Genre: Horror & Thriller
About Ravanna
Location: Bonn, Germany
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Europe :: Germany & Austria
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Website: http://ravanna.livejournal.com/
Favorite novels: The Stand, Misery, The Long Walk, Crime and Punishment
Favorite writers: Stephen King, Fjodor Dostoyevsky, Franz Kafka, Terry Pratchett, Oscar Wilde
Favorite music: Soundtracks - music by Akira Yamaoka, Nobuo Uematsu
Non-noveling interests: playing videogames(I'm a huge Final Fantasy and Silent Hill fan), reading, listening to music, plotting, talking on the phone
Joined date: November 1, 2005
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'05 | '06
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'05 | '06
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3 Gallants
an excerpt
„Ich will nicht gehen.“
Kaltes, weißes Licht fiel herein und bedeckte den Boden, dass es fast aussah, als wäre er ebenfalls Teil der Schneedecke von draußen. Er musste blinzeln, um das Blenden ein wenig zu verdrängen, aber selbst in dieser einen Sekunde konnte er die erschrockenen Augen sehen, die zu ihm aufschauten, das Gesicht, das zu grell wirkte, als wenn es jeden Moment in sich zusammenbrechen würde. Alles um sie herum war still. Es gab niemanden hier außer ihm und dem Gesicht.
„Ich kann das verstehen“, sagte er ruhig. Seine Finger waren um den Griff eines Koffers gelegt, der sich schwer in seiner Hand anfühlte. Seine Zunge war ein Stück getrocknetes Leder, das nachgiebig wie Gummi in seinem Rachen lag. Sein Herz schlug zu schnell, während er an das Weiß dachte, und daran, dass es von außen so positiv ausgesehen hatte und letztlich doch nicht besser war als das Weiß jedes anderen Erdteils. Stille war nicht immer gut. Nur, weil es an einem Ort keine Geräusche gab, musste das nicht bedeuten, dass der Ort dadurch zu etwas freiem von leid wurde.
Leid sah er jetzt schon vor sich – und sei es in dem verweinten Gesicht eines Jungen, dessen Haar unregelmäßig geschnitten war, als wäre es durch eine Gartenschere geschehen und nie die Hände eines anderen Menschen.
„Man lernt Orte lieben, nicht wahr?“ Der Junge schien zu überlegen und einen Moment in seinem Schluchzen Ruhe zu finden. Dann nickte er und umarmte sich selbst einem Kind gleich, das in tiefster Nacht allein lag und nicht wusste, wohin die eigene Mutter verschwunden war. Er machte noch einen Schritt in den Raum hinein. Seine Schuhe berührten den Boden nur leicht, aber das Dröhnen schien dennoch gegen alle Wände zu hallen. Das Zimmer war so klein, dass es fast einer Klammer näher kam. Es wirkte dunkel, obwohl genug Licht hereinfiel. Vielleicht machte das allein das Weinen. Es konnte sein, dass das gesamte Klima des Raumes durch dieses Gesicht und diese herzzerreißenden Geräusche vernichtet wurde.
„Aber du wirst auch dort, wo du jetzt hingehst, Freunde finden, oder nicht?“ Er beugte sich hinab, um den Blick aus den Augen mit seinen eigenen aufzunehmen. Der Junge schüttelte hastig den Kopf und wich weiter vor ihm zurück. Er stieß gegen seinen eigenen Koffer und kippte ihn um. Er runzelte die Stirn und berührte ihn kurz, nur einen Moment, um ihn anzuheben. Es schien nicht einmal ein Buch in den beiden Deckeln zu liegen, nichts, was von Gewicht war, nichts, das eine Bedeutung besaß.
„Nicht?“ fragte er ruhig. Sein Haar versperrte ihm die Sicht, und Finger, die selbst leicht bebten, fuhren vorsichtig hindurch, um seinem Blick Platz zu machen. Eine seiner Fingerkuppen stieß gegen die Augenklappe. Das Geräusch erinnerte ihn an einen Ring, der sich auf einen Tisch knallen ließ. Es war erschreckend laut an einem Ort wie diesem.
„Aber man macht doch überall Freunde, wenn man irgendwohin kommt, oder etwa nicht?“
“Nicht ich. Mich mag immer keiner, weil ich...w-weil ich mich so lange so dumm angestellt habe.“
„Dumm angestellt?“ wiederholte er langsam. Vokale rollten auf seiner Zunge. Er suchte nach Taschentüchern, ohne eines zu finden. „Das glaube ich nicht. Du wirkst doch so wahnsinnig sympathisch, dass es nicht daran gelegen haben kann. Du strahlst so viel Leben aus, so viel Individualität, und wenn du immer an der festhältst, dann wird ganz sicher nichts...“
Er verstummte, kaum, dass er das Gesicht des Jungen noch einmal sah. Sein Lächeln verblasste. Plötzlich glitten Augen an ihm empor und blieben an seinem Haar hängen. Er strich es unruhig zur Seite. Sein eigener Koffer fühlte sich schwer an. Er setzte ihn geräuschvoll auf dem Boden ab, ohne noch einmal in dieses Gesicht zu schauen. Er war nicht mehr sicher, was er an der Tür für einen Charakter gelesen hatte. Wenn er es mit einem der Gedanken zu tun hatte, würde er—
„Was redest du da für eine Scheiße?“
Der Junge kam näher. Er hatte eben klein und schmächtig gewirkt, als wenn man ihn mit einem einzigen Wort umwerfen konnte, doch als er jetzt Entfernung überbrückte, konnte er nur den Schatten sehen, der majestätisch über ihm aufragte und ihn zu verschlucken schien. Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus. Sein Herz hämmerte in seiner Brust und klang dabei, als würde es jeden Moment zerplatzen wollen.
„Ich meine, was soll den bitte Individualität bedeuten? Wer kann denn schon bitte daran interessiert sein?“
Seine Augen glitten in das Gesicht hinauf. Ernst zeichnete sich auf den Linien ab, als wenn jedes Wort, das er gerade sprach, so gemeint war, wie es in seinen Ohren klang. Er versuchte zu lachen. Er fuhr sich wieder durchs Haar – vielleicht, weil der andere Junge nur wenig davon hatte, nur Millimeter, die kaum eine Farbe durchleuchten ließen.
„Ich wollte dir nur helfen, dich auf dein Abendteuer vorzubereiten und zu wissen, dass es mit dir weitergehen wird und mit deinem Leben und dass du dir keine Sorgen um so viele Dinge machen musst und—“
„Wer erlaubt sich da, mit mir zu sprechen?“ schnarrte die Stimme plötzlich. Hände hoben sich leicht. Der Ausdruck in den Augen war von Trauer und Nervosität zu etwas anderem geworden. Er konnte es nicht deuten. Vielleicht war das gut so. „Wer hat dir erlaubt, deinen Mund aufzumachen und deine Meinung hervorkommen zu lassen? Bist du einer der Gallants?“
Der Begriff kreiste in seinem Kopf, ohne, dass er ihn zuzuordnen vermochte. Seine Schultern zuckten. Er versuchte, noch einmal zu lachen, aber es klang zittrig und irreal, als wenn es von einem ganz anderen Menschen ausging.
„Du hast hier nichts verloren, Mann. Wer auch immer du bist, du hast dich nicht in das Zimmer eines anderen zu begeben und ihn zu stören, hast du verstanden? Bist du bereits angemeldet? Hast du irgendetwas Besonderes drauf, dass man dir dieses Zimmer gegeben hat?“
Die Kammer schien unter dem Gewicht der Worte zu ächzen, als wenn sie sich selbst ausdehnen wollte, um größer, schöner, besser zu wirken. Er biss sich auf die Unterlippe, wieder auf die Stelle, die in all den letzten Stunden sein Ziel gewesen war, seitdem er zu Hause ins Flugzeug gestiegen war und er dabei Israel gesehen hatte. Er lachte wieder. Röte stieg in ihm empor und machte seinen Hals zu etwas schwitzigem, feuchtem, unangenehmen.
Irgendwo erklangen Schritte. Er konnte das Lachen einer Meute hören, der es besser zu gehen schien als diesem Jungen, einer Meute, die sich vielleicht über ihn und seine Versuche gefreut hätte.
„Denk bloß nicht, dass irgendjemand von uns hier auf Menschen wie dich angewiesen ist. Du bist hier, und das akzeptieren wir, aber du bist immerhin nichts weiter als irgendwo ein Konkurrent. Ich will jetzt wissen, was du hier machst, verstanden?“
Er öffnete den Mund – nur, um von der Tür unterbrochen zu werden, die von irgendjemandem aufgestoßen wurden. Rascheln wurde laut. Der Ausdruck von Überlegenheit zog sich so ruckartig aus dem Gesicht des anderen zurück, als hätte er ihn sich eingebildet. Vielleicht hatte er das tatsächlich, und sein Kopf hatte es nur vergessen. Was wusste er schon? Was konnte er in diesen Sekunden schon wissen?
„Seele?“ fragte jemand. Ein Blatt Papier knisterte, während man es auseinander faltete. Er sah die Schatten der Angekommenen auf dem Boden. Sein Blick nagelte sich an den Holzplanken fest, während sein Herz darauf hoffte, so unauffällig wie möglich zu sein. Man hatte ihn gefragt, was er für ein Problem hatte, man hatte ihn gefragt, was er für eine scheiße laberte. Er wollte dieselben Fragen nicht noch einmal hören. Nicht heute, an diesem ersten zitternden Tag.
„Sind Sie bereit, Seele?“
Der Junge, der auf diesem seltsamen Namen zu hören schien, straffte die Schultern und nickte. Er drückte den Koffer an sich, in dem nichts liegen konnte.
„Bereit. Ja, Sir. Ich bin sehr bereit für den letzten Schritt, und ich schwöre hiermit bei allem, was in meinem Herzen liegt, dass ich diesen Ort mit meinem Herzen stets verteidigen und würdigen werde, koste es was es wollte, sei bei mir, wer bei mir zu sein beliebt, denn ihm habe ich Leben und Brot zu verdanken und die Arbeit, die ich nun beginnen werde.“
Jemand gab Seele ein Stück Papier. Er lächelte starr und betrachtete es. In seinen Augen stand Wasser. Er versuchte, sich weiter in den Hintergrund zu drängen, aber hier war zu viel weiß. Man sah ihn in diesen dunkelblauen Klamotten. Man sah ihn immer, und sei es nur, weil er zu groß und zu dürr war, um mit dem Hintergrund zu verschmelzen.
„Deutschland!“, stieß Seele hervor. Das Grinsen aus Plastik wurde breiter. „Das ist ja wunderbar!“
„Bei der Organisation scheint es sich um gute Leute zu handeln. Die Gehaltsvorschläge haben den Volgins gefallen. Man darf annehmen, dass sie auch dir gefallen werden.“
„Davon gehe ich auch, Sir – immerhin ist es eine Organisation, die von Ihnen bestimmt wurde, Sir!“
Sie lachten, als wenn sie Worte wie diese nicht jeden Tag zu hören bekamen, als wenn sie sich nicht jeden Tag wieder in ihre Köpfe drängten und sie aufbliesen. Er presste den Koffer näher. Die Männer, die eingetreten waren, drehten sich um. Einer von ihnen deutete bereits zur Tür – und sah ihn dann starr an.
Seine Hand senkte sich langsam. Knistern schien in der Luft zu liegen. Er versuchte, sich aufrechter hinzustellen und seinem Körper ein wenig mehr Spannung zu geben, aber es ging nicht. Sein Herz raste in seiner Kammer, als würde es aus seinem Körper springen wollen. Kopfschmerzen jagten sich durch seinen Leib.
„Wen haben wir denn da?“ fragte einer der Männer. Sein Haar war schulterlang, strohblond, und zu einem kleinen Zopf zusammengefasst. Es war das erste Mal, dass er Haar an einem der Männer sah, seitdem er aus dem Direktorium herausgetreten war.
Warum versuchst du nicht, den Rücken ein wenig durchzudrücken und auszusehen, als wenn du gerne an diesem Ort wärst und du keine Angst und keine Zweifel hast? Ich glaube, das würde bedeutend mehr Eindruck machen als die Stille, die du ausstrahlst. Bedeutend mehr.
„Wer bist du?“ fragte einer der anderen. Seine Hände waren vor einer Brust verschränkt, auf der Brandnarben das Gewebe zu einem einzigen Flickenteppich verunstaltet hatten. Er biss sich wieder auf die Unterlippe.
„Rodja Kushner ist mein Name.“
„Sie haben nicht das Recht, mit einem der Ocelots zu sprechen, ohne dabei seinen vollständigen Namen oder die Anrede der Heiligkeit zu benutzen!“
Einen Moment war er starr vor Angst. Worte prasselten auf seinen Schädel ein, verschwanden darin, ohne einen Sinn zu ergeben, ließen seine Knie zittern, seine Hände weich und kraftlos werden. Er musste den Koffer wieder abstellen. Das Geräusch war laut und hölzern. Wo auch immer er sich in diesem kleinen Raum bewegen würde, jeder würde in der Lage sein, es zu hören. Vielleicht hatte er es deswegen bekommen.
„Sir, es tut mir leid, Sir. Ich bin noch nicht—“
„Wann sind sie hier angekommen?“
Rodja schluckte und versuchte sich zu erinnern. Weiß lag vor seinen Augen, durch das er zu hasten versuchte, während die Kälte von allen Seiten auf ihn eindrang. Seele stand am Türrahmen und verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere. Er wollte gehen – irgendwohin, fort von ihm und seiner Ausstrahlung und seinem Gerede über die eigene Individualität. Rodja musste nicht einmal in die Kaste der Gedankenleser gehören, um das in diesem Moment deutlich zu spüren.
Sag was. Sag irgendetwas. Du kannst die Wahrheit zusammenbauen, oder du sagst irgendetwas, aber TU jetzt bitte –
„Ich bin gerade erst angekommen“ sagte Rodja nervös. Finger fuhren wieder durch sein Haar und spürten jede Strähne, als wenn man sie vorher mit Honig und fett eingerieben hätte. „Ich war erst bei der obersten Leitung, die mir meine …m-meine persönlichen Gegenstände abgenommen hat, und dann wurde ich auf dieses Zimmer verwiesen.“
„Hat Takeharu nichts mehr zu dir gesagt, Junge?“
Rodja schluckte. Er wusste nicht, wer Takeharu war. Er hatte vor drei Männern gesessen, die alle miteinander in ihrem Blick das Bohren von Schlangen besessen hatten, die ihre giftigen Zähne in jeden Körper stoßen konnte, wenn sie das wollten. Bei ihm hatte sie dieses Mal noch nicht gewollt – aber nur, dass er einmal entkommen war, bedeutete nicht, dass er das wieder und wieder tun würde.
„N-Nun, ich glaube mich zu erinnern, dass einer dieser Herren sagte, ich solle mir ein wenig Zeit lassen, weil—“
„Richtig“, sagte einer der Männer und lachte. Auf seinem Kopf war das Haar lang und gewellt. Er sah aus wie ein Schriftsteller, der an diesem Ort seine innere Inspiration suchte und nichts von dem System verstand, auf das er sich eingelassen hatte.
Verstehst du denn schon etwas?, fragte sein Verstand und grinste. Rodja schluckte wieder. Der Kloß in seinem Hals verwandelte sich allmählich in harten, unnachgiebigen Stein.
„Weil hier jemand dabei ist, auszuziehen, und weil wir diesen Menschen, die uns verlassen, gewöhnlich immer ihre freie Zeit lassen. Ich weiß nicht, was du mit dem armen Seele gemacht hast, aber in seinen Augen steht etwas geschrieben, was heute Nachmittag noch nicht da war, verstehst du? Kannst du normales, einfaches Hirn das begreifen?“
Rodja schaute auf. Augen wühlten sich in die seinen, die nur darauf warteten, dass er zu einem Angriff ansetzte. Komm schon, sagten die vier Männer, deren Gesichter zu Grinsen verzogen waren. Komm schon. Mach den Mund auf und sag uns etwas, und dann hör dir an, was wir zu sagen haben. Es wird dir gefallen, dieses Spiel von Macht. Weil du verlieren wirst. Definitiv sogar.
„Das kann mein einfaches Hirn begreifen, Sir.“
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