochen je Computer angefasst haben.”

Als sie an diesem Abend zuhause waren, sagte Sheila zu Timothy: „Wir müssen auch bei unseren Eltern die Computer überprüfen.”

„Was? Aber wir waren doch gar nicht dort! Wir haben sie doch noch nicht mal angerufen! Was haben Maurice und Rasmus denn mit all dem zu tun?”

„Nichts, aber das weiß, wer immer uns gehackt hat, doch nicht. Ich an deren Stelle würde alle näheren Familienmitglieder und Freundinnen und Freunde genauso mit auf dem Schirm haben.”

„Mensch, das war wirklich so schon schlimm genug. Ich fühle mich total durchleuchtet, als hätte mich jemand ausgezogen, abfotografiert und dann auch noch geröngt. Ich habe Tagebücher auf meinem Computer! Da sind Geheimnisse bei... Du weißt schon. Und aller möglicher anderer Blödsinn. Was das wohl so aus dem Zusammenhang gerissen für ein Bild ergibt?” Timothy verzog das Gesicht. „Und dann diese Warnung. 'Pass auf, was du denkst!', Oh, das ist --- ich weiß nicht! Es macht mir irgendwie Angst. Ziemlich doll sogar, aber ich weiß nicht genau, wovor ich Angst habe. Es ist so allgemein und schwammig.”

Sheila versuchte, ihn zu trösten und legte Timothy einen Arm um die Schultern. Aber sie selbst fühlte sich ja auch nicht viel besser. Timothy schnaubte leise. „Und jetzt werden auch noch unsere Eltern mit hineingezogen?! Das kann doch nicht wahr sein!”

Am nächsten Morgen waren sie wieder alle in Mr. Smiths Büro versammelt. Alle, außer Mr. Smith selbst, waren viel ernster als sonst. Mr. Smith wirkte immer ernst und gelassen zugleich.

„Es ist klar, dass schon unsere Nachforschungen irgendeiner kriminellen Person aufgefallen sind und es wert waren, uns Steine in den Weg zu legen und zu versuchen, uns einzuschüchtern. Daraus könnten wir zwei verschiedene Schlüsse ziehen: Erstens, dass wir einer wichtigen Sache auf der Spur sind und wir sie --- wenn auch vorsichtiger --- weiter verfolgen sollten. Oder aber, dass es besser wäre, wenn wir uns zurückziehen und alles vergessen.”

„Ich weiß, dass ich diejenige war, die uns das alles mehr oder weniger eingebrockt hat. Es tut mir leid; ich glaube, ich habe da wirklich einen Fehler gemacht”, sagte Sangeeta, „Wir sind keine Heldinnen und Helden, wir sind nur einfache Leute, die ganz offensichtlich nicht wissen, in was sie da hineingeraten sind. Wir sollten wirklich versuchen, alles zu vergessen.”

„Es war nicht deine Schuld, Sangeeta”, sagte Cora sanft, woraufhin die anderen ihr zustimmten.

Erik@ räusperte sich, verschränkte die Arme, stützte dann die Hände auf ihre Knie. „Natürlich war es nicht deine Schuld”, begann er zögernd, „Aber ich finde trotzdem, dass wir weitermachen sollten. Diese komische Nachricht mit der weißen Maske sollte uns einschüchtern. Aber ich möchte mir das nicht gefallen lassen! Das beweist doch, dass wir keine Gespenster gesehen haben, sondern dass wirklich etwas hinter unserem Verdacht steckt. Ich könnte nicht gut mit mir leben, wenn ich immer wüsste, dass ich möglicherweise einen Krieg hätte verhindern können und mich von einem lausigen kleinen Hackerangriff davon abhalten lassen hab. Es war noch nicht mal der erste Hack in meinem Leben und es sind kaum Daten verloren gegangen oder Schaden entstanden. Zugegeben, wir waren ziemlich naiv. Aber das heißt ja nicht, dass wir es bleiben müssen. Und wenn ihr nicht mitmachen wollt, mache ich trotzdem alleine weiter.”

„Eigentlich hast du Recht, Erik@”, sagte Timothy, „Auch ich denke, dass Aufgeben der falsche Weg wäre. Aber ich habe einfach Angst. Dieser Hackerangriff hat mich schon ziemlich getroffen und außerdem: Es geht hier immerhin um Waffenhandel und möglicherweise um Kriegsvorbereitungen. Dreimal darfst du raten, wie zimperlich Leute sind, die soetwas tun.”

Sheila setzte sich ihre Brille auf. „Mir geht es ähnlich wie Timothy. Ich bin auch verunsichert und gleichzeitig denke ich, wir sollten weitermachen. Wir müssen nur besser aufpassen. Bisher haben wir nicht wirklich darüber nachgedacht, wie unsere Gegenspieler auf uns reagieren würden, weil wir uns selbst für zu unwichtig hielten. Anscheinend sind wir nicht vollkommen unwichtig, sonst hätten wir diese Warnung nicht erhalten. Es war ein Fehler von uns, das nicht vorauszusehen. Aber wie Erik@ sagte, wir müssen denselben Fehler ja nicht noch einmal machen.”

Cora seufzte. „Ich weiß nicht. Timothy, Sheila, ihr seid gerade erst sieben geworden. Was, wenn die einzige wirklich vorsichtige Möglichkeit für uns ist, die Sache zu vergessen? Wenn wir das nicht tun, wer weiß, was dann noch kommt. Du hast es doch selbst gesagt, Timothy, diese Leute sind nicht zimperlich. Wir sollten uns nicht in Gefahr bringen.” Cora runzelte die Stirn, sie sah gar nicht zufrieden aus.

„Ach, Mist!”, platzte es plötzlich aus Sangeeta heraus, „das ist doch eine verdammte Zwickmühle! Geben wir auf, werden wir uns nicht nur für immer Vorwürfe machen; vielleicht wird sogar unsere Republik, und damit auch wir selbst, in einen Krieg verwickelt --- in den ersten Krieg seit Jahrhunderten. Versuchen wir, offensichtlich skrupellosen Verbrechern ihr Geschäft zu ruinieren, bringen wir uns in Gefahr --- möglicherweise ohne auch nur das Geringste zu bewirken.” Sie machte eine kliene Pause und als sie weiter sprach, klang sie resigniert: „Ich weiß wirklich nicht, was hier die richtige Entscheidung ist. Ich wünschte, ich hätte diese kleine Unregelmäßigkeit in den Abrechnungen nicht bemerkt.”

„Das würde eigentlich gar nichts ändern, außer, dass wir ahnungslos wären und damit auch machtlos, etwas zu tun. Wir hätten uns dann gar nicht entscheiden können”, gab Sheila zu bedenken.

„Leute, wir sind ja auch blöd!”, sagte Erik@, „Wir haben gar nicht darüber nachgedacht, dass wir doch nicht alleine sind. Sangeeta hat mehrere Organisationen und Blogs gefunden, die dasselbe Ziel haben, wie wir: einen drohenden Krieg zu verhindern! Warum schließen wir uns nicht mit denen zusammen? Das Mindeste, was wir tun können, ist anderen Mitstreiter_innen von unseren Erkenntnissen zu berichten, sie sozusagen zu warnen oder ihre Befürchtungen bestätigen. Es gibt Menschen, die sich schon länger mit diesem Thema beschäftigen. Vielleicht wissen die ja was mit all dem anzufangen. Nur zu blöd, dass alle relevanten Daten weg sind. Aber wenn wir zusammentragen, an was wir uns noch erinnern, und wenn wir Leute finden, die uns glauben, dann könnte das trotzdem hilfreich sein. Was meint ihr?”

Die anderen waren alle einverstanden und irgendwie erleichtert, denn Erik@s Vorschlag war weder gefährlich, noch bedeutete er, dass sie aufgeben mussten.

„Danke Erik@, ich denke auch, dass das die beste Vorgehensweise ist. Kümmerst du dich darum? Zusätzlich können wir alle versuchen, wieder Informationen zusammenzutragen. Diesmal sollten wir aber unser Hauptaugenmerk darauf richten, wie die Gegenseite auf diejenigen reagiert, die ihr als Bedrohung erscheinen und wie wir dem entgegentreten können. Wir werden uns dazu nur noch verschlüsselt im Netz bewegen oder kommunizieren. Außerdem sollten wir unsere Ergebnisse ausdrucken”, sagte Mr. Smith.

„OK, wir haben heute ein paar Neue in der Gruppe. Am besten, ich erklär euch mal, wie das hier immer so abläuft”, sagte Rupp von der einzigen regierungskritischen Organisation auf MZ5. Sie bestand offenbar aus nicht viel mehr als sechs Menschen, die Buchhalter_innen nicht mitgerechnet.

„Zuerst sammeln wir die Themen, die heute besprochen werden sollen. Dann gehen wir sie der Reihe nach durch. Alle dürfen reden, und lasst bitte jede und jeden ausreden. Wenn ihr eine Zwischenfrage habt oder so, gebt ein Handzeichen. Wenn ihr als nächstes sprechen wollt, meldet euch, ihr kommt dann auf die Liste.
Also, was ist heute wichtig?”

Es wurden Themenpunkte gesammelt; die meisten davon bezogen sich offenbar auf vorangegangene Treffen. Bei der anschließenden Diskussion beteiligten sich die Buchhalter_innen so gut wie gar nicht, außer um vereinzelt Zwischenfragen zu stellen. Dies war eine ganz neue Welt für Timothy und Sheila, über viele der Themen, die angeschnitten wurden, hatten sie noch nie nachgedacht oder zumindest nicht so. Die alteingesessenen Mitglieder der „Autonomen Gruppe MZ5” (oder kurz AG5), wie sie sich nannten, schienen mit allergrößter Selbstverständlichkeit von bestimmten Grundannahmen auszugehen, auf die die Tripples nie gekommen wären. Im Gegenteil --- bisher waren sie ebenso selbstverständlich von den genauen Gegenteilen ausgegangen: Waren die Autonomen der Ansicht, jeder Mensch hätte ein schönes, freies Leben verdient, so waren die Tripples bisher immer davon ausgegangen, dass sich jede Person alles erst verdienen müsse und für alles bezahlen müsse. Das war doch schließlich die Grundlage ihrer Gesellschaft: Die freie Marktwirtschaft. Sie hatten noch nie gehört, dass dieses Prinzip hinterfragt wurde und konnten sich gar nicht vorstellen, wie die Autonomen die Gesellschaft stattdessen regeln wollten.

Doch Erik@ ging es in dieser Situation ganz anders: Sie hatte sich ja schon seit langem mit alternativen Gesellschaftsentwürfen und emanzipativer Politik auseinander gesetzt und kämpfte z. B. gegen Sexismus und ähnliche Formen der Diskriminierung. Doch von dieser autonomen Gruppe hatte er bisher noch nichts gehört und viele der hier vertreten Ideen waren auch ihr neu. So war Erik@ der einzige von den Buchhalter_innen, die sich an der Diskussion beteiligte. Er schien in ihrem Element zu sein.

Ein schüchtern wirkender Mensch, der in der Ecke gesessen und bisher noch fast gar nichts gesagt hatte, schlug vor: „Ihr könnt ja in zehn Tagen mal wieder vorbeikommen, da machen wir ein Fest. Am Nachmittag gibt es einen Umsonstflohmarkt mit Küfa --- das heißt Küche für alle --- und abends Musik. Zwei verschiedene Bands wollen spielen. Bei so einem Fest könnt ihr uns viel besser kennenlernen als hier bei diesem Treffen.”

„Au ja!”, rief Tomba fröhlich aus. So ein Fest hörte sich für sie einfach wundervoll an!

Rupp warf den Tripples einen verwirrten Blick zu. Er wusste ja nicht, dass sie zu dritt waren und wunderte sich über diesen plötzlichen, kindlichen Gefühlsausbruch. Aber befor er groß Zeit hatte, darüber nachzudenken, sagte auch Cora, dass sie sich auf das Fest freue und selbst Sangeeta sagte, sie würde eventuell auch mal vorbeischauen.

Gerade als alle anderen Themen besprochen waren --- das hatte immerhin eine dreivierte Emmze [eine Emmze ist die Abkürzung von MZ-Stunde und entspricht etwas über drei Erdenstunden. Das Treffen hatte also schon über zwei und eine Viertel Erdenstunde gedauert] gedauert --- und Erik@ anfing, über ihre Erkenntnisse der letzten Wochen zu berichten, sprang die Tür mit einem Knall auf. Im Rahmen stand ein kleiner, aber sehr kräftiger Mann mit wütend blitzenden Augen und einem Gockey-Schläger [Gockey ist eine Mischung aus Golf und Hockey. Die Schläger bestehen aus sehr hartem Kunststoff] in der Hand. Hinter ihm waren weitere Personen zu sehen, wie viele es genau waren, konnte Timothy so schnell gar nicht erkennen. Er war vollkommen überrascht und starrte diesen Fremden nur verwirrt an, während um ihn herum die Mitglieder der autonomen Gruppe aufsprangen und wütend durcheinanderredeten und -brüllten. Auch sie waren überrascht, aber lange nicht so sehr wie die Buchhalter_innen. Zu Timothys großem Entsetzen stellten die Autonomen sich kampfbereit auf und ballten die Fäuste, genau wie es die ungebetenen Gäste taten. Jetzt erst gelang es ihm, seinen Schock so weit abzuschütteln, dass er immerhin aufstehen und sich in den hinteren Teil des Raumes zurückziehen konnte, wo sich auch seine anderen Kolleg_innen versammelt hatten. Er verstand immer noch nicht, was vor sich ging. Wer waren diese Leute und vor allem: Warum hatten sie Knüppel dabei? Offenbar wollten sie sich mit den Autonomen prügeln! Sie waren der autonomen Gruppe MZ5 zahlenmäßig überlegen, aber natürlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass heute fünf weitere Menschen auf dem Treffen wären. Wahrscheinlich zögerten sie deshalb und griffen nicht sofort an, sondern lieferten sich vorerst nur einen Wortwechsel mit den AGlern. Das gab den Tripples und den anderen wenigstens ein paar Augenblicke, um sich zu orientieren und sie begriffen, dass die Eindringlinge politische Gegner der Autonomen waren.

Rupp schrie ihnen wütend entgegen: „Ihr Feiglinge! Seid wohl zu dumm, um uns mit Argumenten zu begegnen, was? Ihr bescheuerten Spießer!”

Dieser Ruf ging im Gebrüll der Gegner beinahe unter, Timothy hörte aus den Antworten so etwas heraus wie: „Ihr ewiggestrigen Fortschrittsverweigerer! Chaoten! Ihr habt doch gar keine Argumente, ihr wollt einfach alles für euch ohne etwas dafür zu tun!”

Timothy sah Cora an, dass sie am liebsten zwischen die beiden verfeindeten Gruppen gegangen wäre um zu schlichten; sie schlichtete fast immer, wenn sie einen Streit mitbekam. Aber was sollte sie in dieser Lage schon tun? Sie kannte keine der beiden Seiten, noch kannte sie den Grund der Außeinandersetzung und dann hatte die eine Seite auch noch Knüppel dabei. Prügeleien oder andere körperliche Gewalt gab es unter Menschen schon seit Generationen so gut wie gar nicht mehr und in Coras Gesicht war deutlich die Angst zu sehen. Selbst Mr. Smith wirkte beunruhigt. Aber so schlimm wie Sangeeta ging es keiner und keinem anderen: Sie war blass wie Porzellan und zitterte. „Oh nein”, murmelte sie schwach. „Wenn die uns angreifen...” Sie schluckte und starrte vor sich hin. Sheila wechselte Timothy vorne ab (nur die Brille setzte sie nicht auf und so sah sie etwas verschwommen) und legte Sangeeta einen Arm um die Schultern. "Wir werden schon auf dich aufpassen. Und abhauen werden wir auch nicht ohne dich.”

Sangeeta versuchte, mutig und tapfer zu wirken. Sie hasste es, wenn sie das Gefühl hatte, dass sie anderen zur Last fiel. Aber alle wussten, dass sie in einem Kampf die schlechtesten Karten hätte, da ihre Beine gelähmt waren. Sie hatte es nur computergesteuerten Schienen zu verdanken, dass sie überhaupt gehen konnte. Aber diese Schienen waren nicht zum Rennen geeignet --- vom Kämpfen einmal ganz abgesehen! Selbst normales Gehen konnte Sangeeta überanstrengen, wenn sie weite Strecken zurücklegen musste oder einer höheren Gravitation bzw. Fliehkraft ausgesetzt war als dem „Standardwert,” der der Anziehungskraft des Mondes entsprach.

„Sie werden nicht angreifen”, sagte Mr. Smith. Doch genau in dem Moment sprang der Anführer der Eindringlinge auf Rupp zu und schlug mit seinem Knüppel auf ihn ein. Rupp versuchte, sich wegzuducken, doch der Schlag traf ihn trotzdem am Arm. Der Schüchterne, der sie zum Fest eingeladen hatte, schrie vor Wut auf und rannte nach vorne; er zog den Angreifer mit aller Kraft am Handgelenk um ihn zurückzuhalten. Auch die anderen, Autonome wie Angreifer, stürzten sich in den Kampf. Es war ein heilloses Durcheinander und vor lauter Wutgeschrei war kein einzelnes Wort herauszuhören.

Die Buchhalter_innen drückten sich an die hintere Wand des Raumes, sie waren die einzigen, die nicht in den Kampf verwickelt waren --- noch nicht. Mr. Smith starrte mit grimmiger Miene auf das Geschehen, dann schien er plötzlich eine Idee zu haben und zog sein Phone aus der Tasche. „Natürlich!”, stöhnte Sangeeta, „wir rufen die Sicherheit!”

Mr. Smith hatte gerade erst den Notruf gewählt, da traf ihn eine Wasserflasche und schlug ihm das Phone aus der Hand; es schlitterte über den Boden, prallte von der Wand ab und rutschte auf den Kampf zu. Aufgrund der geringen Anziehungskraft kam es erst zu liegen, als es schon zwischen den Beinen der Kämpfenden war. Gerade wollte Mr. Smith hinterher, um es zurückzuholen, da schoß Cora an ihm vorbei. Sie bückte sich nach dem kleinen Gerät und es sah schon so aus, als könnte sie es erreichen, da traf sie ein Fuß mit Wucht in die Rippen.

„Hey!”, schrie Timothy und sprang vor um Cora beizustehen. Auch Erik@ und, mit einem Zögern, Mr. Smith stürzten sich nun ins Geschehen. Sie zogen Cora wieder auf die Beine, schubsten einige Leute weg, die auf sie einbrüllten, und stolperten wieder zurück, dorthin, wo Sangeeta noch unschlüssig stand.

„Ist schon gut, mir ist nichts passiert”, keuchte Cora, doch sie zitterte dabei. „Seht mal, ich habe das Phone zu fassen gekriegt!”

Zu ihrer aller Erstaunen zeigte das Phone an, dass der Anruf bei der Sicherheit schon getätigt wurde. Offenbar hatte Mr. Smith gerade auf den Knopf gedrückt, als die Flasche ihn traf. Jetzt rief er noch einmal an um zu erklären, was los war.

„Nur mit der Ruhe, wir sind schon auf dem Weg”, sagte der Sicherheitsdienstleister am anderen Ende der Leitung, kaum verständlich durch den Lärm des Kampfes, der immer noch nicht abebbte.

„Ruhe!”, schnaufte Erik@, „Immer mit der Ruhe, sagt der Typ doch glatt! Ich fass es nicht!”

Ihnen blieb tatsächlich keine Möglichkeit, die Ruhe zu bewahren.

„Ey, was ist denn mit denen da? Die wollen sich wohl verkriechen, glauben, wir sehen sie nicht!”, rief plötzlich eine Stimme über den Lärm hinweg. Eine andere fügte hinzu: „Das sind ja ganz schöne Feiglinge! Lassen ihre Kameraden hier einfach so im Stich!”

Zwei der Angreifer, ein Mann und eine Frau, kamen auf sie zu.

Mr. Smith trat einen halben Schritt vor und sagte: „Nein, wir haben nichts damit zu tun. Wir kennen die anderen gar nicht. Wir--”

Weiter kam er nicht. Die Frau schlug ihn mit voller Kraft ins Gesicht, während ihr Begleiter Erik@ packte und gegen die Wand schleuderte. Die Buchhalter_innen wehrten sich so gut sie konnten, aber nur die Tatsache, dass sie in der Überzahl waren, rettete sie vor Schlimmerem. Ihre Gegner waren, wenn auch nur mit Knüppel, aber immerhin bewaffnet und sie zögerten nicht, zuzuschlagen. Timothy dagegen spürte einen großen Kloß Angst im Hals und hatte keine Ahnung, wie er sich wehren sollte oder wie er seinen Kolleg_innen beistehen könnte. Er versuchte die Angst wegzudrängen. Es gelang ihm nicht. Trotzdem kämpfte er so gut er konnte, er wollte den anderen beistehen. Plötzlich sah er einen Holzstab auf sein Gesicht zurasen --- zu spät! Er konnte nicht mehr ausweichen, der Schlag traf ihn an der Schläfe und schleuderte ihn zu Boden. Ihm wurde schwindelig vor Schmerz und er hoffte inständig, dass Sheila ihn abwechseln konnte. Das tat sie zwar auch, aber schließlich hatte der Schlag sie beide getroffen; Sheila konnte sich nur wackelig wieder aufrappeln und musste ohnmächtig mit ansehen, wie einige Meter entfernt auch Mr. Smith niedergeschlagen wurde. Erik@ versuchte ihm zu helfen, doch wo Cora war, konnte Sheila so schnell nicht erkennen, zumal sie ja ohne Brille nur verschwommen sah. Sie wandte den Kopf um, wo war Sangeeta? „Oh nein! Sangeeta, was ist passiert?”

Sangeeta saß mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Beine schlapp von sich gestreckt, die Augen geschlossen. Sie war immer noch so blass. Sheila versuchte, zu ihr hinzukommen, doch ihr wurde der Weg versperrt. Sie konnte gerade noch die Arme heben, um einen weiteren Hieb abzufangen. „Nimm dies du verdreckte Zecke!”, rief der Kerl, trat ihr gegen das Schienbein und spuckte auf sie herab, während sie wieder zu Boden fiel. Sheila merkte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen, womit hatte sie diesen Alptraum nur verdient? Sie verstand gar nichts mehr, rollte sich zu einer Kugel ein und versuchte ihren Kopf mit den Armen zu schützen, während weiter Tritte auf sie einhagelten.

Da plötzlich wurde es beinahe still im Raum und Sheila hörte mehrere Leute schwer atmen, etwas Hartes auf dem Boden aufschlagen (vermutlich einer der Gockey-knüppel) und Füße scharren. Dann eine laute Stimme: „Sicherheit! Sofort aufhören!”

Sie hätte beinahe gelacht vor Erleichterung. Natürlich, sie hatten ja die Sicherheit gerufen, wie konnte sie das vergessen? Sheila fing nun, wo ihre Anspannung nachließ, heftig an zu zittern. Sie rappelte sich vorsichtig auf, die Stellen, wo sie getroffen worden waren, schmerzten immer noch sehr. Sie sah sich um und bemerkte zu ihrer Erleichterung, dass auch ihre Kolleg_innen sich alle aufrappelten. Also waren sie nicht so schwer verletzt, dass sie nicht mehr stehen konnten. Sie machte einen immer noch unsicheren Schritt auf Sangeeta zu, die mit dem Rücken an der Wand lehnte und sich eine Hand an ihr Gesicht presste. Die Mitarbeiter der Sicherheit begannen, die Personalien aller Personen im Raum aufzunehmen und sie einzeln abzuführen, doch da sie damit natürlich vorne bei der Tür begannen, blieb Sheila noch etwas Zeit. Während sie ihre Brille aus der Tasche fischt und feststellen musste, dass sie zerbrochen war, fragte sie Sangeeta im Flüsterton, was ihr passiert sei. „Ach, es geht schon wieder. Habe einen Schlag gegen den Wangenknochen abbekommen und ein paar Tritte. Du?”

„He, Ruhe da hinten!”, brüllte eine der Sicherheitsdienstleisterinnen und warf ihnen einen tödlichen Blick zu.

Sheila und Timothy, die nun wieder beide gleichzeitig vorne waren, waren überrascht, so harsch angesprochen zu werden, doch dann fiel ihnen ein, dass die Sicherheit ja nicht wissen konnte, dass sie die Prügelei nicht begonnen hatten. Also sprachen sie nicht mehr, sondern sahen ihre Kolleg_innen der Reihe nach an und verständigten sich mit Blicken und Nicken (das heftige Kopfschmerzen und Schwindel auslöste), dass keiner und keinem von ihnen etwas Schlimmes passiert sei.

In der Sicherheitsfiliale wurden sie zunächst alle in zwei Sammelzellen gesperrt, nach Geschlechtern getrennt. Erik@ und Timothy kamen mit zu den Frauen. Keine sagte ein Wort und sie sahen sich noch nicht einmal gegenseitig an. Zwar waren die Buchhalterinnen, die Autonomen und die „Spießerinnen” alle in der selben Zelle, aber keine kam auf die Idee, sich weiter zu prügeln oder sich auch nur ein Wortgefecht zu leisten. Wozu auch?

Nur Melanie, von der Timothy annahm, dass sie mit Rupp zusammen war, murmelte vor sich hin: „Wer ist wohl auf die brilliante Idee gekommen, die Scheiß-Bullen zu rufen?!” Timothy und Sheila konnten nicht verstehen, was sie damit meinte, immerhin war die Sicherheit gerade rechtzeitig gekommen um ernsthafte Verletzungen zu verhindern und die Autonome Gruppe MZ5 hatte den Kampf schon so gut wie verloren. Eigentlich hätte sie sich doch freuen müssen. „Vielleicht ist es ihr einfach peinlich”, sagte Sheila zu Timothy, aber so, dass es kein Außenmensch hören konnte.

Nach einer Weile wurden sie einzeln aus der Zelle herausgeholt und zu den Ereignissen des Abends befragt. Drei verschiedene Sicherheitsmitarbeiter_innen führten diese Befragungen durch, jedenfalls sahen Timothy und Sheila noch zwei weitere, als sie angewiesen wurden, auf einem unbequemen Stuhl Platz zu nehmen. Der Sicherheitsmitarbeiter, der sie befragte, war knurrig und wortkarg, selbst als sie erklärt hatten, dass sie schuldlos in diese Außeinandersetzung verwickelt worden waren und noch nicht einmal richtig verstanden, um was es eigentlich ging. Schließlich fragte er: „Sonst noch was hinzuzufügen?”

„Nein”, antwortete Timothy, „können wir jetzt gehen?”

„Moment noch. Immerhin hast du ausgesagt. Ist doch schon mal was.” Die Stimme des Mannes klang ein kleines bisschen weniger schlecht gelaunt als vorher. Doch sie durften nicht gehen, sondern mussten wieder zurück in die Zelle.

Als alle befragt worden waren, durften sie immer noch nicht gehen. Die Frau, die Mr. Smith geschlagen hatte, fragte durch das kleine Gitter in der Tür, worauf sie denn jetzt noch warten müssten und fand, dass das Ganze eine Unverschämtheit sei. Sie bekam keine Antwort.

Mehrere Emmzuten [Fußnote: Eine Emmzute, Kurzform von MZ5-Minute, entspricht nicht ganz 19 Erdenminuten. Das liegt daran, dass die Zeit auf MZ5 in Zehnerschritten eingeteilt wird: 10 Emmzuten bilden eine Emmze und bestehen aus 100 Emmzeken (MZ5-Sekunden; fast zwei Erdenminuten). Natürlich hat ein MZ5-Tag genau zehn Emmzen.] später wurde die Zellentür endlich wieder geöffnet. Ohne irgendeine Erklärung, was vorging, wurde Cora herausgeführt und die Tür wieder geschlossen. Die Gefangenen murmelten besorgt und fragten sich gegenseitig, was das zu bedeuten habe. Aber es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten.

Dann, endlich, wurde die Tür wieder geöffnet und die Dienstleisterin sagte, ohne irgendwen dabei anzusehen: „Sie können jetzt nach Hause gehen. Sie werden in den nächsten Wochen Post von uns bekommen.”

„Post? Was für Post?”, wollte Timothy wissen, er war ziemlich verunsichert und sein Kopf tat immer noch höllisch weh. Er bekam keine Antwort und Sheila gab ihm zu verstehen, dass sie einfach froh sein sollten, aus dieser Zelle rauszukommen. Über alles andere könnten sie sich später noch den Kopf zerbrechen.

Vor der Filiale warteten Cora und Mr. Smith auf sie. Gerade, als Sangeeta Cora fragen wollte, warum die Sicherheitsdienstleister_innen sie zuerst aus der Zelle geholt hatten, stürmte Melanie auf sie zu.

„Gib's zu, du hast geredet!”, klagte sie Cora an.

„Was? Warum hätte ich denn nicht reden sollen? Sie haben mich gefragt--”

„Warum nicht? Sag mal bist du blöd?!”, unterbrach Melanie sie. Auch einige der anderen aus der AG5 waren inzwischen hinzugestoßen.

„Ist euch denn nicht klar, dass die Cops jedes einzelne Wort gegen uns verwenden werden? Wie blöd seid ihr eigentlich, dass ihr mit denen quatscht? Anna und Arthur halten's Maul!”

„Wie bitte?”, fragte Mr. Smith, dem es nicht gefiel, beleidigt zu werden, erst recht nicht von einer Person, die er gerade aus einer brenzligen Lage gerettet hatte.

„Ach, das ist nur so eine Parole”, antwortete der Schüchterne, dessen Namen Timothy sich nicht merken konnte, an Melanies Stelle. Auch er schien sauer und frustriert zu sein. Melanie hatte die Arme in die Luft geworfen und sich mit einer theatralischen Drehung abgewandt.

„OK, ich werd's euch erklären”, sagte Rupp, und es klang wie eine Drohung.

„Meine Güte, was seid ihr alle so wütend auf uns? Mensch könnte meinen, wir hätten euch mit Knüppeln überfallen und nicht gerade noch rechtzeitig die Sicherheit zu Hilfe gerufen”, sagte Cora.

„Ja, 'die Sicherheit, dein Freund und Dienstleister'!”, rief Melanie aus, ihre Stimme troff vor Sarkasmus und Bitterkeit.

Doch da öffnete sich ein Fenster der Sicherheits-Filiale und eine Dienstleisterin streckte den Kopf heraus. „Was ist denn los da draußen? Ihr werdet euch doch nicht etwa gleich weiterprügeln?!”

„Kommt, wir gehen hier weg”, schlug Rupp vor und sie redeten erst weiter, als sie außer Sichtweite der Station waren.

Rupp seufzte tief und rieb sich die Beule, die er an der Stirn hatte. Die Autonomen waren noch mehr mitgenommen, als die Buchhalter_innen. Dann sagte er: „Guckt mal, wir heißen nicht umsonst die Autonome Gruppe MZ5, OK? Wisst ihr überhaupt, was autonome Politik bedeutet? Nein? Oh Mensch, was wolltet ihr dann überhaupt auf unserem Treffen?”

„Ihr seid die einzige regierungskritische Organisation auf MZ5”, erklärte Sangeeta, „Wir wussten nicht, an wen wir uns sonst wenden sollten. Aber das ist ja jetzt auch egal.”

Rupp gab ein leises Schnauben von sich. „Ja, da hast du vermutlich recht. Wenigstens seid ihr offensichtlich keine Spitzel.”

Weder Timothy noch Sheila verstanden, was er damit meinte. Warum sollten sie „Spitzel” sein? Aber da fuhr Rupp auch schon fort: „Als Autonome sieht uns die Sicherheit sozusagen von vornherein als ihre Feinde an. Was übrigens auf Gegenseitigkeit beruht. Wisst ihr, für wie viel Gewalt die Bullen jedes Jahr verantwortlich sind? Und überhaupt, wenn es keine Sicherheitsfirmen gäbe, keine Gefängnisse gäbe, müssten nicht alle Menschen ständig Angst haben, eingesperrt zu werden, wenn sie sich nehmen, was ihnen gehört.”

„Davor hatte ich noch nie Angst. Ich verstehe wirklich nicht, warum ihr es mir zum Vorwurf macht, die Sicherheit gerufen zu haben”, stellte Mr. Smith trocken fest.

„Ach komm, gib's auf! Die verstehen das eh nie!”, sagte Melanie und zog Rupp am Arm. Gerade als die beiden sich zum Gehen wandten, trat Tessa auf Mr. Smith zu. Sie hatte während des Treffens irgendetwas von „Antirepressionsarbeit” und „Solidarität mit Kendra Sieben” erzählt. Jetzt sagte sie: „Guckt mal, ihr habt es anscheinend echt nur gut gemeint. Aber die Sicherheit zu rufen hat uns kein bisschen geholfen, im Gegenteil. Sie werden uns alles in die Schuhe schieben und uns vielleicht sogar Gerichtsverfahren anhängen. Und an der alten Parole von Anna und Arthur, die das Maul halten, ist etwas dran: Bei der Sicherheit sollte mensch grundsätzlich jede Aussage verweigern. Jede. Es wird immer nur gegen uns verwendet.”

„Das wird wohl seinen Grund haben”, sagte Mr. Smith.

„Was soll das denn heißen? Glaubst du etwa, dass wir es verdient haben, wie Kriminelle behandelt zu werden? Wir sind es immerhin nicht, die ein Unrechtssystem aufrechterhalten! Wir sind es nicht, die Menschen dazu zwingen, sich Tag und Nacht selbst auszubeuten, bis sie gar nichts anderes mehr kennen! Wir sind es nicht, die so tun als könnte es kein besseres Leben geben! Im Gegenteil: Wir kämpfen gegen Unterdrückung und gegen die Verwertung von Menschenleben, für eine gerechtere Welt für alle. Wir glauben an eine bessere Welt, wo alle das kriegen können, was sie brauchen, egal ob sie dafür bezahlen können, oder nicht. Zum Beispiel deine Beinschiene”, sie sah Sangeeta an, „es gibt bessere, nicht wahr? Mit welchen Recht wird dir die beste Schiene, die du heutzutage bekommen kannst, verweigert? Nur, weil du nicht dafür bezahlen kannst? Ich habe für meine Beine auch nicht bezahlt, aber vielleicht dauert es nicht mehr lange, bis wir selbst für das bezahlen müssen, was uns bei der Geburt mitgegeben wurde... Für die Luft zum Atmen müssen wir ja schon längst bezahlen.” Damit drehte sie sich um und ging fort.

„Sangeeta, alles in Ordnung?”, fragte Erik@. Timothy drehte sich um und sah, dass Sangeeta sich an der Seitenwand abstützte und die Augen wieder geschlossen hatte.

„Komm, wir bringen dich in's Krankenhaus”, sagte Cora, „Vielleicht hast du dir etwas gebrochen?”

„Es hat geknackt”, sagte Sangeeta mit schwacher Stimme. Offensichtlich tat ihr das Sprechen weh.

Da Cora das größte Auto von ihnen allen hatte, rief sie es mithilfe ihres Phones her und sie quetschten sich zu fünft hinein. Bis zum Krankenhaus war es nicht sehr weit und sie wollten lieber zusammen fahren.

„Was machen wir denn jetzt?”, fragte Timothy, „Ich meine, außer zum Krankenhaus zu fahren und dann nach Hause und uns in eine warme Decke einkuscheln und einen schönen Kakao trinken und uns erstmal ein paar Folgen Raumschiff-Traumschiff reinziehen. Ich meine, was machen wir jetzt wegen dem, weswegen wir überhaupt auf dieses verfluchte Treffen gegangen sind?”

„Ich finde, wir gehen nächste Woche [eine MZ-Woche hat fünf Tage. Damit lässt sich wesentlich besser rechnen als mit 7] wieder hin und versuchen, ihnen alles zu erklären”, schlug Erik@ vor.

„Ich bezweifle, dass das eine gute Idee ist”, gab Mr. Smith zu bedenken, „Erstens scheint es, dass die Autonome Gruppe von MZ5 uns gar nicht wieder willkommen heißen würde. Zweitens bezweifle ich, dass die Informationen, die wir ihnen geben wollten, dort wirklich gut aufgehoben sind. Diese Gruppe scheint sich in der Grauzone zum Kriminellen zu bewegen; sie sehen die Sicherheitsdienstleister_innen grundsätzlich als ihre Feinde an, selbst wenn sie von ihnen gerettet werden. Auch ihre anderen Aussagen lassen mich zu diesem Schluss kommen.”

„Naja, das sehe ich anders. Ich kann ihre Argumente verstehen und ich bin ja auch selbst Anarchist_in. Deshalb habe ich bei der Sicherheit auch die Aussage verweigert, obwohl ich kaum glaube, dass das in diesem Fall einen Unterschied machen wird. Ich finde, wenn sogar in unseren Ministerien Leute sitzen, die illegalerweise mit Waffen handeln, dann ist doch das schon Grund genug für Fundamentalopposition und es gibt noch genug andere Gründe! Diese Leute haben Utopien und Träume und Werte, für die sie sich einsetzen und ich fühle mich ihnen verbunden; ich möchte mich ihnen anschließen. Auch wenn dieser Rupp ein Idiot ist.”

Mr. Smith antwortete darauf nicht. Sheila fand es gut, dass er Erik@ ihre Meinung ließ, obwohl sie so extrem war und gegen das verstieß, wovon er selbst überzeugt war.

Im Krankenhaus mussten sie natürlich erstmal warten. Da die Tripples die ärmsten von ihnen waren, mussten sie am längsten warten. Es war schon spät und so verabredeten die Buchhalter_innen, nicht gegenseitig aufeinander zu warten, sondern einzeln nach Hause zu fahren. Sie würden sich am nächsten Tag ja sowieso alle wieder bei der Arbeit sehen.

Oder auch nicht. Die Tripples hatten eine leichte Gehirnerschütterung und bekamen zwei Tage Bettruhe verordnet. Zum Glück überschritten sie damit nicht die Anzahl der Krankheits- und Fehltage, die ihnen pro Jahr zustanden, aber ärgerlich war es natürlich trotzdem. Und vor allem natürlich auch verbunden mit Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit, alles Symptome, die trotz der Medikamente nicht sofort verschwanden und vermutlich noch einige Tage anhalten würden. Dummerweise dauert ein MZ-Tag länger als ein Erdentag, nämlich 31,4 Erdenstunden.

Sie waren erst mitten in der Nacht wieder zu Hause, aber sie konnten trotz ihrer extremen Müdigkeit nicht schlafen. Um sich einen Kakao zu machen, waren sie zu müde und außerdem wurde ihnen bei dem Gedanken wieder schlecht, aber sie schauten sich noch eine Folge Raumschiff-Traumschiff an um endlich entspannen zu können. Jetzt erst traute sich Tomba wieder, sich zu melden. Schon seit Beginn des Autonomen-Treffens hatte sie sich nach innen zurückgezogen und deshalb noch gar nicht mitbekommen, was seit dem passiert war.

„Aua, der Kopf tut weh! Haben wir eine Grippe?”, fragte sie, doch dann erinnerte sie sich nach und nach an das, was vorher passiert war, an den Kampf, die Angst, die Verwirrung. Sie erlebte dies alles zwar nur aus zweiter Hand, aber es war auch so schon schlimm genug.

„Wir müssen die nächsten zwei Tage nicht arbeiten, da können wir uns ausruhen, OK?”, versuchte Timothy seine kleine Kopfbewohnerin zu trösten. Alle drei Tripples umarmten sich gegenseitig und hielten sich aneinander fest. Die Raumschiff-Traumschiff Folge zog fast unbeachtet an ihnen vorüber und trotz der beruhigenden Wirkung von etwas so Harmlosen und Vertrauten, fielen sie erst am Morgen in einen schweren Schlaf.

[...]

Das Fest

Als sie durch die offene Tür des Lagermoduls traten, wechselte Tomba sofort nach vorne und blieb mit weit offenen Augen stehen. Sie hatte sich das Fest in ihrer Vorfreude schon sehr bunt, fröhlich und verrückt ausgemalt, aber so etwas, wie dieses Fest hätte sie sich nicht vorstellen können. Bunte, durchscheinende Tücher schwebten durch die Schwerelosigkeit, gemeinsam mit leuchtenden Laternen, die ihr sanft und vielfarbig schimmerndes Licht auf geheimnisvolle Weise verteilten. Einige Seile in verschiedenen Farben waren kreuz und quer durch das wabenförmige Modul gespannt und dazwischen schwebten ein paar ebenfalls sehr bunte Menschen durch die Luft, während andere an den Böden tanzten. Natürlich war jede Wand oder Decke ein Boden, denn die Magnetschuhe hafteten überall gleich gut. Mitten im Raum, schwebend und sich nur hin und wieder an den Seilen festhaltend, machte eine kleine Gruppe von schwarz Verkleideten Musik --- eine Art von Musik, die Tomba noch nie gehört hatte. Sie trugen Kostüme, die an Raben und Hexen erinnerten, sie waren geheimnisvoll-anziehend und schön. Tomba starrte sie eine Weile lang einfach nur fasziniert an. Sie erkannte die Musikinstrumente gar nicht. Eines wurde wie eine Trommel geschlagen, war aber ganz eigenartig geformt und mit verschlungenen Mustern verziert. Ein anderes hatte einen doppelbauchigen Körper und einen Hals mit vielen Saiten, die abwechselnd gezupft und über sie hinweg gestrichen wurde. Dann war da noch eine Flöte aus ganz eigenartigem Material mit wunderschön weichem, vollem Klang und ein „Rabe” tanzte so, dass die Glöckchen an ihrem oder seinem Kostüm und an den Hand- und Fußgelenken im Rhythmus klingelten.

„Ja, die sind klasse, was?”, fragte Tessa fröhlich, „Hast du Lust, schwerelos zu tanzen?”

„Hm?”, machte Tomba geistesabwesend. Sie war immer noch in den Anblick der Musikgruppe versunken. Doch unbewusst hatte sie schon angefangen, sich leicht zur Musik zu bewegen. Dann riss sie ihre Augen für einen kurzen Moment los uns sah Tessa an. Die lächelte verschmitzt, hob erst den einen, dann den anderen Fuß hoch und stellte die Elektromagneten bei beiden ab.

„Oh!”, lachte sie, „Das vergesse ich jedes Mal! Kannst du mich mal festhalten?” Tessa hatte vergessen, dass sie ja sofort im leichten Luftzug wegschwebte und nicht mehr nahe genug am „Boden” war, um sich abzustoßen. Ohne Tombas Hilfe müsste sie vielleicht lange warten, bis sie sich wieder irgendwo festhalten oder abstoßen konnte. Doch Tomba griff ihren Fuß und zog Tessa mühelos wieder dichter heran. Die beiden lachten sich gegenseitig an; Tessa war ein bisschen verlegen. Aber Tomba setzte sich einfach hin, schaltete die Magnetsohlen ebenfalls ab und stieß sich dann kräftig vom Boden ab. Sie flog zu einem roten Seil, ergriff es und drehte sich daran herum. Auch Tessa war ihr inzwischen gefolgt.

„Guck mal da”, sagte Tessa plötzlich und zeigte zum Eingang. Dort spannte ein Fabelwesen gerade die schillernden Flügel. Sie waren mehrlagig, einige Lagen waren gezackt und wie zerrissen, andere ganz anmutig in feinen Kurven geschwungen. Sie waren von fein leuchtenden Adern und Mustern wie von einer geheimnisvollen, längst vergessenen Schrift überzogen. Auch der Rest des Körpers und der Kopf waren so reich, unbekannt und feenweltlerisch verziert, dass Tomba mehrere Stunden einfach damit hätte verbringen können, sie zu bestaunen. „Eine echte Fee!”, hauchte Tomba ehrfürchtig.

Tessa kicherte. „Das ist doch nur ein Mensch im Kostüm! Allerdings ein verdammt cooles Kostüm, was?”

„Sag ich doch! Eine Fee! Kann doch gleichzeitig ein Mensch sein, oder?”

Tessa lächelte nur. Dann fragte sie: „Du bist also Tomba?”

„Mh-hm”, war die einzige Antwort.

Die Fee hatte ihre Flügel ausgebreitet und sich im Raum umgesehen. Dann schwebte sie langsam auf die Mitte des Raumes zu und begann zu fliegen, sich zu drehen und zu tanzen. Allerdings ließ dieser Tanz alles andere verblassen, was Tomba bis dahin tanzen genannt hatte. Sie hatte immer gedacht, dass sie zum Tanzen Schwerkraft bräuchte, aber diese Fee flog und schwebte, wirbelte und trieb durch die bunten Tücher, die Seile, die anderen Menschen, ohne je eines oder eine_n davon zu berühren, aber scheinbar auch, ohne sich deren Anwesenheit überhaupt bewusst zu sein. Die Musik-Raben schienen von dieser besonderen Tänzerin so beflügelt zu sein, dass ihre Musik noch mehr anschwoll, noch lebendiger wurde, bis Tomba glaubte, sie greifen zu können. Da tanzte auch sie los. Es war der schönste Moment in ihrem Leben und auch Sheila und Timothy nahmen daran teil. Zu dritt lösten sie sich im Wirbel der Noten, Rhythmen, Tücher und Menschen auf, wurden Teil davon und fanden sich doch gleichzeitig selbst dabei. Es hätte immer so weiter gehen können.