Glowing Halo
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About the author
tempestrider
Novel: Die Kinder Deiner Feinde
Genre: Fantasy
62,318 words so far   Winner!

About tempestrider

Location: Stuttgart

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Europe :: Germany & Austria

Age:31

Favorite novels: The Corrections; Invisible Monsters

Favorite writers: Johnathan Franzen, Michel Houellebecq, Chuck Palahniuk

Favorite music: Subway to Sally (Bastard), Tori Amos (From The Choirgirl Hotel), Interpol (Our Love to Admire), Emigrate, Placebo, Faithless (Everything will be alright tomorow), De-Vision, Zeromancer

Non-noveling interests: Friends, Poetry Slams, Computers, Role-Playing

Joined date: October 8, 2006

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'06

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'06

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Die Kinder Deiner Feinde
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Die Kinder Deiner Feinde

I – Zu Hofe

Es ist ein trockener Morgen Ende Sommer, sicher schon der fünfte in Folge, und doch führt die Wart Hochwasser. Etwa drei Meilen gen Nordwesten ist Trabour zu sehen, die Stadtmauer zumindest, und noch ein wenig nördlich davon, etwas erhöht auf einem Hügel mein Ziel, die Greifenwartburg. Ich binde Favre an eine alte Eibe, dort, wo jetzt das Ufer ist, um mich umzuziehen – die mit Staub und Kiefernnadeln gesäumten Reisegewänder verstaue ich in der Satteltasche, werfe mein Heroldstabard über (ich hasse dieses schwere Ding, das wohl für einen Mann mit schmaleren Schultern genäht wurde, aber es ist nun mal die ansehnlichste Aufmachung, über die ich verfüge), und während ich in dieser würdelos gebeugten Pose und halbnackt das Kopfloch suche, nähern sich plötzlich Schritte.
Das ist so, eigentlich nicht mal überraschend. Ich kam mit Schande auf die Welt, und sie verfolgt mich, wohin ich auch gehe. Und wenn es einen Gott der Schade gibt, dann wird er gerade heute ein besonders wachsames Auge auf mich haben, da ich ihm doch endlich abschwören will.
Ich überlege kurz, den Wappenrock wieder auszuziehen, aber da ich ihn auf gar keinen Fall beschmutzt wissen möchte, ist das keine Möglichkeit. Mein Kopf verirrt sich im linken Armausschnitt und ich erhasche einen Blick auf eine Lederrolle und zwei Münzen, die vor meine Füße fallen. Die Schritte entfernen sich wieder und als ich endlich alle Gliedmaßen sortiert habe, höre ich nur noch ein Flatschen. Flussabwärts treibt etwas Dunkles vom Ufer fort und während ich versuche es zu erkennen, bewegt es sich und taucht dann unter.
Es könnte ein Mensch gewesen sein, doch höchstens ein Kind.
Jedenfalls bin ich wieder allein. Also sammle ich die Botschaft und meinen Lohn auf, wundere mich, wie man mich hier gefunden hat und steige wieder in den Sattel.
Auf dem Weg begegnen mir noch mehr Menschen. Es ist ungewöhnlich betriebsam hier, Tagelöhner, die in der Stadt ein Auskommen suchen, Bauern, die vor Leibknechtschaft und Missernte im Süden geflohen sind um sich hier einem wohlhabenderen Herrn neu zu unterwerfen. Kurz vor der Burg dann ein Zug von Spielleuten, lustiges Volk, in deren Begleitung ich die letzte Meile zurücklege. Sie haben wilde Geschichten zu erzählen vom peinlichen Verhalten betrunkener Händlerssprößlinge auf irgendwelchen Marktfesten oder davon, wie der Graf von irgendwo, dem sie ihre letzte Aufwartung machten, einen groben Schnitzer ihres Feuerspuckers als „das größte Spektakulum der Dekade“ pries, ohne zu begreifen, dass um ein Haar seine Kemenaten niedergebrannt wären. Ich versuche angestrengt, ihnen zu lauschen, doch kehren meine Gedanken nach kurzer Zeit immer wieder in meinen unruhigen Bauch zurück. Auf den letzten Metern vor dem Graben, der die Greifenwart umgibt, höre ich nur noch meinen eigenen Herzschlag.
Im Innenhof dann nimmt das aufgeregte Treiben meine Sinne gefangen: der Platz zu Füßen von Burgfried und Palas schwirrt voller Bediensteter, die alles für die heutige Hofhaltung zu bereiten versuchen, während dicht an dicht Händler, Handwerker und Wahrsager ihre Stände aufbauen, Söldner und Knechte ihre Kraft und Trommelschläger, Marktschweinbläser und Tänzerinnen ihre Künste feilbieten und des Herzogs Garde scheppernd einen in der Menge untertauchenden Strolch zu stellen versucht. Alle paar Schritte muss ich stehen bleiben, für die kaum hundert Fuß bis zu den Ställen brauche ich gute fünf Minuten. Es grenzt an ein Wunder, dass Favre das alles erträgt, ohne mir durchzugehen.
Als ich ihn abgegeben habe, halte ich Ausschau nach einem herzöglichen (man könnte auch sagen: einem echten) Herold oder zumindest einem Diener des Haushofmeisters, um mich orientieren zu lassen. Auf dem Weg hierher ist mir eine wohlgekleidete Menschentraube an der Palaspforte ins Auge gestochen, und so schlage ich mich dorthin durch, stets eine Hand an meinem Münzbeutel und den Mantelsack eng vor die Brust gepresst. Bei meiner Ankunft fühle ich mich, als hätte ich eine Kneipenschlägerei hinter mir, aber ich habe mein Ziel erreicht.
„Dein Name und Dein Begehr?“ fragt mich ein ziegenbärtiger Glatzkopf im blauen Wams der Herzogslakaien.
„Marius. Ich will meine Aufwartung machen.“
Meine Zunge klebt am trockenen Gaumen. Ich bin zum ersten Mal hier, und ein Gefühl tiefer Fremdheit lässt mir kalt werden. Was, wenn ich irgendetwas falsch gemacht oder einfach falsch verstanden zu haben, wenn man mich gar nicht erst zum Herzog vorlässt?
„Marius von …?“
„Nur Marius“ stottere ich.
„Und warum möchtest du dem Herzog >deine Aufwartung machen<?“
„Ich will ihn um seinen Segen für eine Queste bitten.“
Zum ersten Mal erhebt sich zumindest ein Auge von seinem Schreibbrett, mustert mich, nicht von oben nach unten oder so, er scheut mich einfach nur ganz fest an. Ich habe mich auf alles Mögliche Vorbereitet, meine Worte dutzende Male hin und her überlegt, aber auf die Idee, reglos Stehen, Unauffälligkeit oder das Verheimlichen plötzlicher Bauchkrämpfe zu üben, bin ich nicht gekommen. Und ich weiß nicht, ob es mir gelingt, ich spüre kein Zittern, aber es könnte sein, und dann merke ich, wie mir ein Schweißtropfen die Stirn und die linke Schläfe herab rinnt.
„Und worauf wartest Du dann?“
Er weist auf eine Schlange, die aus einem Nebeneingang zum Palas herausragt. Lauter Bauern, Häusler oder Witwen, die die monatliche Hofhaltung nutzen wollen, um mit einer Bitte vor den Herzog zu treten.
Ich stelle mich an. Es sind sicher zwei Dutzend Menschen vor mir, und es stellen sich noch weitere hinter mir an. Fast alle schweigen, manche der Frauen haben sich Stickarbeiten mitgebracht, andere kramen Rüben aus ihren Taschen und holen das Frühstück nach, die meisten beten. Nach einer Weile – sicher einer halben Stunde – wendet sich uns der Ziegenbart erneut zu und erklärt uns herrisch und so knapp wie eben möglich die Regeln, die richtige Verbeugung, die Anrede, den allgemeinen Benimm. Dann lässt er uns in den Saal.
Noch nie habe ich in einer solchen Halle gestanden – hunderte Menschen haben schon auf Adelssitzen, einfachen Stühlen oder dem Boden rings herum am Rande des Raumes Platz genommen, ohne dass er gefüllt wirken würde. In der Mitte ist als Mosaik im Boden das Wappen des Herzogtums zu erkennen, lang genug, dass zwei Pferde darauf Platz hätten. Ein Riese könnte hier aufrecht stehen. Das Licht wirkt völlig unnatürlich, nein: überirdisch – und erst nach einigem Suchen erkenne ich, dass das von den farbigen Glasfenstern herrührt.
Ich habe noch nie so viel Glas gesehen.
Wir nehmen auf dem Boden am hinteren Ende des Saales direkt neben dem Haupteingang Platz. Von hier aus kann man nur erahnen, was am Thronende vor sich geht – aber dass der Thron noch leer ist, kann man sehen. Plötzlich ertönen Trommeln, Gamben und Schalmeien und geleiten eine Handvoll Gaukler auf das Parkett. Jubel kommt auf, doch ich klatsche nur abwesend mit. Was mich gerade wirklich bewegt, ist dass mein Magen sich wieder entspannt.
Und so ertrage ich die Festlichkeiten, den Einzug der Adeligen und Würdenträger, den ersten Tanz (dem wir Leibeigenen ohnehin nur zusehen dürfen), fünf oder sechs Verurteilungen (bis auf einen sollen sie alle hängen), die Legitimation dreier neuer Müller, ein paar Treueeide und schließlich die Gesuche derer, die vor mir da waren. Pünktlich als mein Name aufgerufen wird, haben Bauchweh und Schweißausbruch wieder eingesetzt.
„Was bringt Dich zu uns, Marius?“ fragt der Herzog.
Ich bin ihm zum ersten Mal so nahe, dass ich mehr als nur seine wallenden Gewänder erkennen kann. Er sieht älter aus, als ich erwartet habe, weniger groß (besonders auf diesem Thron), ein Wenig erinnert er mich an den Dorfobmann von Lengen. Nichts an ihm spricht von göttlicher Vorsehung oder Gnade, nur von ererbtem Reichtum.
„Euer Durchlaucht, ich bin Bote der Stadtherolde und bringe die Verlautbarungen von Gilden, Zünften und Senat aus der Stadt zu Euren Leibeigenen im Süden zwischen Wallens und Grubing. Auch diene ich den Menschen als Überbringer ihrer Nachrichten untereinander. Und in letzter Zeit bin ich in dieser Art an Auskünfte gelangt, welche mich vermuten lassen, wo sich der Baptist Hutmacher mit seinen Schergen versteckt hält.“
Ein Raunen geht durch den Raum, und es ist kein freundliches. Aber niemand wagt im Angesicht des Herzogs das Lied der Räuber anzustimmen.
„Du bringst mir also pflichtschuldigst diese Auskünfte – und erwartest wohl ein Entgelt dafür?“
Mein Stiefvater pflegte stets zu sagen: „Hochwohl geboren und nichts dazu gelernt“.
„Euer Durchlaucht, verzeiht, aber nein, ich will keinen Verräterlohn. Ich will Eure Männer dorthin führen und nach altem Brauch auf diesem Wege ein freier Mann werden.“
Der Herzog grinst zu mir herab.
„Da du die Verlautbarungen verliest ist dir sicher nicht entgangen, dass dieser überkommene Brauch in Kürze verboten werden soll?“
„Umso dringender ist es mir.“ antworte ich und schiebe schnell ein erschrockenes „Euer Durchlaucht!“ hinterher.
„Junger Marci...“ - er dreht sich um und ein Lakai hinter seinem Thron flüstert ihm etwas zu - „Marius, was willst du denn damit? Geht es dir um die Privilegien – dann mag ich dir anders helfen. Geht es um das Schwertrecht, so kann ich dir versprechen, wenn du mir diesen Hutmacher – Hundesohn lieferst, dann magst Du Dir als Belohnung in meiner Rüstkammer aussuchen und tragen was dein Herz begehrt. Oder geht es um ein Mädchen? Ich werde zu jeder Vermählung meinen Segen geben, wenn nötig für dich mit dem Vater sprechen, wenn du nur Wort hältst.“
„Euer Durchlaucht, das ist es nicht. Ich will mich >Freier Bürger< nennen können, und ich will es mir selbst verdient haben.“
„Warum wählst du nicht einen anderen Weg? Verdingt sich ein starker Jüngling heutzutag nicht für fünf Jahre in meinem Heer, wenn er zum Bürger werden will?“
„Euer Durchlaucht, in Eurem Heer ist kein Platz für mich.“
„Was lässt dich so etwas sagen? Jeden Tag sehe ich schwächlichere Soldaten als Dich auf meinem Hof und an Mut scheint es dir auch nicht zu mangeln. Oder bist du dir gar zu fein für meine Uniform?“
„Sie ist zu fein für mich, Euer Durchlaucht“.
„Hast du dir etwa Unehrenhaftes zu Schulden kommen lassen?“
„Nein, Euer Durchlaucht.“
„Was ist es dann?“
Genau diesen Moment habe ich in Gedanken hundert Mal erlebt – aber nie zuvor war mein Hals so trocken, nie hat sich mein Brustkorb so verkrampft.
„Es ist mein Vater, Euer Durchlaucht. Ich...“
„Was ist mit ihm? Sitzt er etwa im Kerker ein?“
„Meine Mutter hat mir nie von ihm erzählt.“
„Bastard!“ und „Hurenbengel!“ sind noch die höflicheren Rufe, die mir aus dem Publikum entgegen schallen.
Der Herzog hebt seine Arme, um wieder für Ruhe zu sorgen.
„Und einen Vaterlosen soll ich zum Freien ernennen, Marius?“
Gelächter füllt den Saal, doch noch während ich in mir den Mut suche, zu einer Widerrede anzuheben, erhebt plötzlich ein Mann von den Adelsrängen aus seine Stimme:
„Durchlaucht, Herzog – vor Euch steht ein junger Mann, der uns Entschlossenheit und Stärke zeigt, wie man sie in jedem Bürger sehen möchte. Im Namen der Republik kann ich Euch nur auffordern, ihn nicht mit leeren Händen fortzuschicken!“
Schweigen breitet sich aus, während alle versuchen, meinen unerwarteten – und unerwartet kühnen – Fürsprecher zu erkennen. Selbst der Herzog dreht sich um.
„Werter Senator! Ihr seht mich überrascht, dachte ich doch, Ihr wäret einer der überzeugtesten Fürsprecher des Questenverbots.“
Mühsam erhebt sich ein kleiner Mann, wohl kaum älter als meine Mutter, aber er muss sich auf einen Diener stützen.
„Euer Durchlaucht, ich plädiere dafür, eine Tradition zu verbieten, durch deren Missbrauch es jahr um Jahr sowohl zu vielen bedauernswerten Unfällen als auch zu mancher unwürdigen Freigabe kommt. Ich verteidige lediglich die Belange unserer Heimat – und in diesem Fall sehe ich einen jungen Mann, der Euch und der Republik als Bürger möglicherweise einen größeren Dienst zu erweisen weiß, denn als Leibeigener Botenjunge.“
Gemurmel erhebt sich, vereinzelt sogar Beifall. Der Herzog wartet eine Weile ab, mit schnurgeradem Mund, bevor er die Menge wieder zur Ruhe gemahnt.
„Das ist weise gesprochen, und so soll es auch sein.“
Er wendet sich wieder direkt an mich.
Aber um sicher zu gehen, dass wir niemanden erheben, der dessen nicht auch wirklich würdig ist, soll Deine Queste lauten, dass Du mir den Kopf dieses Gesetzlosen bringst, ohne dass meine Männer Deine Arbeit für Dich tun.“
„Euer Durchlaucht, ich soll alleine die Räuber stellen?“
„Jedenfalls wird Dich kein Soldat zum Manne machen.“
Es raunt aus allen Richtungen, auch Gelächter ist zu vernehmen. Ich stehe da mit gesenktem Kopf und überlege fieberhaft, wie ich aus dieser Lage noch das Beste machen kann, da tritt aus dem aus der Menge ein junger Kerl Geck hervor, in saubere Tuche gehüllt und selbst sein Haar fällt nicht, wie es das von Natur her sollte.
„Euer Durchlaucht!“
„Wer bist Du und was soll dieser ungebührliche Auftritt?“
„Euer Durchlaucht, mein Name ist Raphael Brun, Sohn des Severin Brun, Gildenmeister zu Trabour. Und mein Anliegen ist es, diesen Gemeinen auf seiner Queste zu begleiten.“
„Und was habe ich damit zu schaffen, junger Pfeffersack?“
„Euer Durchlaucht... wenn wir den Briganden stellen, in Eurem Namen, erhalte auch ich dann die Manneswürde?“
„Ich würde annehmen, dass Dein Vater sie Dir schon herstellen wird, wenn Du alt genug bist, also warum sollte ich da zuständig sein?“
„Weil Ehre nicht gekauft wird, euer Durchlaucht. Lasst mich meine Ehre verdienen!“
Der herzog lässt seinen Blick wandern und verharrt einen Moment lang an der Stelle, vor der dieser Raphael kam, bevor er wieder sein Grinsen aufsetzt.
„Gut. So soll es sein. Und nun geht und haltet Wort!“
Ich wende mich zum Gehen, da hört man Geräusche hinter dem Thron. Jemand ruft etwas von „Lasst mich zum Herzog!“. Im selben Moment geht die Nebentüre auf, durch die auch ich zuvor hereingekommen bin, und drei junge Männer, die denselben Tabard tragen wie ich, treten ein und übergeben lederne Botschaftsrollen an den Senator, dem ich meine Chance verdanke und zwei seiner Nebensitzer.
Wieder greift lautes Gemurmel um sich bis der Herzog seine Stimme erhebt:
„Die Hofhaltung ist hiermit beendet. Löst die Versammlung auf!“

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