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About the author
reinhard4711
Novel: Die Sphinx aus dem Kunstkabinett [Virtuelle Morde töten ebenso]
Genre: Erotic Fiction
93,607 words so far   Winner!

About reinhard4711

Location: Vienna, Austria

Home Region:
Europe :: Germany & Austria

Age:49

Website: http://www.splendit.at

Favorite novels: Die Traumnovelle, Hundert Jahre Einsamkeit, Baron über den Bäumen, a farewell to arms, grapes of wrath, Blechtrommel

Favorite writers: John Steinbeck, George Orwell, Günter Grass, Arthur Schnitzler, Gabriel Garcia Marquez, Italo Calvino, Ernest Hemingway

Favorite music: depends on mood, however rather classic oriented: Ougenweide, Rondo Veneziano. John Lennon (Imagine)

Non-noveling interests: reading, mountainbiking, snooker, social games

Joined date: October 22, 2007

NaNoWriMo posts: 22

NaNoWriMo buddies: 22

 


Die Sphinx aus dem Kunstkabinett [Virtuelle Morde töten ebenso]
an excerpt

Kurzbeschreibung

Berlin - ein zweitägiger IT-Kongress, für welchen Peter Ondrovsky sich registriert hat, um seinen in Fachkreisen anerkannten Vortrag über Softwarequalität erstmals außerhalb von Wien zu halten.
Am Abend - der unvermeidlich erscheinende Kneipenbesuch, der sodann hinaus­gedehnt wird mit einem Bummel durch das berühmt-berüchtigte Berliner Nachtleben und explizit auf Peters Empfehlung hin, mit dem Besuch in einer ein­schlägigen Gogobar kulminiert. Nackte sich rekelende Tänzerinnen, halbnackte Besucher und frivole Erotik, die auf die heiteren Kon­ferenz­teil­neh­mer herab rieselt und sie in ihren anrüchigen Bann verstrickt. Dass in den Separees Schreie heraus dringen, verwundert und erschreckt niemanden - im Gegenteil stachelt vielmehr nur die eigene Lust, Phantasie und Erregung an. Diesmal sind es allerdings nicht allein Schreie der Wollust: eine junge Frau, mit ihrem Slip gefesselt und einer Augenbinde ge­blendet, nackt und mehrfach miss­braucht, wird in einem Nebenraum er­drosselt aufgefunden.
In der Handtasche der Ermordeten findet sich ein Fragment einer erotischen Geschichte von Peter Ondrovsky, in welcher eine ganz ähnliche Situation beschrieben ist, wie jene, die Katharina B. zum Verhängnis geworden ist und in seinem Pass wird ein hinzugestecktes Foto der Ermordeten entdeckt. Diskussions­los klar, dass die Polizei dies nicht als Zufall erachten kann, und sowohl Peter Ondrovsky als auch den Freund von Katharina B. zu ihren Haupt­verdächtigen zählt, zumal sich in den Verhören immer mehr heraus stellt, dass Peter O. und Katharina B. über ihren email- und Chatverkehr ein virtuelles erotisches Ver­hältnis begonnen haben, das sie aber unbedingt vor ihren je­weiligen Partnern ver­bergen wollten...

Der grüne Zwerg
Es war eine Hassliebe auf den ersten Blick, wie sie ausgeprägter wohl nur in schlechten Revolverblättern und Fortsetzungs­ro­ma­nen stehen konnte, dachte sich Peter Ondrovsky instinktiv und spontan, wie er seines Gesprächspartners gewahr wurde, der breit grinsend in seiner ab­stoßenden Fettleibigkeit ihn ge­nüss­lich zu mustern begonnen hatte.
Sein Blick schien Bände zu sprechen, hinsichtlich Vorverurteilung und Ver­achtung von Intellektuellen aller Art – sinngemäß in die Richtung hin zu inter­pretieren: Na warte [»Bürschen?«], dich kriegen wir auch noch weich, mit links ... ganz locker sogar, alles nur eine Frage der Zeit.
Der Kommissar schien ziemlich genau im gleichen Alter wie Peter, also Mitte dreißig bis Eher Anfang vierzig, zu sein – aber auch wenn man sich selbst vielleicht immer am schwersten einschätzen kann, so hatte Peter doch den Ein­druck, als würde er selbst durch seine betonte, häufig praktizierte Sportlich­keit und sein schlankes Wesen um etliche Jahre jünger wirken. Wären da nicht diese dunklen fast schwarzen Ringe unter den Augen gewesen – diesmal erst recht be­gründet durch die Ereignisse, die sich inner­halb seines für nur zwei Tage an­be­raumten Aufenthaltes in Berlin über­schlagen hatten.
Was ihm potentiell wirklich zur Last gelegt werden würde, erschien so wirr und abstrus, dass sein Hirn sich anfangs gegen eine Aufnahme der un­mög­lichen Anschuldigungen gesträubt hatte. Und nur nach und nach hatte Peter so­dann angefangen, die fatale Groteske mehr und mehr zu verstehen, das Un­glaubliche der Reihe nach für sich selbst begreifbarer zu gestalten ... und dass er allem Anschein nach einen extrem guten Anwalt brauchen würde, der ihn hier aus dem Schlamassel heraus boxen könnte.
Katharina Bohlen? – nein, natürlich nicht: woher hätte er sie kennen sol­len, niemals gehört, war seine erste und instinktiv auch richtige Reaktion gewe­sen. Hier in Berlin, gerade erst das zweite Mal in seinem Leben, kannte er letzt­lich niemanden, wenn er diejenigen Personen aus schloss, die er gestern wäh­rend des Fachkongresses kennen gelernt hatte, wo er einen Vortrag über mo­derne Methoden der Software­visualisierung gehalten hatte
»Röntgenbilder ihrer Software« hatte er den Titel mit Absicht ein wenig markt­schreierisch und reißerisch gestaltet, um entsprechenden Zuspruch und Inter­esse in der potentiellen Zuhörerschaft und im bestehenden Kundenkreis zu generieren. Und die durchaus interessierten Reaktionen hatten ihm sehr wohl recht gegeben, den Horizont seiner Beratungs­firma zu erweitern, indem er Kunden nicht nur in Wien sondern eben im gesamten deutschsprachigen Raum für diese Ideen gewinnen wollte.
Und dann – danach? Nur dumpf konnte er sich daran erinnern, was über­aus verwunderlich war, denn er war auch bei dieser Tour durch das Nacht­le­ben von Berlin seinen Prinzipien treu geblieben und hatte ganz im Gegenteil zu sei­nen Kameraden, die ihn ob dieser Einstellung anfangs auch noch gelästert hat­ten, auch den gesamten Abend durch­gehalten und keinen Schluck Alkohol zu sich genommen.
Was heißt hier Abend, hatte er noch in sich hinein gegrinst – es war wohl einen Großteil der Nacht hindurch gezecht worden: Anfangs noch in »nor­malen« Lo­kalen, dann aber ab Mitternacht in Nachtlokalen rund um den Kur­fürsten­damm, ehe sie dann in jener Bar geendet hatten. In jener verruchten, schicksalhaften Bar!
Auch diese Tatsache war gewissermaßen eine Neuerscheinung für Peter ge­wesen, denn so sehr er sich virtuell durch seine Schreiberei mit der Thematik von Rot­lichtdistrikten und Nachtlokalen, Gogo-girls und dergleichen ausein­ander gesetzt hatte, so wenig stimmte dies mit seinem Verhalten und Anliegen in der Realität über­ein. Er hatte schon ganz lange nicht mehr eines dieser Etablissements, wie er diese Lustbarkeitseinrichtungen mit bewusst gespieltem Wie­ner Strizzi Zungen­schlag betonte, besucht, weil es ihn schlicht und er­grei­fend nicht interessierte und weil das Preis-/Leistungs­verhältnis ohnedies nicht im geringsten stimmte. Auch weil er kein Inter­esse daran hatte, sich an der drastischen Darbietung von nackt sich räklendem Fleisch in halbdunklen Räu­men zu erregen. Und dennoch war es ge­ra­de er gewesen, der sodann den ent­scheidenden Hinweis für diese verrufene Spe­lunke gegeben hatte. Damit vor den anderen geprotzt hatte, als würde er sich wahrlich aus­kennen, ein Ken­ner der Materie sein und sich dabei auf Hin­weise und Insider­tipps verließ, die er von trotz allem unbekannten Personen aus dem Internet erhalten hatte.
Kitkatclub – wie hatte Peter nur so verwegen sein können, etwas vorzu­schla­gen, was er nur dem Vernehmen nach gehört hatte - das würde er sich erst recht viele Stunden und Tage später immer wieder fragen müssen. Hier aber war es wohl wie in einem typisch männlichen Balz- und Imponiergehabe darum ge­gangen, den besten Nachtlokaltipp zu bringen, wo sie jetzt, da es schon Mit­ter­nacht war, den ange­brochenen Abend noch zu Ende bringen würden.
Peter wusste und fühlte es instinktiv, dass es auf vielen Gründen weitaus bes­ser gewesen wäre, den Rückweg zum Hotel anzutreten und sei es auch alleine. Seine Kumpanen waren schon recht fröhlich unterwegs, vor allem feucht fröhlich wie man sagt und um genau zu sein hatte der eine oder andere bereits jetzt zu viel geladen gehabt. Andererseits – sein Vortrag war bereits heute und obendrein ausgesprochen gut ge­laufen, er wäre morgen nur noch Zu­hörer, bis er dann am frühen Abend wieder die AirBerlin nach Wien besteigen würde ... also was solls, da konnte er so manchen nicht ganz so interessanten Vor­trag verschlafen oder aber ver­streichen lassen. Und einer der Haupt­interessenten, mit dem er mittlerweile per Du geworden war, so wie alle in der ganzen Gruppe, schien ein besonderer Racker zu sein. Es schadete also nicht im geringsten, ihn auch auf solchen Ebene, im wahrsten Sinne des Wortes, mit entsprechendem Wissen und guten Tips beeindrucken zu können.
Das einzige, was Peter sich zugute halten konnte, war, dass er sehr wohl vor der Abreise überprüft hatte – im Internet als seiner üblichen Informations­quelle, ob es den Club auch tat­sächlich gab, von dem er bis zu diesem Zeit­punkt nur über diese erotischen virtuellen Chats erfahren hatte. Von Kathy. Kathy wer? - keine wirkliche Ahnung, ja auch nicht ob sie wenigstens mit ihrem Vor­namen so hieß. Als kathy.bo@yahoo.de hatte sie sich ausgegeben und ihn über seine ver­öffent­lichten Geschichten über eine Fanmail aufgestöbert. Und dann hatten sie sich mit der Zeit in eine erotisch virtuelle Verwirrung ver­strickt, die ihm gele­gentlich wie eine Sucht und dann wiederum wie ein Traum erschien, in den er ohne viel Gefahr ein­tauchen konnte, voll genießen, um sich hem­mungs­los ihres­gleichens aus­zu­toben. Sich mit ihr grenzenlos aus­leben – dann wieder ver­stecken, nach Luft schöpfen und weiters so tun, als wäre nichts ge­schehen und ge­wesen.
»No – I had no sex with this woman«, hätte er sich ruhigen Gewissens recht­fertigen können, grinste er manchmal in sich hinein, wie es doch ein weit­aus besserer als der jetzige amerikanische Präsident seinerzeit so locker be­haup­tet hatte.
Nie hätte er damals und seinerzeit auch nur im entferntesten Traum da­ran gedacht, sich ernsthaft über diese Si­tuation recht­fertigen zu müssen und von Gesetzes wegen gezwungen zu wer­den, die Ge­schichte aufzurollen, was tatsächlich geschehen war. Seinerzeit vor nun­mehr fast zwei Jah­ren und dann vor allem die letzten dreißig oder vierzig Stun­den, in denen, so weit war es ihm jetzt schon klar, ganz offenkundig ein Gewalt­ver­brechen ge­schehen war. Allem An­schein nach ein Mord mit Ver­gewaltigung – und das Opfer war: er konnte es nach wie vor nicht glauben und die ganze Situation kam ihm vor wie ein un­glaub­lich dunkler Traum, aus dem er nicht erwachen konnte. Das Mordopfer war sie – diese Kathy Bo, denn den echten Namen hatte er auch zum Zeitpunkt des ersten Verhörs noch nicht er­fahren gehabt.

So viele Fragen wurden ihm nicht nur seitens des Vernehmers gestellt, sondern fast mehr noch hatten sich in seinen eigenen inneren Gedanken for­muliert: allesamt Schnappschüsse und Situationsaufnahmen, die er nicht be­grei­fen und sich selbst nicht erklären konnte. Wie hatte all das nur so weit kommen können und wie war es möglich geworden, dass aus einer virtuellen Bekannt­schaft, bei der außer Fotos, und das nur von ihrer Seite her, und schriftliche Erotik nichts Sonstiges ausgetauscht worden war ... dass daraus mit einem Mal eine Ernst­haftig­keit erwachsen war, die ihres gleichens suchte. Und wäre es nicht eine im wahrsten Sinn des Wortes todernste Angelegenheit gewesen, er hätte es für einen Scherz, wenn auch einen ganz extrem schlechten Scherz er­achtet, dass er in Zusam­men­hang mit diesem tragischen Vorkommnis im Sex­club in Verbindung gebracht wurde. Ja – sogar allem Anschein nach als einer der Haupt­ver­dächtigen galt – vollkommen unverständlich, wie sich das hatte so ent­wickeln können und noch dazu in einer Rasanz, die für ihn genau so wenig nach­vollziehbar war.
Was zum Teufel noch mal hatte gerade ihn, der ja in sämtlichen juridischen Belangen bisher unbescholten war, offen­kundig derart verdächtig ge­macht, dass er beim allgemeinen Festhalten der Personalien – eben kurz nachdem der Vorfall publik geworden war – mit auf das Kommissariat ge­nom­men wurde, und seither nicht mehr freigelassen worden war? Untersuchungshaft – vorläufig einmal zumindest, bis zur Vorführung bei einem Richter noch in Verwahrsam genommen ... was auch immer da die erlaubten Fristen in Form von Stunden oder Tagen wären.
Was war da nur in seinem Pass gewesen, den er bei sich hatte, fragte er sich zum wiederholten Mal, denn damit hatte alles irgendwie begonnen. Üblicher­weise hätte er in seiner bekannt zynischen Art und Weise gescherzt, dass sein damaliges Foto, mit Bart und sehr kurzen Haaren, ja doch nicht so schlimm aussehen könne, dass es die Mitnahme aufs Kommissariat rechtfertige, aber dann hatte er doch seine spitze Zunge in Zaum gehalten. Zum Teil aus Schock und dann auch ganz ehrlich, um aus dem Blickpunkt all jener zu gelangen, die förmlich Löcher in seinen verdatterten Körper gebohrt hatten, wie er von den Polizisten mitgenommen worden war. Nein – es war offen­kundig nicht sein Foto, das die förmlich dra­matische Aufmerk­samkeit erregte und ein Tuscheln und Zusammenstecken der Köpfe provozierte, sondern etwas anderes, das zusätzlich im Pass steckte und irgendwie dorthin hinein ge­rutscht war.
Ein Zettel, eine Notiz – irgendeine Kleinigkeit, an die er sich nicht erinnern konnte, was auch immer es sein mochte. Wann hatte er zuletzt im Pass ge­blättert, fragte er sich zwar der Sicherheit halber, aber nicht einmal das konnte er mit Gewiss­heit beantworten. Die Mitnahme dieser Dokumente auf eine Dienstreise geschah immer wie ein Reflex, ganz ähnlich wie das Einstecken sei­nes Auto­schlüssels mitsamt dem restlichen Schlüsselbund. Und falls auf diesem Bund sodann einer gefehlt hätte, oder einer mehr oben gewesen wäre: diese Situation wäre ihm wohl auch nur im gegebenen Anlassfall aufgefallen.
Was also war das Ding im Pass gewesen, das den einen Polizisten sofort zum Telefon greifen ließ, um offenbar eine höhere Instanz anzurufen. Das einzige, was er sich erinnerte, gehört zu haben, waren Wortfetzen so ähnlich wie »...ja ... hat er bei sich ... ja von ihr ... das müssen Sie sich mal angesehen haben ...«
Und sodann einige lähmende Sekunden später die Bestätigung zur Nach­frage der anonymen Gegenseite am anderen Ende des Telefons. Nochmals so eine kryptische Antwort, der er nicht einordnen konnte, was sie wirklich bedeuten möge. »Ja, ganz sicher ... ihr Photo ...«
Was also, verdammt noch mal, hatte er bei sich, das die grünen Zwerge, wie er sie laut einem schlechten Witz zu nennen pflegte, auf den Plan gerufen hatten, ihn vor den verdutzen anderen Leuten, deren Personalien wie bei einer riesigen Razzia aufgenommen wurden, sofort aufs Kommissariat mitzu­nehmen.
Diese Peinlichkeit vor allen Leuten und den frisch gewonnenen Freun­den und Bekannten erst recht. Was konnten die sich nur denken – aber auch sie waren ja über den wahren Grund der Razzia in diesem Lokal im Dunkeln ge­lassen worden. Und sie hatten sehr wohl ihm ermunternd zugenickt, dass es sich hier nur um einen peinlichen Irrtum und eine Verwechslung handeln konnte, eine Sicherheitsmaßnahme oder was auch immer sonst. Ja – ein Irrtum, alles andere war kategorisch auszuschließen. Nicht den Hauch einer Ahnung, ge­gen welches Gebot er verstoßen haben mochte – sie würden ihn wohl hoffent­lich bald genug aufklären.

Und was Peter jetzt, groteske bange Minuten danach in einem stickigen Berliner Polizeibüro instinktiv und sofort innerlich noch mehr ärgerte und fast zur Weißglut trieb, das war die Art und Weise, wie der Kommissar sich genüsslich, nein besser gesagt noch: provokant eine Zigarette anzündete, langsam das Streichholz auf den Fußboden fallen ließ und Peter, der sich auf seine Armgeste hin, gerade wieder niedergesetzt hatte, mit voller Ab­sicht eine Wolke dieses ihm so verhassten blauen Dunstes ins Gesicht blies. Zu­mindest in die Richtung hin, ein eindeutiges Signal setzte, wie es Peter in je­dem Fall interpretierte.
Wusste der Inspektor davon, dass er Nichtraucher war? War so eine Eigen­schaft nicht offenkundig und nach außen hin erkennbar.
Mit Sicherheit, beantwortete Peter diese Frage sich selbst, denn bei den bis­herigen Gesprächen oder sollte er doch Verhören sagen, hatte er den Griff zu einem Glimmstängel immer dankend abgelehnt. Zumeist mit eben genau je­nem Hin­weis verbunden, dass er Nichtraucher war. Und wenn nicht unter Stress, echtem, den er schon lange verspürte, würde man sonst zu einer Ziga­ret­te greifen, um die angespannten Nerven etwas besser in den Griff zu be­kom­men.
Eine klare Provokation, ein klarer Verstoß nicht nur gegen das Nicht­rau­chergesetz ... er sah sich selbst an, dass er im Begriff war, rot anzulaufen, dass er am liebsten gebrüllt hätte, dass er jetzt nur noch versuchte, seine aufbrausende Wut zu zügeln. Die Nägel der Finger in seine Hand drückte, um einen der Aku­pres­surpunkte zu finden, die er auch dann massierte, wenn ihn ein Migräne­anfall zu befallen drohte. Aber er konnte nicht anders, als entweder drücken und Luft anhalten oder aber auf der Stelle explodieren.

Peter Ondrovsky war sonnenklar, dass er es wohl nicht hätte tun sollen, aber er konnte gar nicht anders, er hasste diese unbeschreibliche Rück­sichts­losigkeit der Raucher und er wollte sich auch in dieser Situation ganz bewusst kein Blatt vor den Mund nehmen. Er hatte sich ja nichts vorzuwerfen, er war irrtümlich und schuldlos von den blöden grünen Zwergen hierher geführt worden. Wohl nur noch eine Frage von wenigen Minuten und sie würden vor ihm zu Staube kriechen müssen, sich vielmals ob des Irrtums entschuldigen und ihn mit hochrotem Kopf und peinlich berührt sodann ins Hotel zurück bringen. Diverse Regressschritte würde er sich noch überlegen und derzeit vor­enthalten – das hing ganz davon ab, wie die nächsten Minuten jetzt verlaufen würden, sagte er sich noch. Also die Episode mit dem Rauch, die würde er schon mit Sicherheit anführen, schwor er sich innerlich.
Es ging seinem Gegenüber wohl vor allem um ein taktisches Spielchen, schätzte Peter ihn ein – von Anfang an gleich klar zu stellen, wer der Herr im Ringe wäre und von wem aus die Regeln gelten würden. Aber nicht mit mir – so nicht, ganz sicher nicht ... fühlte er erneut die wütende Reaktion in ihm auf brausen.
Mit einem versuchten Pokerface blickte er bewusst äußerst demonstrativ in Rich­tung des klar und sprechend aufgehängten Rauchverbotsschildes und setzt zu einer Bemerkung an, die aber sein Gegenüber süffisant lächelnd abfing und seiner­seits einen Konter mit spöttischem Unterton entgegnete.
»... nur für Besucher ... oder was haben Sie denn geglaubt ...«
Die Art und Weise, wie er die Worte rollte in seinem prägnanten Berliner Dialekt, den er bewusst wie eine Waffe und zugleich Strategie einsetzte, ließ Peter sowohl das Blut kochen als auch im nächsten Augenblick wieder gerin­nen.

Es war wohl besser gewesen, diesbezüglich nichts zu sagen ... aber die Karten und die Rollen in diesem Spiel, die waren schon ganz offenkundig von An­fang an verteilt worden.
'Präpotenter und verdächtigter intellektueller akademischer Schreiberling' auf der einen Seite trat an gegen 'typisch blöder und bürokratisch verfressener wenn nicht auch versoffener Beamter' auf der anderen Seite – es würde wohl nicht nur ein Spiel von Mimik und Gestik und voller vorerst noch nicht geäußer­ten An­deutungen bleiben: das war beiden Prota­go­nisten klar, ohne es artiku­lieren zu müssen.
Ein Taktieren solange es möglich wäre, verdeckte Angriffe und offen­kun­dige Reposten, die üblichen Vorurteile von allen Seiten und wohl keine be­son­deren Zimperlichkeiten, was die Wahl der Waffen angehen würde.

»Keine rechtliche Belehrung ...?« – es platzte Peter einfach heraus, er konnte sich kaum zurück halten. Die selbstgefällige Art und Weise des grünen Gift­zwerges, so war in ihm das verächtliche Codewort für den Chefermittler ent­standen, machte ihm die ganze Situation einfach unerträglich.
Dieser jedoch grinste ihn lediglich an, ließ sich ganz offenkundig nicht provozieren und genoss es mittlerweile sichtlich, dass er Peter ohne viel Zutun und Reden in eine Situation gebracht hatte, bei der das Verhör schnellere Ergeb­nisse bringen würde, als er sich anfangs gedacht hatte, wie er noch hinter der mono­transparenten Glaswand sein jetziges Gegenüber bei der ersten Be­fragung durch seinen Kollegen beobachtet hatte.
Er sprach mehr für sich, denn zu ihm – auch war es fast unverständlich, was er zwischen seinen Zähnen heraus presste, aber Peter war sich sicher, ein »schreibt nicht nur schlecht ... sondern schaut auch miese Krimis...« gehört zu ha­ben. Dass er rot anlief, eine Kombination aus Ärger und Wut, konnte Peter nicht vermeiden, was ihn zusätzlich noch wütender stimmte. Jedoch hatte er mit­tler­weile endlich erkannt, dass er sich mit seinem bisherigen Auftritt ins Ab­seits zu manövrieren begann und seine Situation sich zusehends ver­schlechterte. Also Taktik ändern, war angesagt, sprach er sich selber zu und atmete tief durch, um seinen Bluthochdruck wieder in den Griff zu bekommen.
»Borse«, meinte der grün Uniformierte dann kurz, und so sehr es für Peter klar war, dass damit in der abgekürzten Vorstellung dessen Name gemeint sein musste, so sehr waren zwei andere Begriffe in seinem Gehirn unmissver­ständlich eingemeißelt, »Börse« und »Bose, Böse« vor allem. In dieser Sekunde wurde ihm auch schmerzlich bewusst, dass er sich jedes Mal, wenn er ihn bei dessen Namen und nicht Amtstitel benennen würde, er sich sehr bemühen müsste, um nicht einen großen Fauxpas durch seine Falschbezeichnung zu be­gehen.

»Sie wissen also nicht, was in diesem Lokal gestern Nacht etwa zwischen ein und zwei Uhr morgens geschehen ist? Denn nur dies uns nichts anderes steht in ursächlichem Zusammenhang mit ihrer Befragung. Wie Sie ja wissen – Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern, Sie können Ihren Rechtsbei­stand informieren und befragen, beiziehen – nicht aber während der Ver­nehmung. Und was Sie hier angeben, wir protokolliert und kann somit gegen Sie verwendet werden.« Sein Gesicht strahlte die ungeäußerte Aussage - »so, zufrieden jetzt?« aus, ehe er die eingangs gestellte Frage wiederholte, ob er wirklich nicht wisse, was gestern im Club zur angegebenen Zeit passiert war.
Peter hatte die Frage zwar gehört, fast mehr noch beschäftigte ihn aber ver­rückterweise zum gleichen Zeitpunkt seine innere Frage, ob man diese durch­dringende Blicken und die stechenden Augen und Hinterfragungen – ob man dies alles auf der Polizeiakademie lernen würde, oder ob das angeborene Eigen­schaften und Talente waren, die im Beruf der Kriminalistik hoch willkom­men waren.
Langsam schüttelte Peter den Kopf und brummelte grantig vor sich hin, dennoch bedacht, nicht zu aggressiv zu wirken. »Nein, außer Aufnahme der Personalien und immer wieder die Fragestellungen, wen ich heute wann getroffen und gesehen hätte und vor allem was ich wann und wo in diesem Club getan hätte und warum ... Nein. Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich habe keine Ahnung!«
»Kennen Sie Katharina Bohlen?« - schon wieder diese Frage. Wie sonst, als mit Nein und wie bisher könnte er sie denn nur beantworten, sagte sich Peter Ondrovsky, während er erneut den Kopf schüttelte und ihm in die Augen sah.
Als würde dieser Gedanken lesen können, kam ihm vor, denn sein Gegen­über schob betont langsam ein Bild, eine Fotografie zu ihm hinüber. Ver­kehrt noch, sodass er nicht erkennen konnte, um wen es sich auf dieser Abbildung handelte.
»Vielleicht unter anderem Namen ...?«, schien ihm Kommissar Borse eine Brücke für seine Erklärung zu bauen und forderte ihn mit einem kurzen Zunicken auf, das hin geschobene kleine Blatt Papier um zudrehen.
Peter fühlte, wie sehr seine Finger zitterten, als er den offenkundigen Selbst­ausdruck eines Fotos zur Kante des Tisches bugsierte, um es dann in seiner Handfläche zu wenden und auf dem Tisch vor ihm zu platzieren. Er wagte kaum, die noch verdeckende Hand zurück zu ziehen, auf dass er nun endlich sehen könne, um wen es sich handelte. Verrückte Vorahnungen durch­zuckten ihn – aber letztlich hätte es jedwedes Bild sein können, sagte er sich, während er spürte, wie Ströme von kaltem Schweiß ihm unter die Achseln ein schossen.
Mit einem Ruck zog er seine Hand zurück.
Wurde er blass, wurde er rot, wurde ihm übel – wie lange war er wohl vor dem Foto gesessen, das er auf den ersten Blick wiedererkannte und fassungslos anstarrte. Und dennoch, so viel er erwartet hatte, zu sehen und prä­sentiert zu bekommen, damit hatte er nicht gerechnet, dass es ausgerechnet Katy sein würde. Die einzige Person, mit Ausnahme der hier auf dem Kongress getroffenen Teilnehmer, die er prinzipiell in Berlin kannte, virtuell zumindest, also vom email-Austausch her...
Ein hübsches junges Mädchen, ein unscheinbares und absolut normales Bild, nichts von sonstiger Erotik oder Pose bewusst gemeint: ein kurzer brauner Rock, ein schwarzes Tshirt und die Brille ins lange braune Haar hoch gesteckt, während sie auf irgendeiner aus alten Steinen gemauerten Hauskante saß und selbst eine Fotokamera in der Hand hielt, während dieses Foto offenkundig geschossen worden war. Ein eher blässlicher Typ – denn das Foto war im Sep­tem­ber geschossen worden, konnte er sich noch erinnern, wie er es das erste Mal näher betrachtet hatte. Unschein­bar und nett wirkte sie: Kathy.bo@yahoo.de als niemand anderer hatte er sie je zuvor anders als im Internet ken­nen gelernt. Das Originalfoto, so kam ihm vor, zeigte mehr Hinter­grund und mehr Flächen der Hauswand und auch der Mauer – wer auch immer das druckte, hatte das Bild zumindest ein wenig bearbeitet und einen Ausschnitt daraus festgelegt.

»Ja ...«, er zitterte, während er die Wahrheit sprach – denn warum hätte er hier schon lügen sollen, wo sich dahinter doch offenkundig keine wirkliche Gefahr verstecken würde. Oder?
»Ja - das Foto kenne ich«, sprach er monoton weiter. »Es wurde mir zuge­schickt«, fügte er zögerlich hinzu, ohne auf die näheren Umstände jetzt schon ein­ge­hen zu wollen, denn das wäre bei Gott keine kurze Geschichte und würde nur missverstanden werden: das war ihm instinktiv klar geworden.
Es surrte in seinen Ohren und er konnte kaum schlucken, wie der Kommissar langsam nach dem Foto krallte und es wieder zu den Akten zurück legte und sodann anmerkte.
»Dann kennen Sie ja ...« und schon wieder lastete dieser tief durchdringende Blick seiner Röntgenaugen auf ihm. »Dann kennen Sie ja das Mordopfer!«
»Oh ... oh nein ... das ...« - es verschlug ihm wirklich die Sprache und er musste sich sehr bemühen, nicht irrtümlich das Glas Wasser umzustoßen, nach dem er instinktiv griff, um seine Stimme in den Griff zu bekommen und zugleich auch ein wenig Zeit zu gewinnen.
Hunderte Fragen durchjagten seinen Kopf, allesamt unerklärlich und nicht nachvollziehbar. Wie hatte das sein können – ausgerechnet sie, warum nur, das arme Mädchen, die arme junge Frau. Kathy? Das kann doch alles nur ein böser Traum sein.
»Sie wissen auch, wo wir das Foto her haben?« - es war ihm nicht bewusst und Peter wagte nicht, eine Prognose zu stellen oder eine Antwort auf diese Frage zu versuchen. Eine dumpfe Vorahnung hatte ihn beschlichen, eine grauen­hafte Vermutung, die er auch nicht exakt artikulieren konnte – und er wagte nicht auszusprechen, was sein Gegenüber aber gnadenlos und ohne weiteres Zögern begann.
»Beweismittel Nummer eins«, nannte er es lakonisch, während er das selbst gedruckte Bild in den begonnenen Akt zurück schob und ihn dann und seine Reaktion betrachtete.
»...es steckte in Ihrem Pass, wie sie vermutlich ohnedies wissen, oder?«, fixierten seine Augen ihn erneut. Fast genüsslich glaubte Peter festzustellen, dass Borse sein entsetztes Aufblicken und Aufreißen seiner Augen genau so er­war­tungsvoll zur Kenntnis nahm wie dessen spontanen Protest.
»Aber ... das gibt es ja ... nicht. Ich habe es ... nie gedruckt, nie ... bei mir ge­habt« - erst dann wurde ihm bewusst, wie grotesk seine Aussage wirken musste. »Nie bei mir gehabt«, wiederholte er dennoch ein weiteres Mal und schüttelte den Kopf, als würde er selbst nicht verstehen können, so etwas zu be­haupten an­gesichts der bewiesenen und banalen Tatsache, dass dieses Foto in seinem Pass wohl zu seiner vorläufigen Verhaftung geführt hatte.
»Das muss jemand ...« - aber den Satz führte er nicht mehr fort. Das kann nur jemand hinein gesteckt haben, schrieen all seine Gedankengänge und drückten sein Hirn in die Schale hinein, auf dass es schmerzte. Es kann nicht sein, das kann nicht sein, das gibt es nicht! Unmöglich! Irrtum, Manipulation, das kann nicht sein!
Borse steckte seinen begonnenen Einwand fast mechanisch hinweg und gab für die Protokollführung zu Notiz, dass die entsprechenden Drucker und ver­fügbaren Druckmöglichkeiten von Peter Ondrovsky durch die Ermittlung der österreichischen Behörden mit einzubeziehen wären – Ergebnisse zu diesen Unter­suchungen seien noch ausständig.
Peters Kopf rotierte – er konnte kaum einen einzigen klaren Gedanken fassen: da war nur dieses Hämmern in ihm, das monotone Klopfen von einer Aussage nach dem anderen. »Das kann nicht sein – das gibt es nicht ... ich habe das Bild nie gedruckt ...« Zugleich fühlte er sich so krank und schwach, als wäre sämtliche sportliche Kraft mit einem einzigen Bild und Hauch von ihm geweht wor­den. Er fühlte, dass er aufspringen und protestieren hätte müssen, eine Er­klä­rung versuchen, wie er zu dem Bild gekommen war, wie es überhaupt zwischen ihm und Kathy begonnen hatte – aber er war so kraftlos, wie er­schlagen, dass er einem Hasen vor der Schlange gleich nur sitzen konnte und die Hände vors Gesicht schlug.
Wie ein Echo seiner selbst hörte er sein gebetstrommelartiges »das gibt es nicht...«, während Borse bereits zu den nächsten beschriebenen Blättern in der Akte Katharina B. gegriffen hatte.

Noch wartete Borse bewusst zu, bis Peter sich etwas mehr beruhigt hatte, dann setzte er wiederum zu diesem unvermeidlichen Grinsen an. Wie­derum diese fatale, leicht gelbliche Zahnreihe, unregelmäßig und vom Kaffee- und Nikotingenuss verfärbt, so manche Fehlstellungen, die mittels einer Zahn­spange dringend reguliert gehört hätten ... all das fiel Peter fast mehr auf, als dass der Kommissar schon mit der nächsten Aussage und Konfrontation be­gonnen hatte.
»Verspritzen Sie immer solche Unmengen an Sperma?«, so recht konnte Peter mit der Fragestellung nichts anfangen, glaubte instinktiv sich verhört zu haben und fühlte sofort, wie er siedend heiß rot an­lief. Diese verdammte, dum­me Ange­wohn­heit, die er nicht und nicht unter Kontrolle be­kommen konnte, fluchte er innerlich und leise vor sich hin. Immer dann, wenn er nervös war, hat­te er über die Farbgestaltung seiner Wangen keinen Einfluss, was ihm schon in der Schule viele Hänseleien und darauf erfolgte Raufereien eingebracht hatte. Und hier war er nicht nur nervös – sondern extrem nervös. Immer noch haderte er mit dem Unverständnis des Bildes von ihr. Wie hatte dies nur den Weg in seinen Pass finden können?
Auch jetzt und diesmal: ohne jeden Zweifel stand es fest und die Er­kenntnis schwebte im Raum - es war kein dummes typisch männliches Thema, das bei einer illustren Männerrunde nach etlichen Bieren spaßeshalber diskutiert wer­den würde, so ganz in der vergleichbaren Art, wer wohl den längeren Zauber­stab (so sagte man doch jetzt seit Harry Potter) habe und wer ansonsten (auf der Toilette) den kürzeren zöge. Dumme primitive Witze – aber das hier war keiner, ganz offenkundig nicht. Nur was sollte dann die dumme Frage, marterte Peter Ondrovsky sich wohl schon zum Hundertsten Male heute sein Hirn? Was würde denn jetzt wohl kommen können an weiterer Aussage, Befragung oder aber sogar Anschuldigung?
Peter vermochte das auf dem Blatt Papier geschriebene nicht entziffern, so sehr er sich auch bemühte, lesen zu können, was sein Kontrahent in der Hand hielt. Der Brief­kopf stammte offenkundig von einem der hiesigen medizin­technischen Labors. Vermutlich mit einem Zusatz, der sich so ähnlich las wie Krimi­nal­technik und dann schien es einen typischen Absatz mit der Kurz­fas­sung eines Unter­suchung­sergebnisses für Laien zu geben. Tabellarisch ge­glie­derte Messwerte darunter aufgelistet und einige wenige Mess­daten in dieser Über­sicht besonders gekennzeichnet, mit einem Marker gelb ange­strichen und ein Wert war zusätzlich noch mit einem dicken roten Stift ein­ge­ringelt war. So kräftig und allem Anschein nach auch ungestüm schwung­voll, dass die Farbe das Blatt auch auf dessen Rückseite durchnässt und in einem blas­sen Rot durchtränkt hatte.
Er biss sich auf die Lippen und kämpfte mit sich selbst, die brennende Frage zu stellen: Welche Werte? und von welchen Mengen sprach er, der Kommissar, denn. Hatte er wirklich richtig gehört gehabt – nein, kann nicht sein! Aber die Genugtuung einer Nachfrage wollte er dem Kommissar nicht geben, dass er betonte Neugierde zeigen würde. Nein – er gab vor und redete es sich ein, Zeit zu haben. Endlos lange Zeit, bis sein Widerpart konkreter werden würde, hätte er nichts zu sagen und auch nicht zu fragen, so sehr ihm seine ver­sie­gelten Lippen auch danach brannten. Außerdem – die Episode mit dem Foto, die sein Gegenüber scheinbar abgeschlossen hatte, beschäftigte ihn im­mer noch mehr als das Erraten von irgendwelchen Messwerten und seinen Ergeb­nissen, die hier auf dem Tisch des Ermittlers lagen.

»Na ja«, ließ Inspektor Borse den Laborbogen sinken und ordnete ihn in seine neben ihm liegende Mappe zum Kriminalfall ein. »Ein echter Potenz­brocken«, meinte er, ohne jedoch eine Antwort von Peter zu erwarten und schmunzelte recht eindeutig in Rich­tung seiner Assistentin hinüber, die aber die sexistische An­deutung eher peinlich denn belustigend empfand. Vermutlich war sie auch schon Belästigungen seiner Art mehr als gewohnt und hatte sie toleriert und schien gekonnt damit umgehen zu können, diese zu ignorieren und wie einen Regentropfen auf einer Schutzkleidung abperlen zu lassen.
Typisch Mann, ärgerte sich Peter und hielt erneut die Luft an, um nicht eine Andeutung hinsichtlich sexueller Belästigung am Arbeitsplatz oder der­glei­chen von Stapel zu lassen. Ob das in Deutschland leicht erlaubt sei – ganz im Gegensatz zu Österreich, wo man sich mit solchen falschen Scherzen sehr schnell eine Klage einhandeln konnte: vor allem von Mitarbeitern, die gekündigt wer­den würden war es recht beliebt, solche Beweismöglichkeiten für die An­fech­tung ins Spiel zu bringen – selbst wenn es nur aus reiner Taktik und Revanche geschah.

»Fast die fünffache Menge des üblichen«, schüttelte er dennoch nach­denk­lich seinen Kopf und kratzte wiederum an seinem sich immer mehr ins weißliche verfärbenden ansonsten noch rötlichen Bartstoppeln. Diese Reaktion schien noch seine normale dienstlich begründete Ermittlungssituation zu sein, dann ließ er aber ganz offen­kundig wiederum den Macho in sich heraushängen. »Das Fünffache des üblichen Ejakulats hat er in ihr abgespritzt«, meinte er bei­läufig, fischte den Labor­brief noch einmal aus der bereits geschlossenen Mappe und schob ihn gleich wieder mit angewidertem Ekel in diese retour. Mit Sicher­heit hatte er nicht nachrechnen oder sich verge­wissern müssen, dass seine Aus­sage richtig war. All das war Teil seiner Inszenierung und der gewissen Show, die er ohne viel Gestik und Mimik hier abzie­hen wollte, um Peter immer mehr in die Enge zu treiben und vor allem weich zu kriegen. Noch war er eher dabei, der Reihe nach diverse bekannte Fakten aufzutischen, ehe er dann wohl mit der wirk­lichen Befragung und Vernehmung beginnen würde, sagte sich Peter – und ihm graute vor einem sehr langen Tag und anstrengenden Sitzun­gen, wie er sie auf diese Art und Weise noch nie erlebt hatte.
Insbesondere wegen der attraktiven Polizistin in ihrem vom Po her so auf- und an­regend prall gefüllten Minirock zog der Kommissar diese Show auf, war sich Peter ganz gewiss, ehe es ihm erneut zu dämmern begann, dass der Inhalt der Aussage ja letztlich wohl ihn betreffen musste. Ja wen denn sonst, surrte und dröhnte es in seinem Kopf, so grotesk diese nahe liegende Erkenn­tnis mit einem Mal ge­klun­gen haben mag. Nur den­noch und trotz alledem: wa­rum sollte er sich bei der Untersuchung von irgend­welchen Spermien betroffen gefühlt haben, wo Peter doch ganz genau wusste, was er gestern getan hatte und was mit absoluter Sicher­heit nicht: So sehr ihn auch sein Gegenüber in diese Tat hinein manö­vrieren und involvieren wollte: das war alles Humbug und Unfug, eine groteske, überaus ko­mische Verwechslung, die sich wohl bald und dann hoffentlich end­gültig klären müsste. Was also war zu befürchten – reiner Bluff und reine Inszenierung und Profilierungssucht vor allem vor der Blon­dine, die brav ihre Notizen machte und ansonsten noch kein einziges Wort geäußert hatte.
»Das alles muss ihn wohl so aufgegeilt haben« ... Immer noch oder schon wieder verwendete der Polizist Worte und Phrasen, die allgemein bestimmt schie­nen und für einen jeden gelten konnten. Und dennoch stand es außer aller Zwei­fel fest, dass diese Aussagen demnächst kulminieren würden in einer Art und Weise, welche Peter nicht abzuschätzen wagte. Mit einem zu erwartenden direk­ten Angriff, einer offensiven Beschuldigung, dem Fallenlassen von Andeu­tun­gen, die er bisher im Übermaß gehört oder aber erahnt und zwischen den ge­sprochenen Worten immer deutlicher heraus gehört hatte.
Um so mehr nahm das nagende Gefühl der Ungewissheit in seinem Magen bereits beängstigende Ausmaße an. Seine Handflächen waren schweiß­nass und er fühlte dieses intensive Ausschütten von Hormonen, sodass sein Hemd mit einem Male in seinen Achselhöhlen und am Nacken zu kleben begann. Er fühlte selbst, dass er durch diesen plötzlichen Schub an Schweiß­aus­stoß zu stinken begann und der Ekel vor ihm selbst, jedoch nur bedingt durch dieses konzentrierte intensive Schwitzen, wuchs unvermeid­bar an. Seit gestern Abend seine Kleidung nicht gewechselt, weit weg von einer beseelend frischen Dusche, die er so dringend nötig hätte und nach der er sich immer intensiver sehnte, je mehr er daran nur denken wollte. Ob er das ebenso ausstrahlte nach außen hin, ob sein Kontrahent das bereits mit Genugtuung aufgenommen hatte und ganz andere Schlüsse wegen seines eigenen Ekels und der gerümpften Nase zog. Peter befürchtete diesen Ein­druck, den sein Bild auf den Kommissar fär­ben musste.
»Schwer zu verstehen, dass man so pervers sein kann und in derartigen ex­tre­men Mengen mehrfach abspritzt, nur weil man das arme Mädchen dabei er­würgt, während man es auf alle erdenkliche Art und Weise vögelt.«
Wiederum eine so drastische Aussage von Inspektor Borse über seine schwülstig fettig wirken­den Lippen gepresst. Dabei sah er seit langer Zeit sehr in­ten­siv und durch­leuchtend in Peters Richtung hin. Die Spannung lag fühlbar echt und real in der Luft, so­dass es schon einer kitschigen Inszenierung gleich­kam, bis sich diese mit Don­ner und Getöse über ihm entladen würde. Nur wie, ver­dammt nochmal wie denn? Was konnte Borse nur gegen ihn in der Hand haben ... wei­tere emails und Dokumente, vielleicht, zusätzlich zu dem bereits aus­ge­spiel­ten Foto.
Ja: das war alles dumm und gewissermaßen peinlich, aber das recht­fer­tig­te doch nicht diese dramatische Inszenierung. Was also, verdammt noch mal, ist es dann, spuck's doch endlich aus, war Peter bestrebt aus sich heraus wie mit einem Befreiungs­schlag zu brüllen ... und biss dennoch seinen Lippen wund.

Inspektor Borse fingerte umständlich in einem anderen Bereich der Mordakte Katharina Bohlen herum, blätterte wiederum eine Ewigkeit lang, als ob Zeit nicht zählen würde, den kleineren Stapel durch, nur um einen ande­ren Bericht offenkundig desselben Labors heraus zu selektieren. Diesmal konn­te Peter sogar recht eindeutig erkennen oder besser gesagt, erahnen, wo­rum es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handelte. Auch wenn er eine ähnliche Anord­nung von vielen vertikalen Strichen bisher nur aus sporadisch gesehenen Fernseh­krimis in Erinnerung hatte, so sprach doch sein Gefühl instinktiv dafür, dass es sich hier um eine DNA Analyse handeln musste. Spuren, die am Mord­opfer, der Tatwaffe und dem Ort entdeckt worden waren entsprechend ana­ly­siert und mit seiner ihm gleich nach der Verhaftung durch den Mund­ab­strich abge­nommenen Wer­ten verglichen.
Peter Ondrovsky wagte noch nicht endgültig zu frohlocken: ja, er hatte allen möglichen und erdenklichen Unfug, virtuellen Unfug und Verführungen mit Kathy durchexerziert ... Er hatte Fotos von ihr, welche sie ihm jedoch von sich aus, aus freien Stücken heraus zugeschickt hatte. Ganz andere Fotos als diese eine harmlose, das ihm der Inspektor vorgelegt hatte. Von ihr zuge­schickte Nacktfotos: vermutlich um ihn noch mehr auf­zugeilen, auf dass er seine Geschichten und Phantasien noch intensiver austoben und schildern wür­de. Ja – da würde noch einiges ans Tageslicht kommen, aber vor einem brauch­te er sich nicht zu fürchten: Weder hatte er sie wirklich je gesehen, je physisch ge­sehen und sich mit ihr getroffen – auch wenn er bis zuletzt mit sich selbst innerlich gekämpft hat­te, sie anlässlich genau dieses Meetings hier zu besuchen und endlich auch real treffen zu können. Gott sei Dank hatte er keinen solchen Versuch unternommen, ja nicht einmal angedeutet in einer der letzten Mails, wo sein Seminar schon fest stand, lobte und frohlockte er innerlich. Wie verdächtig wäre er dann erst recht erschienen – die Frage wollte er sich gar nicht aller Ernstes stellen. Und dann eines vor allem noch, das Wichtigste wohl: Was ihm ja immer zuwider gewesen wäre, egal bei welcher Person und selbst welchem noch so ekeligen widerwertigen und verachtenswerten Menschen. Er hätte doch nie einen Mord begehen können. Niemals! Ein kategorisches Nein!
»Ich habe Kathy nie wirklich getroffen, nie wirklich gesehen, nie in der realen Welt – immer nur virtuell« - die Worte formten sich auf seinen Lippen, aber sie verließen nicht seinen Mund. »Was also soll ich dann nur befürchten«, sagte er sich weiter. Die Situation hatte doch tatsächlich bizarre und groteske Züge ange­nom­men, wenn auch zum Großteil mittlerweile eher unheimliche und nicht erklärbare. Nicht dass er die Sprache verloren hätte oder aber die Stille mit seinen Worten nicht zu unter­brechen drohte – er fühlte in einem immer unerträglicheren Ausmaß diese Span­nung steigen: sowohl im Raum als auch in sich selbst. Wie sein Herz zu rasen begann, das Blut in den Schläfen pochte, das ungute Gefühl sich vom Magen über zu schlagen drohte auf seinen emp­findlichen Darm. Es fühlte sich an, als hätte er plötzlichen Durchfall, zu­gleich geplagt von fürchterlichen noch verstopfenden Blähun­gen und als würde er sich danach jederzeit bis übers Kreuz hin anmachen ... es ging ihm mies, elend. Wäre er nicht gesessen, er hätte zumindest nach einem Halt greifen müs­sen, um nicht zu wanken oder gar zu fallen.

Mit diesem so gefährlich überlegenen Grinsen auf den Lippen, weil er ein­deutig mehr wusste, als Peter auch nur erahnen konnte, näherte sich jetzt Borse seinem Kontrahenten und schob ihm langsam einen Bericht hinüber, auf dem unter­schiedliche DNA-Muster sauber in vier Spalten angeordnet und akribisch genau be­schriftet waren. Ganz links und sehr einfach lesbar beschrieben das DNA-Muster des Mordopfers, in der Spalte daneben ein gänz­lich anderes Muster – und ohne besondere Belehrung diesbezüglich schwante Peter bereits, dass die Unter­schiede vermutlich geschlechtsspezifisch bedingt wären. Wolfgang Hanson stand in der Spalte darüber, wenn er sich nicht sehr irrte.
Peter hatte zwar nie den Nachnamen ihres Freundes erfahren gehabt – wusste ja auch bis zuletzt nicht unbedingt den richtigen Familiennamen von Katharina – aber er war sich instinktiv gewiss in seiner Annahme, dass es sich hier um festgestellte DNA-Spuren von ihrem Freund handeln musste. Voll­kom­men logisch und einleuchtend, dass seine Haut-, Haar- und welche Partikel auch immer sonst noch gefunden und analysiert wurden, in der Wohnung und wohl auch auf ihrem Kör­per nur so wimmeln mussten, egal wie sehr sie nun in Trennung lebten oder auch nicht. All diese Information hatte er ja nur über ihre Chat- und email-Sessions erhalten – aber das musste ja nicht stimmen, sagte er sich. Wenn Kathy nur in geringem Ausmaß so wie er geschwindelt hätte, dann konn­te er von keiner einzigen wahren Annahme ausgehen. Gerade dazu aber wollte er noch so lange schweigen, wie möglich, hatte er sich innerlich ge­schwo­ren – denn woher sollten die Ermittler denn dies und jenes über ihn und diese vir­tuellen Eska­paden wissen. Es konnte einfach keine Spuren von ihm auf ihrer Leiche geben – das war absolut unmöglich: er hatte sie ja real nie getroffen; dies­be­züglich brauchte er wohl nichts zu befürchten. Nein – mit Sicherheit nicht ... und dennoch, warum dann das ganze Getue und diese verrückte innere ungute Gefühl?
Peter Ondrovskys Blick wanderte auf die dritte Spalte – in gewisser Hin­sicht in Struktur und abstrahiertem Aussehen ähnlich wie die erste, aber den­noch entscheidend unterschiedlich was die exakten Ausprägungen der Schwin­gungen und ihre Amplituden betraf. Auch hier durfte es sich um eine Frau handeln, schloss er laienhaft daraus und lag nicht falsch in seiner Annahme. Eine Beschriftung in dieser Spalte fehlte – allem Anschein nach wusste man somit nicht, von wem diese gefundenen Gewebespuren stammen würden.

Spalte Nummer vier – was konnte an dieser nur so Bedeutendes sein, schoss nochmals durch Peters Gehirnwindungen, dass es der Kom­mis­sar eindeutig darauf ausgelegt hatte, ihm diese Auswertung als letzte zu­kom­men zu lassen. Ähnlich wie in der dritten Spalte auch kein Name als Über­schrift angegeben war, so gab es nur einen Hinweis über die Art und Her­kunft des ana­ly­sierten Materials. Auch wenn ein kleiner Font verwendet wurde, um die Viel­zahl an Information gesamtheitlich darzustellen, so konnte es Peter exakt und genau genug lesen: Mutmaßlicher Täter stand an dieser wichtigen Stel­le ge­schrieben. Als Gewebe­material war Sperma angeführt und dann war irgend­wie zumindest auf dieser Kopie mit der Hand die Her­kunft der Probe­entnahme dazu geschrieben: oral, vaginal, anal ... Peter musste tief schlucken, wie er dies las und schon wieder fühlte er diesen extremen innerlichen Druck, psychisch wie physisch. Dieses Pochen in seinem Schädel – hoffentlich würden nicht bald diese grässlichen Migräneanfälle beginnen, dann wäre er wehrlos und verloren.
Warum nur – warum, zeigte ihm der Inspektor diese Ergebnisse! Welcher Bluff, welcher Taschenspielertrick würde sich verbergen ... er konnte keinen Trumpf in der Hand haben. Es war einfach nicht möglich ... nur diese inneren Gefühle und alle Alarmglocken in ihm, die Sturm zu läuten begannen, als würden sie ihn in aller letzter Sekunde warnen wollen vor etwas, das nicht sein konnte.
»Weil nicht sein kann, was nicht sein darf« surrte Christian Morgensterns Zitat in seinem Kopf, als ob ihm jetzt das Anführen von literarischen Zitaten irgendwelche Pluspunkte bei Kommissar Borse einbringen könnte.
Auch wenn es nicht sein konnte, da er Kathy ja nie gesehen, geschweige denn sonstiges mit ihr physisch getan hatte, so dämmerte es immer mehr und grau­en­hafter in Peters gequältem Gehirn, dass sich hier ein fürchterliches Un­wet­ter, ein Missverständnis, ein Analysefehler anzu­bahnen drohte. Die Inkar­na­tion der Unmöglichkeit? Das Un­mög­liche, welches ihm alsgleich mit einer raschen weiteren Hand­bewegung seitens Kommissar Borse unter die Nase gescho­ben wurde. Wie auch immer – das Un­vor­stellbare und nicht Mögliche war trotz aller Widersprüche, die sich in seinen Gedanken dazu ergeben muss­ten, mit einem Mal eingetreten!
Nur kurz noch konnte er ent­ziffern, dass in der ihm vor­ge­legten Spalte sogar sein eigener Name ange­führt war und auch für einen Blin­den war es ein­deutig sonnenklar und unmissverständlich erkenn­bar, dass die fraglichen Analysen einander glichen wie ein Ei dem anderen: Die analysierten Sperma­proben aus dem Kör­per der Ermor­deten und sein kurz nach der Verhaftung vor­genommener Mund­ab­strich, dem er auch freiwillig zu­ge­stimmt hatte.
Diese beiden Ergebnisse und ihre analysierten auf das Papier aufge­brach­ten Strichcodes – sie waren identisch. Glichen einander wie ein Ei dem anderen. Identisch! Das Sperma des mut­maßlichen Mörders und seine DNA-Analyse. Identisch !? Ein und dieselben Ergebnisse!? Ich – somit der Mörder!? Peters Herz raste, sein Kopf drohte zu platzen, seine Gedanken drehten sich in Krei­sel- und Pendelbewegungen in ihm, fokussierend um ein »das kann nicht sein, das ist nicht möglich, ein Irrtum«
Das konnte nur ein Trick, ein ganz gemeiner hinterfotziger Trick des Ermittlers sein, der ihn auf hinterlistige und nicht erlaubte Art und Weise hinein legen und zu einer unüberlegten Reaktion oder Aussagen bewegen wollte. Das gibt es doch gar nicht, unmöglich, aufhören ... rasten die Gedanken durch seinen Kopf und konnten ihn an nichts anderes mehr denken lassen als das eine.
»Nein – Irrtum, unmöglich – ich habe sie doch nie gesehen, nie getrof­fen, und schon gar nicht mit ihr ...«

»Ich denke ... Sie sollten endlich einmal die Wahrheit erzählen und ... am besten wohl gleich ... ein Geständnis ablegen ...«, hatte Kommissar Borse ganz lang­sam und etwas zu leise zu insistieren begonnen, aber den Rest des Satzes ver­nahm Peter ohnedies nicht mehr. Wie in Zeit­lupe und in einem Traum, aus dem er aber nicht erwachte, sondern in den er albtraumhaft noch tiefer hinein glitt, sah er sich selbst aus dem Sessel rutschen. Schwärze um seine noch ent­setzt in panischem Un­ver­ständnis aufgerissenen Augen, dann glaubte er noch einen harten Aufprall seines eigenen Kopfes an der Kante des Schreib­tisches durch das Dröhnen in seinem Schädel zu hören, nicht aber mehr zu fühlen.
Die raschen Fußbewegungen, das hektische Telefonat, das Kommissar Borse mit der Sanitätsabteilung führte, während sich seine Assistentin bereits hel­fend um Peter Ondrovsky zu kümmern begonnen hatte, bekam dieser nicht mehr mit. Die Krawatte, wie sie ihm mit panisch raschen Bewegungen vom Hals gerissen wurde, das Hemd vorsorglich so überhastet geöffnet, dass der oberste Knopf absprang, die Nässe des kühlenden Wassers aus einem zum Ver­hör bereitgestellten Trink­glas, das ihm über den Kopf und die Stirne geschüttet wurde:
Peter Ondrovsky fühlte all dies nicht mehr. Nacht in ihrer Schwärze hatte sich um ihn gelegt, beklemmende, beängstigende dunkle Finsternis, mit nur einem noch steigerungsfähigen schlechten Gefühl dahinter: Angst vor dem, was sein würde, wenn er wieder zu sich kommt und das, was nicht sein konnte, immer noch als aufrechte Beschuldigung gegen ihn erhalten geblieben wäre. Beklemmung vor dem, was er selbst alles zugeben würde müssen, was virtuell geschehen war zwischen ihm und Kathy. Das alles sodann verschärft und kombiniert mit dem, was real geschehen war, ohne dass er aber mit dem Verbrechen hier irgend etwas zu tun hätte. Und wie, bei Gottes Gnade, würden sie ihm das alles nur glau­ben können, geschweige denn wollen?

Wer bist du?
Peters Kopf brannte wie Feuer, als er nach und nach wieder zu sich kam und erst behutsam mit der eigenen Neuorientierung anfing, wo er sich denn nun tatsächlich befand.
Vorsichtig tastete er mit einer Hand zu seiner Augenbraue hin, die sich so dick ver­klebt und geschwollen anfühlte. Ein gepolstertes Pflaster und der präg­nant stechende Geruch von Jod, dann kam langsam das Gefühl in seinen Kör­per zurück, be­ginnend mit Kopf und Füßen. Geronnenes Blut, das ihm über das Gesicht getropft war, wie er im Fallen sich ein Cut über der Braue ge­schlagen hatte, das Ge­fühl, auch auf der Wange abgeschürft und zerkratzt zu sein. Weiters eine eindeutige pochende Schwel­lung über seinem Kieferknochen, die wohl in unterschied­lichen Farben von blau über gelb zu grün hin sich noch in einer entsprechenden Farbpalette äußern würde.
Noch stellte er sich schlafend oder aber bewusstlos, hielt die Augen ge­schlos­sen. Mit voller Absicht: einerseits um sich noch zu erholen, Pause und Ruhe zu geben vor dem, was ihn jetzt alles erwarten würde. Dann selbst­ver­ständ­lich, um Klarheit in seine Gedanken zu bringen – nochmals zumindest den Versuch anzustellen, das kaum als möglich erachtete Geschehnis zu ver­ste­hen. Die Dinge zusammen zu reimen, in dessen Strudel der Ereignisse er in den letzten Stunden oder aber doch vielleicht schon sogar seit Tagen hinein gezogen wor­den war.
Analytisch vorgehen – wie er gewohnt war, technisch orientierte Pro­ble­me in seinem Berufs­le­ben anzugehen, Emotionen und Ängste nach Möglichkeit zu verdrängen, den Fak­ten ins Auge sehen und vor allem nicht zu frühe Schlüs­se zu ziehen. Anders zu denken, als die meisten anderen, was ihn sonst in seinem Beruf so auszeichnete und erfolgreich machte. Quer­denken – aber so sehr er dies in seinem Dämmerzustand versuchte, es war nicht im geringsten mög­lich. Nein, es war überhaupt nicht möglich, auch nur einen einzigen klaren Ge­danken zu fassen, wie er in dieses Situation hinein manövriert worden war.
Er hatte sie nie zuvor gesehen. Kathy - nicht in Realität, nicht in Wirk­lich­keit. Ich habe sie nie getroffen, geschweige denn eine Affäre mit ihr gehabt und schon überhaupt nicht – das ist ja Wahnsinn, alleine daran zu denken, sie er­mordet! Wie in aller Welt und um Gottes Willen – wie war es nur möglich, dass so viele Hinweise und Beweisstücke von ihm am Tatort vorgefunden wor­den wa­ren. War es Zufall oder verfluchte Notwendigkeit gewesen, dass sich ohne sein Wissen und schon gar nicht Zutun, diese Katharina Bohlen tat­säch­lich im gleichen Club befunden hatte wie er selbst. Und wie hatten der oder die wirklichen Mörder denn überhaupt erahnen oder wissen können, dass er in diesen verfluchten Kitkatclub gehen würde, wo sich diese Entscheidung doch spontan erst ganz zuletzt ergeben hatte. Von niemandem her beeinflusst, als von ihm selbst! Aber genau diese Überlegungen konnte er weder mit irgend­jemandem teilen: schon gar nicht mit den Ermittlungsbehörden, die solche Fragen ihm sofort beantworten würden als weiteren Beweis dafür, dass er damit erst recht der Mörder sein müsse. Und dann immer noch das Unfassbarste von allen Vorwürfen und vorläufigen Beweisen – selbst wenn man von unwahr­schein­lichem Zufall für alle anderen Vorkommnisse sprechen und mutmaßen würde. Aber wie um Himmels Willen konnte es geschehen sein, dass sein Sperma nachweislich auf und vor allem in ihr, dem Opfer, gefunden worden war.
Nein, nein, nein! Das alles war in einem vom Sturz her schmerzenden Kopf nicht zu begreifen, nicht zu verstehen. Unter keinen Umständen – auch ohne Sturz nicht verständlich. Nicht einmal ansatzweise konnte Peter für seine Situation Erklärungen aufbringen ... verdammt nochmal, wie hatte es denn über­haupt nur soweit kommen können. Wie hatte er denn überhaupt begonnen, sich in jene Lage zu manövrieren, in der er jetzt darbte und die Sünden für sein Fehlverhalten ausbaden musste?
Wie hatte es nur je so weit kommen können, dass er doch tatsächlich als Haupt­verdächtiger für einen Mord gelten und herhalten musste? Noch dazu, wo er zur Zeit der einzige war, der mehr über den Hintergrund und die Vorge­schichte zu wis­sen schien, was diesem gestrigen Vorfall im Club voraus ge­gan­gen war.

»Wir hoffen, es geht Ihnen nach dem Schock wieder so halbwegs gut ...«, mein­te Kom­missar Borse ansatzlos wie aus der Hüfte geschossen, ganz so als hätten sie ihr Gespräch nur für eine kurze Zeit unterbrochen gehabt. Weder hatte er Peter Ondrovsky erschreckt, noch seine Stimme besonders erhoben, jedoch war es so offen­kundig, dass er schon seit längerer Zeit gewusst hatte, dass sich der Ver­dächtige nur noch schlafend stellte. Er ging aber auf diesen ge­schei­terten Ver­such verbal nicht weiter ein, auch wenn die Sprache seiner Augen sehr wohl sig­nalisierte, dass dies ein erwarteter jedoch sehr dilettan­tischer Versuch gewesen war, die Befragung weiter hinaus zu zögern oder aber irgendeine Information aus dem Gespräch zwischen Borse und seiner Assistentin zu erhalten.

»Wie kommt man auf die Idee so etwas zu schreiben?«, einer Bedrohung gleich hielt ihm Kommissar Borse einige ausgedruckte Blätter unter die Nase, mit denen er wild, jedoch keineswegs aggressiv wirkend, vor seinem Gesicht herum fuchtelte.
Wiederum war für Peter vorerst nicht erkennbar, wovon der Kommissar diesmal genau sprach. Die diesbezügliche Hinterfragung lag ihm auf der Zunge, auch wenn er diesmal vorerst zu­mindest schwieg, sich auf die Zunge biss und einige Sekunden lang abwartete.
Die Augen seines Gegenübers funkelten und er hörte etwas von wegen Chronik eines angekündigten Mordes murmeln, und auch hier wäre er fast auf­brau­send hoch gesprungen, um zu korrigieren, dass diese literarische Thematik einfach nicht anwendbar, geschweige denn ver­gleichbar sei. Schon spürte er die­sen metallisch warmen Geschmack in seinem Mund, die Innenseite der Wange mit seinen Zähnen malträtierend, so sehr hielt er sich zurück, zu den all­ge­meinen Anschuldigungen und Aussagen eine Stellungnahme abzugeben.
»Das stammt doch von ihnen?«, warf er in den Raum, setzte sich Peter gegen­über hin und schob mit einer verächtlich abfälligen Bewegung einige Sei­ten zu ihm hinzu. Es war eher ein Wegfegen, als ob er sich schnell von den ge­schrie­benen Texten und Äußerungen distanzieren wollte. Manche Passagen wa­ren mit einem gelben Leuchtstift angemalt und einige ganz wenige hatten ein dickes rotes Ruf­zeichen noch zusätzlich über dem entsprechenden Absatz angeführt.

Peter zuckte zusammen, denn er hatte nicht damit gerechnet, mit Text­passagen konfrontiert zu werden, die er ganz am Anfang der email Bekannt­schaft mit Katharina Bohlen ausgetauscht hatte.
»Fällt Ihnen denn keine Ähnlichkeit auf?«, stellte ihm erneut diese den Raum durchschneidende Stimme eine Frage, die danach klang, einen Hinter­ge­danken, eine Finte zu beinhalten. Eine Falle – aber noch nicht klar, welcher Art, nur für wen sie gestellt worden wäre, das war ihm leider schmerzlich bewusst.
»Eine Ähnlichkeit...?«, wiederholte Peter Ondrovsky fragend und fügte das »...womit...?« hinzu, da er die erste Andeutung des Kommissars nicht im geringsten verstanden hatte. Wirklich nicht verstehen konnte, schon wieder ein Beispiel dieser Nichtnachvollziehbarkeit!
»Wirklich?«, auch ohne Katzenbuckel, aufgestelltem Fell und Fauchen war es klar, dass ihm hier eine Raubkatze gegenüber auf der Lauer lag, jegliche Regung und Zuckung seines Gesichtsmuskels registrierte und jederzeit bereit war, erbarmungslos zuzuschlagen und falsche Aussagen in der Luft zu zerreißen oder aber ihm weitere Fallstricke zu stellen.

»Mit dem Tathergang!«, warf Borse in einer provokant süffisanten Art und Weise ein, dass seinem verhörten Gegenüber ein eiskalter Schauer in die Glieder fuhr und er trotz der Hitze und der abgestandenen eher warmen Luft im Raum mit einem Mal zu frie­ren begann.
Es fiel Peter sehr schwer, ruhig zu bleiben und zu antworten, ohne zu sehr zu stocken und nicht ständig nach dem fast schon wieder leeren Wasserglas greifen zu müssen.
»Ich weiss nur, dass sie leider tot ist, nicht aber die exakten Umstände, wie das alles vorgefallen ist« - stockend, zögerlich und mit heiserer Stimme mühte er sich ab, das Notwendige von sich zu geben.
Ihm fing zu grauen und Unheil schwanen an, dass er mit ungustiösen Fakten konfrontiert werden würde.
»Wie Sie meinen«, schnaubte der Uniformierte und mit all seiner Körper­sprache deutete er dabei an, dass er dem Verdächtigen ohnedies kein Wort glaubte, dass dieser offenbar so lange bei der Lüge bleiben würde bis zur rest­losen Überführung und Beweis­er­bringung, die er selbst mit Vergnügen angehen wolle.
»Sie wissen es also angeblich wirklich nicht, obwohl ...« Er sprach den Satz nicht zu Ende, aber die nicht geäußerte Provokation stand für alle hörbar und interpretierbar im Raum.
Peter versuchte ruhig zu bleiben ... er zitterte, er fühlte das rasende Pochen in seinen Schläfen, die aufkeimende Übelkeit, die Schluckbeschwerden, die Unfähigkeit, weiter zu reden.
»obwohl ... Sie ihre Ängste und verkappten Sehnsüchte ja allem Anschein nach ganz genau kannten ... und schon ganz früh hinterfragt und listig sondiert hatten.«
»Raffiniert – einerseits«, stellte er ihm fast ein Lob und eine Bewun­de­rung aus, »... dann aber wiederum: einfach dilettantisch und laienhaft banal... wie Sie sich Ihr gegenüber vorgestellt haben. Demaskierend – quasi ...«

Hallo Kathrin,
danke für dein nettes Feedback - und auch gleich einige erklärende Worte zu mir:
In den meisten meiner hier veröffentlichten Geschichten - wie im Leben wohl so üblich - funkelte ein Kern von Wahrheit, aber eben am allermeisten durch Phantasien geprägt, deren ich seit Kindheit her schon in Überfluss aufweise.
Ich bin knapp über vierzig und verheiratet und wir haben vier Kinder - ich betone offen und ehrlich: glücklich verheiratet. Es ist mir also umso lieber, dass auch du fest hältst, treu zu sein und einen Freund zu haben. Gut so, bestens sogar - denn gleiches gilt für meine Frau und mir: offene und ehrliche Treue.
Peter wagte gar nicht aufzublicken, auf dass sich seine Augen nur keines­wegs mit denen von Komissar Borse treffen würden. Offen und ehrlich hatte er hier als Worte gewählt – und Peter fühlte dieses peinliche Grinsen, das ihn behördlicherseits anstrahlte. Von vier Kindern war hier die Rede ... wie hatte er das nur erfinden können, fragte er sich gerade jetzt so intensiv. Wo es doch schon so riesige Probleme gegeben hatte, wenigsten ein einziges Wunschkind mit Ramona zu zeugen. Das heißt – falls es nun hoffentlich wohl endlich ge­klappt hatte, wie es den Anschein hatte. Peinlichkeit hoch zwei, dass dieses Faktum auf jene erniedrigende Art und Weise jetzt erst recht publik werden würde. Auch vor seiner Frau ... Und dass der Schock ihr doch hoffentlich nicht wiederum ein Problem bereiten würde – eventuell erneut eine Fehlgeburt. Er wagte gar nicht, weiter zu denken, zu unmöglich, zu pessimistisch waren auch diese Gedanken unterwegs!
Natürlich weiß sie über meine Geschichten und Schreiberei Bescheid - nicht alle meiner Phantasien decken sich mit den ihren, aber das ist kein Problem für uns ... eher sogar im Gegenteil: sozusagen das Salz in der Suppe unserer Beziehung. Außerdem hilft mir Ramona ganz gewaltig, neben diesen erotischen Geschichten an meinen wirklichen Romanen zu schreiben ... aber unser Geld verdiene ich durch meine eigene noch im Aufbau befindliche Beratungsfirma.
Wiederum fühlte Peter, dass Borse einem menschlichen Lügendetektor genau aufzufassen schien, wo sich seine Augen gerade befanden und wie sich dabei seine Haare aufstellten. Wie er verfolgte, in welcher Zeile er las und wie er selbst die hier veröffentlichen Teillügen nun, fast zwei Jahre später, und in An­be­tracht der fatalen Situation, aufnehmen würde. Voll involviert und keine Heim­lichkeiten ... auch dies würde er vor ihm und vor allem vor Ramona noch ins rechte Licht rücken müssen ... ich Idiot, wie konnte ich nur so sehr über­treiben und schwindeln ... Er wollte bewusst vor sich selbst nicht den Ausdruck »lügen« verwenden. Wenigstens war der nächste Abschnitt nicht zu sehr übertrieben oder gar gelogen. Nein, diese Worte entsprachen sogar der vol­len Wahr­heit:
Ach ja - ich wohne in Wirklichkeit in Wien (Ö) ... fast alle sonstigen Angaben auf meinem Profil hinsichtlich der erogeschichten sind eher fingiert, so wie wohl bei den meisten anderen Autoren auch.
Wenn ich eine "besondere [persönliche?] Geschichte/Phantasie" für dich schreiben soll, dann lass es mich einfach wissen: zwar wird es wohl ein wenig dauern, aber nochmals - "es ist ungefährlich" und ich habe nicht die Absicht, blind dates, cyber Verführung etc. etc. (mit dir) durchzuführen. Aber einige Anregungen, was dir gefällt, das würde mich auf jeden Fall interessieren ... ich überlasse dies ganz deiner Entscheidung.
In diesem Sinn - vielleicht bis bald, in jedem Fall aber Alles Liebe: Peter (so heiße ich auch wirklich)

'Habe ich das wirklich geschrieben?', war fast seine instinktive Reaktion ge­we­sen, als er die erste Seite gesenkt und sodann umgedreht hatte, in der Er­wartungshaltung, nun die Antwort von Kathy zu lesen. Aber es war noch seine eigene Vorstellung, die er hier zu Gesicht bekam, und die sich auf den nächsten Seiten weiter erstreckte.
Hallo, wenn du echte Erfahrungen auf diesen gebieten meinst, dann kann ich mit Club nicht dienen, mit 3er sehr wohl.
Peter kratzte sich ein wenig die Bartstoppeln. Er konnte sich nicht genau entsinnen, den oben angeführten Satz geschrieben zu haben – mehr Sinn hätte es gemacht, wenn er von Kathy gestammt hätte. Aber auch daran konnte er sich nicht mehr genauer erinnern, ganz so wie ihm einige der nachstehenden Formu­lie­rungen geändert oder irgendwie anders vor kamen, selbst wenn es sein typischer Schreibstil war, wie er feststellen musste.
Club? Warum auch immer, hat mich/uns noch nie wirklich interessiert - vielleicht weil es zumindest für mich eine Art der Käuflichkeit (von Liebe und Lust) darstellt, auch ein Grund, dass mich die käufliche Liebe und ihr gesamtes begleitendes Milieu niemals inter­es­siert hat und wohl auch nicht wird.
Die Erlebnisse dazu stammen alle aus meiner "wilden" Zeit, in der ich mich bewusst ausgetobt habe, vor der Einfahrt in den Hafen der Ehe ... und sie fanden alle während meines Aufenthaltes in England statt, als ich für eine Computerfirma, die es heute nicht mehr gibt, gearbeitet habe. Valerie und Linda - beide eher lesbisch, aber eben auch sonst aufgeschlossen, und dann manchmal auch noch mit John.
Fast ein halbes Jahr lang ... sehr sehr einfühlsam und interessant.
Ich glaube aber, wenn auch immer die Rede von einem bekanntermaßen und sagen­haf­ten flotten Dreier ist, so gilt doch: Männer denken fast auto­matisch an zwei beteiligte Frauen und bei Frauen ist es vermutlich umgekehrt? oder?
Was stellst du dir vor - und wie wäre dein Freund diesbezüglich inter­essiert ... und wie weit würdest du denn überhaupt gehen. Zwei Männer - das schreit doch förmlich immer nach dp ... was meinst du? Stehst du darauf?
Die Antwort von Kathy fehlte ganz offenkundig – entweder hatte sie der Polizist nicht beigelegt, oder aber sie war nicht ausgedruckt worden. Peter konnte sich auch gut daran erinnern, dass die Anfänge des email Pingpongs mit ihr recht chaotisch waren, und dass Kathy manchmal über Stunden oder Tage hin­weg nicht geantwortet hatte, dann aber auf Dinge wiederum einging, die schon längst für ihn selbst abgeschlossen erschienen. Wenn sie nicht ähnlich vor­gegangen war wie er – Mailinhalte aus dem yahoo-Eingangsfach in ein Openofficedokument zu kopieren und umsortieren und Redundanzen zu ent­fer­nen – dann musste es ein ziemliches Chaos gewesen sein, was sie in ihrem Ein­gangsfach hinterlassen hatte.
Auch stellte Peter sich genau jetzt zu diesem Zeitpunkt die Frage, ob er denn wahrlich der einzige gewesen war, mit dem sie auf diese Art und Weise erotisch virtuell verkehrt hatte. Lust erregt, Interesse erweckt, vielleicht sogar weiteres und physisch mehr erreichte, als bei ihm ... aber das würde ihm sein Ge­gen­über ja ohnedies nur sehr schwer glauben wollen.
...deine Nässe so genießt, die diesen Eindringling willkommen heißt ... auch wenn dein Geist noch dagegen protestiert.
Du willst den Kopf hoch reißen, doch jetzt ist es auch seine Hand, die dich erst recht in den Schoß deiner Gespielin presst, dich zwingt, sie nicht mehr nur zag­haft zu säubern, sondern Lippen, Wange, Mund, Nase, Zähne ... alles in sie hin­ein zu pressen, während er dich zu stoßen anfängt.
Von hinten, in dieser hündisch ... unterwürfigen Stellung, die du zu genießen beginnst, weil er auch beginnt, dich mit seinen Schenkeln zu um­klammern, wie in einem Schraubstock einzuspannen, dir seine Lust immer mehr und mehr aufzwingt ...
Was heißt hier seine Lust? - schon wird sie eins mit deiner ...
Diese Passage war doch komplett aus dem Zusammenhang gerissen, ging Peter eher durch den Kopf als der eigentliche Inhalt dessen, was er wohl mit Sicher­heit irgendwann einmal geschrieben hatte. Kann sein, in einem veröffent­lichten Text, oder in einer email an sie, in einem Chat – so genau hatte er dazu nicht Protokoll geführt. Und dennoch waren diese Texte wie quasi eine Ge­schichte, ohne sonderliche Trennung in diverse Absätze oder Episoden, offen­kun­dig von Kathy zusam­men kopiert und dann ausgedruckt worden.
Hat sie das gesammelt, oder doch jemand anderer noch gänzlich Unbekannter? Fast in der Art als ob sie durch diese Phrasen jemanden wieder er­kennen würde, das war der instinktive Eindruck, der sich in Peter sofort ein­stellte. Und warum hatte sie dann gerade diese ersten Seiten seiner Vorstellung in den Club mitgenommen – welchen Sinn machte das ganze? Fragen über Fragen, die er sich selbst stellte, erst recht wohl auch Borse ... wobei dessen Antwort immer klarer zu sein schien.
Vielleicht dienten die Ausschnitte als Erkennungszeichen oder aber Prü­fungs­fragen an ihn, auf dass er seine Identität durch Angabe von Zitaten aus seinen emails beweisen würde ... Das war das einzige, was Sinn zu machen schien, dämmerte ihm mit einem Mal, während er sich über die nasse Stirn wischen musste, ehe er wiederum ein anderes Fragment in die Hand nahm und bedächtig las. Nur nicht die Regungen anmerken lassen, die mich durchzucken!

Ansonsten - ich bin wie gesagt heute sogar zum Exzess für meine Begriffe hier im quasi Chat gewesen, was ich ansonsten kaum tue (klingt wie Ausrede?). Also interpretiere es bitte nicht anders/falsch, wenn ich in der nächsten Zeit eher nur spät abends oder nachts rea­gie­ren kann, weil ich tagsüber eben wirklich meine Beratung draußen bei Kunden machen muss. Bei Kunden vor Ort ... und dort sind solche Mails oder aber auch nur Versuche für mich ein 100%iges Tabu. Ich kann und will ganz sicherlich nicht riskieren, dass über ein Rechen­zentrum aus Sicherheitsgründen unsere Unterhaltung aufgezeichnet oder auch nur durch Zufall entdeckt werden würde – das wäre extrem fatal.
Nur als mögliches Beispiel für deine angedeuteten und gewünschten "Überraschungen" und Verführungen und Nötigungen - etwa Fragmente wie in einem echten Roman, wofür ich aber keine Zeit habe. Vielleicht schreibe ich demnächst für dich daraus eine längere Kurz­ge­schichte, wenn du mir entsprechendes Feedback und Wunschmaterial lieferst.
In Wirklichkeit - in dieser oder eben in anderen Geschichten - müsste ich jetzt noch weit­aus mehr von deinem geheimen Inneren durch Chats wie diese erfahren, um dich noch bes­ser kennen zu lernen, um dich noch besser aus­horchen und beschreiben zu lassen, deine Geheimnisse aus dir heraus locken, nur um dich dann überraschen zu können, wenn ich etwa bei dir auftauchen würde ... in deiner Wohnung in Berlin in der xxx-Straße und nicht verkleidet im als unser erstes Date ausgemachten KitkatClub ... Gespickt noch mit ein klein bisschen Science Fiction Schmarrn wie angedeutet. Mittels IP-Adressen Rückverfolgung, kurz Hacken der Verbindungsdaten bei deinem Provider und schon sehe ich, dass du in der ...Stollwerckgasse wohnst ... vergiss den hier angeführten Namen gleich wieder : das ist einfach nur ein Beispiel für eine konkrete Straße, in der ich dich finden würde.
Aber spätestens jetzt, wenn ich da weiter schreibe, dann würde ich dich gut verstehen, wenn es dir anfängt, die Haare im Nacken aufzustellen. Schreibe ich dies nur, oder bin ich wirklich eine latente Gefahr für dich, ein verkappter ... (was auch immer du jetzt gerade im ersten Moment denken magst). Nein – vertrau mir noch kurz, gib mir noch die Chance und lies bitte weiter, versuche meinen Gedanken zu folgen. bitte!
Vermutlich geht diese oder aber eine andere Geschichte in jene Richtung - noch mehr Vertrauen zu erwecken, durch offenkundige Nettigkeit in meiner Sprache, interessante Schreibweise, durch sensible Einfühlsamkeit in Fragen und Anliegen, ver­drängte Wünsche und versteckte Begierden ... der Tanz auf dem Vulkan, das Prickeln des Verbotenen, der Hauch von Gefahr, ...vor allem aber dich umgarnen und umwickeln. Dein Vertrauen gewinnen, deine Offenherzigkeit, weitere Fotos von dir erhalten: danke für das eine – siehst wirklich nett aus.
Vielleicht auch durch Kontaktaufnahme durch eine weitere ebenso fingierte email einer anderen Person, durch den Aufbau von anderen virtuellen Verbindungen und emails, wo eine Person durch Zufall die andere zu kennen scheint, sodass Vertrauen in dir aufgebaut wird. Vielleicht sogar noch besser, wenn eine Person davon eine Frau ist? Seine Frau – meine Frau etwa. Und ja ... natürlich, du hast recht, du ahnst schon: in Wirklichkeit gibt es nur eine einzige Person dahinter: mich – die dich ausforschen will und zugleich Spaß haben will mit dir, so wie du auch...

Das glaube ich, ist der Stoff, welcher wirkliches Interesse erwecken mag, wenn man dafür "anfällig" ist: Den eleganten Verführer spielen: den Wolf im Schafspelz, die einge­zo­genen Krallen auf samtweichen Pfotenballen, mit denen ich dich sanft streichle, aber nicht auf­zeige was sich dahinter wahrlich verbirgt.
Sympathy for the Devil [Rolling Stones]. Wie man vielleicht erklären kann, dass es einem passiert, Dinge zu schreiben/offenbaren, die man einem Nah­estehenden trotz allem nicht zu sagen wagt, und in der Hoffnung der Anonymität jemand anderem anvertraut, der dies aber ... missbräuchlich verwendet. Der sich dafür aber Zeit lässt, ganz viel Zeit – und dich dadurch erst recht in Sicherheit wiegen lässt. Monate wohl, vielleicht sogar Jahre, bis sich die Gelegenheit dazu bietet, das zu tun, was er plant aber nur ganz ver­schwommen angedeutet hat. Anfangs noch nicht erkennbar, weil man blind ist und erregt ... nur dennoch!
Scheiße ... ja, an diese Sequenzen konnte sich Peter gut genug erinnern. Ver­dammt nochmal – wie er sich so gut und überlegen und überheblich vor­ge­kommen war, so über den Dingen zu stehen. Quasi ihre Reaktion und Ängste an­zudeuten, sie vorweg nehmen in seiner Schilderung, was sie unbedingt denken müsste, um sich dadurch dann noch mehr Vertrauen in ihr zu er­hei­schen. Psychologische Kriegsführung hatte er sich dabei gedacht und ge­fühlt, dass er sie in Zweifel stürzte, die aber dann zu seinen Gunsten ausgelegt wur­den.
Dass aber diese wenigen Zeilen zuvor hier letztlich wie ein Geständnis klingen mussten oder aber ... ja, jetzt fing er an, zu verstehen, warum Borse eine Ähnlichkeit mit dem Roman von Garcia Marquez angedeutet hatte. Nein – sogar explizit angesprochen hatte. Ja, leider – wie hatte er denn nur so dumm sein können. Das hier war ja wirklich die Chronik eines angekündigten Ver­bre­chens ... aus seiner Hand, Feder und seinen Gedanken stammend. Etwas was er gar nicht vorgehabt hätte, zu verleugnen. Formulierungen, auf die er bis vor kur­zem aus literarischen Gründen noch stolz gewesen war, jetzt aber waren diese hier Schwarz auf Weiß gedruckten Fakten nichts anderes als eine Bankrott­erklärung seiner selbst und ein schriftliches Geständnis zugleich.

Solch eine Story - und die könnte man locker zu einem kompletten Roman aus­bauen, ganz ehrlich - die erscheint glaubwürdiger und prickelnder und wohl auch subtil erotischer zu sein als irgendwelche 08-15 Rein-Rausspielchen und Beschrei­bungen egal auf welchen Sites auch immer ... Die Brücke schlagen zu "... es könnte ja wirklich so passiert sein ...", die Gratwanderung "... das Gegenüber von dir (=ich in dem Fall), tut das nur so ... oder ist es gar ein verkappt Ver­rückter, ein Psychopat, der seine sexuellen Frusterlebnisse [oh nein, ganz sicher nicht bei mir - aber es wäre ja möglich] sich von der Seele schreibt. Ein Frauen­hasser, ein ... noch schlimmer was alles schlummern mag unter der äußeren Hülle und geschmückten Schale des Biedermannes, der scheinbaren Stütze der Gesellschaft, Familien­vater u.s.w ...
Sorry!! - Das will ich ganz sicherlich nicht, jetzt, was in dir beim Lesen aufkommen muss: Angst erregen. Nein! Und dennoch ist mir klar, dass du instinktiv so reagieren und denken musst, wie ich hier angedeutet habe – vollkommen klar deine Reaktion.
Jetzt alles absolut echte Wahrheit von mir: ich schreibe aus Lust und Vergnügen - so auch meine beginnenden Romane, die ich vermutlich unter einem Pseudonym veröffentlichen werde. Aber das habe ich noch nicht endgültig entschieden, wie ich hier verfahren werde.

Zu deiner sonstigen Fragen – woher ich schon so viel über dich weiß:
Dass du in Berlin wohnst, wusste ich von deiner ersten Mail, von Wolf­gang konnte ich natürlich nichts wissen. Aber auch hier war es doch so leicht, den richtigen Namen von dir zu erfahren, indem ich einfach von »deinem Freund Markus« geschrieben habe und du mit der entsprechenden Korrektur protestiert hast. Natürlich könntest du auch mit meiner angewandten Taktik verfahren haben – einen anderen, bewusst falschen Namen in deiner Antwort zu wählen. Aber das glaube ich doch weniger, dass du getan hast.
Ähnliches wäre vielleicht sogar leicht gewesen, mit deiner Adresse zu versuchen – aber da habe ich (noch) nicht das Interesse dafür aufgebracht, dies von dir zu erfahren.
Fotos – ja, das weißst du selbst – die hast du mir freiwillig geschickt, ohne Bitten und Hinterfragen und Nachfrage von mir ... immer erotischer und eindeutiger werdend: deinen virtuellen Gefühlen folgend, mehr offenbarend und enthüllend – und das was du mir zeigtest, hat Spaß gemacht. Nein: gelogen – macht immer noch Spaß und stachelt mich an, mehr zu schreiben, auf dass ich dadurch wieder und vermehrt deine Lust errege.

Ich schreibe wie gesagt aus Freude (und Lust daran) und ich will die Wort so wählen, dass sie glaubwürdig hinüber kommen, dass sich der Leser und die Leserin hinein fühlen kann, wenn man davon angesprochen wird. Dass einem (je nach Schilderung) potentiell bis zum Erbrechen ekelt [... da kann ich nur an die Episode mit dem Pferdeschädel von Günter Grass in der Blechtrommel erinnern ...], dass man die perversen Gedanken eines Mörders zu verstehen glaubt, ohne aber deswegen seine Taten zu entschuldigen [... etwa Truman Capote in Cold blooded/Kaltblütig ...] oder aber dass man erotisch erregt wird, ob der inten­siven oder aber nur angedeuteten Schilderung von Handlungen und Gefühlen, Be­ob­achtungen, Gerüchen, Aktionen und Verführungen.

Ich glaube also wirklich nicht, dass wir uns kennen, wie du gemeint hast ... und das Kennenlernen ist auch nicht meine wahre Intention. Ich habe irrsinnig viel gelesen - wohl wirklich Tau­sende Bücher, nahezu die gesamte deutsche Literatur und vieles im Original von Hemingway, Steinbeck, Orwell, ... oder aber auch Garcia Marquez: sein cien anos de soledad war der Grund, dass ich Spanisch gelernt habe ... daher wohl eine gewisse andere Art von Wortgewandtheit, das Spiel mit den Worten, mit den Betonungen, das Hinüberbringen einer Situation und eines Eindruckes. Das Knistern und die Glaubwürdigkeit von Gefühlen und Eindrücken.
Ich schreibe - und es fließt mir von der Tastatur, ich brauche mich zu­meist nicht zu quälen, Worte und Seiten zu erzeugen: Hingegen ein Buch sodann wirklich fertig zu machen, kürzen, redigieren und in sich stimmig korrekt zu gestalten, das ist in meiner jetzigen Phase schon wirk­lich weitaus eher "Arbeit".

Noch genieße ich die Anonymität im Internet. Ich weiß, dass per Gesetz viele meiner Geschichten wohl als pornografisch zu bezeichnen wären, weil sie (zu sehr?) das Geschlechtliche oder aber den Geschlechtsakt beschreiben ... manche Leser würden sich vielleicht deswegen ekelerregt abwenden (oder aber spielen sie diese Gefühlsregung nur und lesen natürlich heimlich weiter?), andere sind gerade davon erst recht erregt und begeistert und treten mit mir in Kontakt. Virtuelle, um sich auszutauschen, Phantasien zu erzählen oder austauschen lassen, Anregungen liefern mit der Bitte um eine Fortsetzung in diese oder jene Richtung hin.
Ich habe sehr viele Leser- und Fanbriefe im Laufe der letzten fünf Jahre erhalten, fast ausschließlich positiv, fast immer von Frauen: - das hat natürlich auch damit zu tun, dass nur selten jemand sich die Mühe macht, überhaupt zu schreibe und zu antworten. Und wenn das Geschriebene aus der Sicht des Lesers (der Leserin) her Mist ist, dann ist ihm das Aufbringen dieser Zeit zumeist nicht wert. So viel Realist möchte ich schon sein und als solcher auch gelten.
... ich habe jetzt in dieser Mail schon wieder einfach so viel, fast zu viel geschrieben, hoffent­lich nicht nur leere Worthülsen. (Schreibe wie du sprichst, dann schreibst du schön - Lessing in einem Brief an seine Schwester)

Die Andeutung dessen, dass ich der Unbekannte in unserer Geschichte werden kann/könnte, die ist für mich im Sinne der glaubhafteren Schilderung der Hauptdarstellerin ("also dir") nötig ... aber habe dazu wirklich bitte keine Angst. Vertraue mir.
Es gibt keine Hintergedanken meinerseits - und selbst wenn ich das jetzt schon so oft betont habe, dass es vielleicht gerade dadurch wiederum verdächtig geworden ist, es stimmt.
Dichtung und Wahrheit (Goethe) treffen in vielen Gestalten und Ausprägungen in meinen Geschichten aufeinander - die Wahrheit der hier soeben entstehenden Geschichte solltest du kennen, die Dichtung reichert das Geschehen nur noch an: um Spannung, Erotik, Überraschungsmomente (derzeit habe ich drei mögliche Ausgänge für die Episode mit uns beiden..) Das Hinzufügen eben um genau das Wesentliche, was der Dichter oder Schriftsteller mit der Geschichte erreichen will: Spannung, Erregung, Entsetzen, Angst, Hoffnung, Gemüts­schwankung und dann wiederum Vertrauen?
(Sorry für die Lusterregung – aber diese Entschuldigung ist nicht ganz ernst ge­meint ...)
Ich will (immer) Lust und Erregung und Phantasien schüren, das Prickeln auf der Haut, das Kribbeln im Bauch, das rasche Atmen hören und fühlen, das Schwellen und die Nässe der Erregung bei dir erzwingen ... riechen und spüren ...
Lass dies alles deinem Freund (heute) zugute kommen. [Auch glaube ich, aus dieser Episode hier eine recht erregende Geschichte schreiben zu können, wenn es für dich ok ist, dann schick ich sie dir bald zu ... und nochmals keine Sorge: nichts von dir wird wirklich offenbart werden, weder veröffentlicht, geschweige denn umgesetzt in Realität ...]
Machs gut - alles Liebe - Peter

Peter ließ das dicht beschriebene Blatt Papier sinken, überaus nach­denklich, innerlich aufs extremste aufgewühlt. Das, was er auf diesen beiden Seite geschrieben hatte, ent­sprach voll und ganz der Wahrheit und seiner Mei­nung und Einstellung zu dem hier Geschilderten. Jetzt aber, in Anbetracht der be­kannten Situation und der tra­gischen Sachlage – da kam diese Formu­lie­rung ja quasi einem Selbstmord gleich. Nein, einem angekündigten Ge­ständnis zugleich mit einem angekündigten Miss­brauch in jedem Fall – denn irgend­welche Sequenzen mit Mord oder aber echter Gewalt, die hatte er nie ge­schrieben. Aber das wäre wohl auch einem extrem mild eingestimmten Richter oder aber versammelten Schöffen kaum zu erklären. Im Affekt, im erotischen Rausch, weil etwa vom Freund überrascht, aus welchen Gründen auch immer ... hätte es dann trotz allem so weit kommen können ...
Er schüttelte wütend, vor allem erbost über sich selber den Kopf und schob das Blatt Papier unter den Stapel, um das letzte zu ergreifen, das er in Gegenwart von Kommissar Borse noch nicht gelesen hatte, das ganz offen­kundig im Original belassen worden war. Wie gut konnte er sich noch erinnern, dass Kathy im allgemeinen sehr viele Schreibfehler und sonstige Grammatik­fehler in ihre Antworttexte hatte einfließen lassen. Außerdem tendierte sie dazu, alles nur in Kleinbuchstaben zu schreiben:
ein traum wäre es wirklich alle verantwortung abzulegen ... das er der mich subtil aushorcht mich wirklich führt....das ich vor dierer türe stehe und er mich auf eine subitle weise anspricht, mich führt, das ich durchgehen soll. das er meine neugierde gewinnt. Das er mich zwingt zu Dinge, die ich nicht machen würde, auzser wegen ihm und auch – das er mich vorführt und ... meine erregung geniest und mein zögern. Und wie er mich dann dazu zwingt, seine fantasi an mir auszuleben müssen und ich ... nein ich glaub es nicht – das auch will: auf solche art dominirt zu werden vom ihm. liebe Grüße – deine kathy

Eine Geschichte für Kathy

»Und dann haben Sie das daraus gemacht?«, fragte der Kommissar den ver­dutzten Techniker, der nachdenklich und sprachlos in seinen Sessel hinein ge­sunken war, und fuchtelte mit einigen Seiten dicht und durchgehend be­drucktem Papier vor seinen Augen herum.
»Was zum Teufel hält er da nur in seiner Hand?«, fragte sich Peter und ver­suchte, wiederum wie zuvor bei den dramatisch fatalen Laborberichten durch die Rückseite hin­durch lesen oder wenigstens entziffern zu können, um was es sich hier nur handeln konnte.
Wieder traf ihn das Grinsen seines Gegenüber wie ein Schlag ins Ge­sicht, dann rollte er die Blätter zusammen, als ob er ein kindliches Fern­rohr daraus konstruieren würde und schlug mit dem entstandenen Rohr einige Male auf seine flache Hand. Ganz so, als würde er einem alten Schulmeister gleich mit dem Rohr­stock spielen und seine federnde Wirkung testen, ehe er sodann mit aller Vehemenz auf die Finger des beschuldigten Schülers schlug. Das Bild so intensiv vor Augen haltend, zuckte Peter zurück, als Kommissar Borse mit einer raschen Handbewegung ihm die eingerollten A4-Blätter hinüber schubste.
»Ich nehme an, ihr Pseudonym«, ließ er ihn nur im besten Fall den An­fang der Geschichte lesen, einen ersten Eindruck davon zu bekommen, was sie schon alles von ihm wussten, ohne es ihm aber notwendigerweise sagen zu müs­sen.
»Simon Sohmer ... was für eigenartiger frei gewählter Name«, schüttelte Borse den Kopf und zog die Blätter wieder aus seinem einsehbaren Blickfeld zurück. Peter fühlte sich beflissen, zu kommentieren, wie er auf diesen Namen ge­kommen war, eine reine spontane Entscheidung aus der Luft heraus ge­grif­fen, ohne jegliche Bedeutung oder aber Hintergedanken hatte er diesen Kunst­namen gewählt - aber es hätte seinen Gesprächspartner ohnehin nicht inter­essiert. Und außerdem war die Wahl des Namens wohl komplett vernach­lässig­bar im Vergleich zum Inhalt der ersten Geschichte, der er für sie ge­schrieben hatte. Um nichts anderes, als diese konnte es ja jetzt nur gehen, dach­te er sich und begann eine zögerliche Antwort zu formulieren.

»Ja ...«, stammelte Peter und versuchte sich anhand des ersten Absatzes, den er eiligst in den wenigen Sekunden hatte entziffern können, fieberhaft zu er­innern, wann er diese Zeilen eines Geschichtenanfanges geschrieben hatte un­ter unter welchen Umständen und Zusammenhängen.
»Es ist nur eines ... also diese Geschichte ... die habe ich geschrieben, ja.« und dann dachte er länger nach, um sich auch ganz sicher zu sein, dass er die Wahr­heit von sich geben würde. Nicht so sehr deswegen, weil ihm das Be­wusst­sein des Ver­hörs wiederum in seine Gedanken eindrang, sondern weil er so verwundert war, etwas in der Hand zu halten, das er nicht ins Internet ge­stellt hatte.
»Ja! Ich habe ihr diese Geschichte geschickt, oder zumindest Fragmente da­von ...«, sprach er vor sich hin, in einer Lautstärke, die sein Gegenüber vielleicht gar nicht wahr­nehmen konnte und darauf auch nicht sofort reagierte. Die Antwort oder aber laute Überlegung war auch mehr für ihn selbst gedacht als seinen Befrager.
»Ich glaube zumindest, ihr das geschickt zu haben ... ja – eher schon« - immer noch galten all die Worte nur für ihn selbst gesprochen, eher er den Kopf wieder hob und den Beamten forsch und lauernd mit seinem Blick zu fixieren versuchte.
»Wo haben Sie diese Geschichte her?«, fragte er sodann mit klarer Stim­me und dem Inbrunst seiner Überzeugung, ehe er dann die nächsten Formulie­run­gen langsamer fortsetzte. »Ich konnte ja gerade nur den Anfang überfliegen – und das einzige, woran ich mich erinnere, ist die Tatsache, dass ich diese Fragmente nach den ersten Dis­kus­sionen, d.h. Emails mit Kathy, nur für mich zusammengefasst habe. Ich kann mich jetzt wirklich nicht entsinnen, ob ich sie ihr geschickt habe ... oder stammen diese leicht gar von meinem Laptop aus dem Zipfile mit den sogenannten Kathyfragmenten? Die ist aber passwort­geschützt ...«

»Woher haben Sie also diese Geschichte?«, bohrte Peter Ondrovsky noch­mals nach, irgendwie in der vagen Hoffnung, den Beamten in die Enge trei­ben zu kön­nen, weil dieser ein Vergehen gegen Untersuchung seines Lap­tops ohne richter­liche Befugnis oder dergleichen vorgenommen hätte.
Kommissar Borse schien in gewisser Hinsicht seine Gedanken lesen zu können – oder aber war das einfach Routine, weil fast ein jeder Beschuldigter mit ähnlichen Geschichten oder Anschuldigungen versuchte, den Spieß im Verlauf einer Vernehmung auch mal um zu drehen.
»Oh nein ...«, ein halb unterdrücktes Lachen, das ihm auf den Lippen er­starb, während er so verlockend die Geschichte dem verdutzten Informatiker hin­schob, »... Sie können sich wirklich nicht erinnern?«
»Dieser Ausdruck hier ... war in ihrer Tasche« - und da er anhand Peters Reaktion er­kennen konnte, dass dieser quasi akademisch noch überlegte, ob er »ihrer« oder »Ihrer« gemeint hat­te, schoss er ansatzlos den erklärenden Satz wie aus einer Pistole heraus, nach.
»Aus der Handtasche des Mordopfers natürlich«
Zum zweiten Mal an diesem Tag sah sich Peter wie von einem kräftigen Faust­schlag vom Sessel gefegt – als ob nicht nur seine, sondern auch die Beine des Sessel plötzlich eingeknickt wären, so sehr hatte ihn diese Antwort über­rascht. Diesmal aber fing er sich gerade noch rechtzeitig selbst auf, bevor er wiederum auf den Boden oder die Tischkante gekracht wäre.
Das machte doch alles keinen Sinn – warum hatte das Opfer diese Geschichte bei sich? Seine Geschichte noch dazu! »Wie bitte ...«, fragte Peter nach und riss dabei die Augen wie Scheu­nen­tore auf, komplettes Unverständnis und Ungläubigkeit sprachen zugleich aus seinem flackernden Blick heraus. Und dann wiederholte er nochmals, was er verstanden hatte, das der Inspektor zu ihm gesagt hatte.
»Sie wollen damit sagen ... sie hatte diese Geschichte bei sich. In ihrer Hand­tasche? Gestern Abend – wo ich diese Zeilen doch vor nun schon weitaus mehr als zwei Jahren geschrieben und ihr allem Anschein nach dann doch geschickt habe. Vor zwei Jahren? Und dann - gestern ...?«
Erst später war ihm aufgefallen, dass diese Geschichte nicht über lange Zeit hinweg in ihrer Tasche transportiert sein konnte, denn sie zeigte kaum Reibe-, Gebrauchs, Knick- oder sonstige Abnützungserscheinungen auf, die auf eine längere Lagerung und Aufbewahrung hingedeutet hätten. Dennoch trug dieses Werk ganz eindeutig seine Handschrift, bildlich gesprochen, da auch der ver­wendete Garamond-Font jenem entsprach, den er bereits vorbeugend für mög­liche Veröffent­lichungen anwendete und dann vor allem der doch präg­nante Stil und das Spiel mit Worten wie mit Feuer, das er so liebend gern stets einsetzte. Kathy gegenüber erst recht, um Eindruck bei ihr zu schinden – Lust und Neugierde zu erregen, in ihr eine ideale Kandidaten zu finden und sie auf­zubauen. Ein Medium dafür schien sie in jedem Fall zu sein – das hatten ja be­reits die ersten Emails ganz eindeutig aufgezeigt ... und gerade diese Tatsache hat­te auch diesen erotisch prickelnden Anreiz für ihn gebildet.
Wie immer, um noch mehr Nachhaltigkeit bei ihr als Leserin zu erzielen, hatte Peter diese Episode in der Ich-form geschrieben, sodass es also Kathy war, die ihre Erlebnisse erzählte und damit als die zentrale ICH-Person auftrat. Während Peter sich selbst als jenen Hauptakteur ins Geschehen brachte, der ihr das Spiel und Handeln aufzwang und sie subtil zu dominieren begann. Auf ähn­liche Art und Weise, wie sich das in den ersten emails angedeutet und ge­wünscht hatte. Geleitet, gelenkt und dominiert zu werden – auf eine subtile und psychologische Art, kei­nes­wegs eine brutale und primitive Methode. Die feine Klinge der Dominanz und Verführung schwingen – alleine die Idee dazu hatte ihm gefallen: Ja, daran konnte er sich so gut erinnern, als wäre dies alles tatsächlich erst gestern geschehen.
Peter ahnte schon, was kommen würde, auch wenn es vorläufig von Inspektor Borse nicht explizit angesprochen wurde, aber seine düsteren Vor­ah­nungen hatten sich im Verlauf des Verhörs nicht getäuscht, sondern waren eher sogar im Gegenteil jeweils übertroffen worden. Das was er hier be­schrieben hatte – kam das quasi dem Drehbuch für jene Handlungen gleich, die sich gestern im Club abgespielt hatten? Hatte er mit diesen Seiten letztlich die Regie­an­weisungen für ihren Miss­brauch und ihre Ermordung geschrieben ... wobei: alles mögliche konnte von ihm stammen, unter keinen Umständen aber auch nur Hinweise oder Andeu­tungen auf ein Kapitalverbrechen in diesem Ausmaß. Und dennoch, selbst wenn Peter ganz sicher wusste, keine Worte von Mord oder auch Brutalität geschrieben zu haben, es hätte ihn heute wohl kaum noch ver­wundert, wenn er auch diese Sequenzen in seinem von vielleicht anderer Hand veränderten Werk gelesen hätte.
So aber fing Peter vorsichtig, interessiert und panisch nervös zugleich an, seine eigene alte Geschichte vorerst zu überfliegen und dann intensiver und genau zu lesen, um allfällige Änderungen gegenüber seiner Version fest­zu­stellen. Sein Original hatte er ja nach wie vor bei sich, auf der Platte des Lap­tops – und ihm war ohnedies klar, dass er die dort verfügbaren Daten sehr bald für eine nähere Analyse freigeben würde müssen, ob nun freiwillig oder aber per Dekret angeordnet. Dass sie mit PGP verschlüsselt und abgesichert waren, konnte nur einen unberechtigten Zugriff entsprechend lange abhalten und verwehren, wohl kaum aber unter den gegebenen Umständen.
Er griff erneut zum Wasserglas und fing vorsichtig, fast ängstlich zu lesen an, als würde er hinter jedem Wort und jeder Zeile eine unerwartete auf ihn lauernde Gefahr vermuten.

Die Unveröffentlichte
»Wolfgang schickt mich - ich bringe dich zu deinem Freund ...«, hatte er so bestimmt in mein Ohr geflüstert, dass ich für einen Augenblick lang sogar ihm geglaubt hatte, dass er die Wahrheit sprechen würde, obwohl seine Augen so seltsam anders funkelten, dass ich zugleich auch sicher war, seine Gier tief in seinem Inneren ablesen zu können.
Es war schiere Geilheit, die aus ihm und seinen dunklen Augen leuchtete - und allein der kurze Blick, den ich auf ihn geworfen hatte, der genügte, um mir instinktiv zu sagen, dass das alles wohl nicht so recht stimmte, was er mir gegen­über behauptete. Und dennoch, selbst dieses Wissen zog mich eher ihm hinzu, als dass es mich von ihm abstieß.
»Kathy ...« hatte er so sinnlich langsam zu seinen Worten hinzugefügt – ja somit kannte er auch meinen Namen. Groteskerweise hatte ich mich dadurch im ersten Moment noch in Sicherheit gefühlt, mit einem zwar gut aus­sehenden Mann in mittlerem Alter, aber dennoch mir vollkommen unbe­kannt, mit zu gehen: wenn er mich doch kannte!?
Aber – warum sollte mein Freund Wolfgang denn nach mir schicken, fragte ich mich sodann und trotte immer noch vor dem Unbekannten her, ehe ich mich kurz umdrehte, um nochmals sein Gesicht und seine Augen zu mustern. Eine Aktion, die ihm offenkundig nicht gefiel, da er mir eher sogar wirsch deutete, von solchen Aktionen abzulassen.
Was wollte dieser Mann? Bereits grau melierte Schläfen, vermutlich knapp an die vierzig hin gehend, vielleicht sogar gut erhalten und damit potentiell auch doppelt so alt wie ich mit meinen knappen dreiundzwanzig Jah­ren, ging mir instinktiv durch den Kopf. Nur – warum kamen mir denn diese Gedanken überhaupt, ob ich ihn prinzipiell attraktiv und interessant fände.
Und warum hatte er gerade mich von all den anderen halbnackten jungen Frauen, die hier in der Nähe der Go-Gostange herum lungerten, auserkoren, fragte ich mich und dann aber die wirklich entscheidendere Frage, ich ich mir stellen musste: vor allem – warum ging ich so verrückt bereitwillig mit ihm mit, nur weil er meinen Namen kannte und er von meinem Freund geschickt worden war.
Falls seine Aussage stimmte – oder? Es war doch grotesk, ihm nicht zu glauben, und dennoch mit ihm zu gehen? Oder sagte er doch die Wahrheit?
Dumpf fiel mir die quasi bestätigende, wenn auch kryptische Andeutung meines Freundes kurz vor unserem gemeinsamen Aufbruch in den Kitcat-Club ein: Dass er seinerseits einen alten Bekannten hier treffen würde, den er schon ganz lange nicht mehr gesehen hatte. Wenn ich es richtig verstanden hatte, aber ich hörte bei seiner Erzählung nicht recht aufmerksam zu, muss ich gestehen, dann wäre es einer seiner ehe­maligen Professoren vom Gymnasium gewesen, welchen er durch irgendeinen Zufall in der letzten Woche in der U-Bahn ge­trof­fen hatte.
Von diesem Lehrer hatte er sodann auch einen Tipp hinsichtlich einer erotisch ange­hauch­ten Veranstaltung in einem Club bekommen und Wolfgang schien Feuer und Flamme dafür gewesen zu sein, so wie sein alter Bekannter darüber in Andeutungen und geschilderten Impressionen geschwelgt hatte. Je­den­falls war es ihm trotz meiner grund­sätzlichen Bedenken bei solchen Events gelungen, mich zu überreden, ihn dorthin zu begleiten.
»Es kennt dich doch ohnehin kaum wer dort …« – Wolfgangs Worte dröhnten mir noch in den Ohren, wie er diese Argumente knapp vor meiner positiven Entscheidung gebracht hatte. »Und dann kannst du dich ja auch ein wenig verkleiden und somit vollends anonym bleiben«
Dieser Lehrer – ja jetzt kam ein wenig mehr Erinnerung auf das Ge­spräch mit meinem Freund auf? Er hatte ihn mir nicht geschildert und be­schrie­ben, aber die wenigen Worte, die der Unbekannte an mich adressiert hatte, die zeigten doch von einer gewählten Sprache und spontaner Beredsamkeit: Also war das Haupt­fach Literatur oder aber Deutsch ihm durch­aus zuzutrauen – und weiters sprach er in keinem zuordenbaren Dialekt, eher perfektes Hochdeutsch, Worte rollend und artikulierend, wie er seine Zunge prägnant formte.
Nur dennoch … etwas schien an dem Typen nicht recht zu stimmen, sagte ich mir instinktiv und ging etwas langsamer, nachdenklicher und zöger­licher.
»Komm … er wartet schon … mit einer Überraschung« – seine Worte, immer kurz und teilweise abgehackt gesprochen, sie stimmten mich einerseits neu­gierig, andererseits hatten sie gerade durch diese Ausdrucksweise etwas sehr Bestimmendes an sich. Als ob allein durch seine Art und Weise der Sprache er nicht bereit war, ei­ne Wider­rede aufkommen zu lassen, entstand in mir der Ein­druck, während ich dann dennoch vor ihm wei­ter trottete.
'Ein komisches Bild müssen wir beide geben', dachte ich mir noch, denn wenn ich mich richtig entsann, dann war er einer der wenigen, der ob seiner als sehr normal einzustufenden Bekleidung – sportliches schwarz schillerndes Sakko und weißes Shirt da­runter – schon wieder auffiel. Und durch dieses Normalität so abstand von all den anderen ausge­flippten Verklei­dungen, die im Versuch, besonders extravagant zu wirken, schon fast wieder peinlich wirkten.
'Na ja, komisch … was sich mein Freund vielleicht schon wieder aus­ge­dacht hat', überlegte ich mir dazu noch neutral – zu einem Zeitpunkt, als in mir noch keine wahren Zweifel erwachsen waren, wohin er meine Schritte lenkte und wie ich dadurch das unabwendbar Kommende so leicht beeinflusste und zustimmend in die Wege leitete.

»Warum bin ich nur überhaupt hier her gekommen...?«, schoss erneut dieser warnende und mahnende Gedanke durch meinen Kopf, wie dann der Unbe­kannte begann, mich bestimmt und fest, aber keineswegs brutal an mei­nem Oberarm zu packen und mich aus der stoßenden Menge der Verkleideten und Halb­nackten zu entfernen. Vermutlich ging es ihm ähnlich wie mir auf die Nerven, dass man ständig leicht angerempelt wurde, dass man auf den Quer­verkehr in diesem Geschiebe noch zusätzlich acht ge­ben musste, weil einige die Rempeleien aus purer Absicht heraus zu machen schienen. An beiden Ober­armen fixiert, schob er mich vor sich durch die Menge hindurch, navigierte gekonnt an möglichen Zusammenstößen vorbei, benützte mich dabei aber fast wie einen Rammbock, mit dem er zustoßen würde, wenn die anderen nicht rechtzeitig ausgewichen wären.
Es erschien mir wohl alleine durch diese Aktion der von ihm kon­trollierten Steuerung mit einem Mal voll­kom­men klar, dass er wohl kaum die Wahr­heit sagen würde, und mit einer ver­rä­terischen Unsicherheit in der Stimme hatte ich dann nochmals nachgefragt »... wo bringen Sie mich hin ...« - aber er hatte statt einer Antwort nur noch kurz auf­gelacht. Fast kam es diesem typischen Verhöhnen gleich, aber gepaart mit einem noch dunklen erotischen Ge­heim­nis, das mir eine eisige Gänsehaut und zugleich sich steigernde Er­regung über den Rücken hin­unter laufen ließ.

»Warum bin ich nur auf diesen komischen Kit Cat Club mitgegangen ... in dieser halb verrückten und erotisch geilen Verkleidung so wie all die anderen auch ... mit Ausnahme von ihm …«, schoss es mir wohl bereits zum Hun­dersten Mal durch den Kopf, während er mich gezielt durch die Menschen­menge hindurch bugsierte, hin zu jenem zentralen Gang, wohin sich alles zu stauen schien. Danach den Gang entlang ... so offenkundig hin zu jenen Räum­lich­keiten, aus denen ich schon vorher, wie ich kurz auf der Toilette gewesen war, lustvolles Geschrei von diversen Orgien und ähnlichen sexuellen Aus­schwei­fungen vernommen hatte. Zumindest war ich mir sicher gewesen, dass sich diese und solche Aktivitäten dahinter in den frei zugänglichen Separees ab­spielen würden.
»Wohin ... bringst du mich? ...« - vielleicht wäre diese Frage von ein wenig mehr Erfolg gekrönt, wenn ich mich ihm anbiedern würde. Es waren ja hier ohnehin alle per Du, zumindest vom Prinzip her ... aber seine Antwort ließ mich sodann erneut erschaudern.

»Zu deinem Freund, wie versprochen ... und anderen möglicherweise auch ... freu dich doch - Kathy ...«
Wieder diese Art und Weise, wie er meinen Namen betonte. Diese Nach­drück­lichkeit in seiner prägnanten Stimme, die einfach Eindruck hinterließ. Woher kannte er nun tatsächlich mei­nen Namen, fragte ich mich und wie hat er mich in dieser Menge an Ver­klei­deten erkannt und auch nur entdeckt? Und dennoch sickerte diese Erkenntnis und mich fast lähmende Frage erst nach und nach durch mein Gehirn, in dem Hun­derte Ge­danken gleichzeitig auf mich herein zu prasseln begannen, ich keinen ein­zigen klaren Gedanken fassen konnte.
»Nein ... geh weiter ...« - ich hatte mich erneut umdrehen wollen, sein Gesicht etwas näher zu studieren, ob ich ihn schon je zuvor gesehen hätte, aber er schubste mich so unmissverständlich weiter, dass er seinen Worten klare Härte hinterlegte. Er stieß mich fast nieder, aber bei der Menschentraube um uns herum war ein Fallen und Stolpern ohnedies kaum möglich.
Nur dennoch – es gefiel mir immer weniger, was wollte er wirklich?
»Nein, bleib stehen ...« - und auch wenn ich es fast als die einzige und letzte Chance gesehen hatte, jetzt zu fliehen, wo er nach diesem Befehl seine an­klammernden Hände von meinem Oberarm gelassen hatte, so war ich dennoch nicht imstande, die Flucht zu ergreifen. Genau so wenig, wie ich nicht hatte schreien können, auch wenn für die meisten mein Schrei wohl ohnedies lächerlich erschienen wäre ... und ein Großteil der Gäste nach dem nicht gerade geringfügigen Konsum von Alkohol oder leichteren Drogen wohl kaum etwas mitbekommen hätte, was sich hier vielleicht abzuspielen begann.
Eine Entführung? – der Gedanke, noch ehe zu Ende gedacht, er kam mir grotesk und lächerlich vor … auch wenn er sich spontan zu bestätigen schien.
Er hielt mich ja nicht einmal wirklich fest. Es wäre doch wirklich leicht gewe­sen, mit einem festen Auftreten, einer raschen Kehrtwendung, ihm meine unge­schminkte Meinung zu sagen, mich um Hilfe an andere zu wenden, vielleicht sogar ihm effektvoll eine zu kleben und dann ... ja: das beste wäre es wohl wirklich gewesen, diesen Club zu verlassen und nach Hause zu gehen, egal was mein Freund hier noch für Pläne hatte oder bereits trieb. Schwachsinn, über­haupt den Fuß über die Schwelle dieses Clubs gesetzt zu haben.

Ich schrie auf - und das letzte was ich noch sah, ehe sich Schwärze um meine Augen herab senkte, das war, wie einige Männer recht gierig und grinsend meinen halbnackten wohl proportionierten Körper abschätzten und sehr wohlwollend betrachteten. Und wie sie scheinbar alles wissend oder aber anhand seiner Bewegungen und Grimassen erahnend mir noch zugrinsten, als der Unbekannte mir diese seidig weiche Tuch vor die Augen band.
»Nein ... nicht ... was tun Sie denn ...«, brüllte ich erschrocken auf, mich immer noch wundernd, was denn hier mit mir geschah. Und dennoch verstand ich mich selbst nicht, dass ich nicht mit meinen Händen sofort nach oben griff, um die Augen­binde erbost und unter Protest abzustreifen, um in der Düsternis ein wenig mehr zu sehen als in der kompletten Schwärze.
»Komm mit … geh einfach weiter …«, meinte er zuerst, dann aber lief es mir eiskalt den Rücken hinunter, als er in seiner prägnanten dumpfen Stimme fort­fuhr und mir die Hände so hielt, dass es auch hier einer angedachten Fes­se­lung gleich kam. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass er nachgeben würde, wenn ich mich jetzt wirklich entscheidend wehren wollte gegen seine Ent­füh­rung und Pläne, ob alleine oder wirklich gemeinsam mit meinem Freund aus­geheckt.
»Deine Phantasien ausleben ... deine eigenen … mit dir ...«, hauchte er mir ins Ohr in einer harten und zugleich unmissverständlichen Art und Weise, dass ich mich fast angepinkelt hätte, so sehr fuhren mir seine andeutungsvollen Worte durch Mark und Bein.
»Und ... meine erst recht ...« - ich fühlte, dass ich fallen würde, nicht nur wegen der momentanen Unsicherheit durch meine geschaffene Blindheit, son­dern vor allem durch seine Phrasen, die mich wie einzelne Keulenschläge trafen und vom rechten Weg abzubringen schienen.
Ich hatte ihm etwas entgegnen wollen, aber die Stimme blieb mir versagt - und wer von all den geilen Zuschauern fand denn etwas dabei, wenn ich jetzt mit verbundenen Augen herumgeführt wurde ... wo doch ohnehin die meisten Besucher nur darauf aus waren, hier etwas zu erleben, auf dieser Clubparty, wohin mich mein Freund verschleppt hatte. Und ich hatte davor unzählige andere gesehen, egal ob Frau oder Mann, die wie Hunde an einer Leine herum­liefen, geblendet und gefesselt, nackt oder nur unzulänglich bekleidet ... unter all diesen mussten wir beide ja noch vollkommen normal und geradezu harmlos wirken.

'Verdammt nochmals, Kathy - warum bist du denn wirklich mit Wolf­gang hier her gekommen', schimpfte ich mich bereits zum derart wiederholten Male, dass es schon fast fad war, immer das gleiche zu denken. Vor allem aber wo war denn nur mein Freund tatsächlich hin gegangen. Warum, verdammt noch mal, war er jetzt nicht da, wo ich ihn benötigt hätte!
Sich ein Bier holen mit einem Freund, den er aus der Ferne gesehen hatte - das waren so etwa die letzten Worte, die ich von ihm noch in Erinnerung hat­te, ja stimmt, das mit der Toilette war davor gewesen. Jedoch gut an die zwanzig Minuten zurück liegend.
Und seither ???
Ich war mir in diesen letzten Minuten ganz besonders beobachtet vorge­kom­men - noch mehr als eigentlich schon die ganze Zeit zuvor, nachdem wir hier auf dem Clubevent eingetroffen waren.
Ich in meinem recht auffallenden glänzenden kurzen Kleidchen, mit dem ich eine ägyptische Prinzessin darstellte ... mit diesem fast nicht existenten Röck­chen mit metallischen Ringen aus Messing, gerade Mal ein Hauch von String darunter ... meine prallen und festen Pobacken dadurch besser zur Gel­tung bringend, als wenn ich nackt am FKK Strand liegen würde. Dann dieser Hauch von Top, ebenso metallisch umhängt und mit Fäden durchwoben, wo meine Nippel jetzt schon drohten, das Gewebe vollends zu durchstoßen, denn einen BH hatte ich natürlich nicht darunter angelegt … Wie auch sonst üblicher­weise nicht, denn so bestückt war ich da oben nie gewesen: zwei nette Hand­voll charakterisierten meine Körbchengröße wohl am allerbesten.
Ich könnte niemandem erklären, schon gar nicht das vor einem Richter glaub­haft hinüber bringen, warum ich dem Unbekannten bis hier gefolgt war. Bes­ser gesagt, warum ich vor ihm her ging, egal wo er mich hindrängte oder hin­dirigieren wollte, egal ob ich noch sehen konnte, oder aber durch die Augen­binde geblendet wie jetzt. Und all das, letztendlich gegen meinen Willen – gegen meine innere Über­zeugung, so verrückt das wohl für einen jeden klingen musste. Ja – nur wenn ich schon dagegen war, warum artikulierte ich dann diese meine Auflehnung so wenig?
Hatte ich anfangs sehender weise noch gedacht, es ginge in Richtung Bar, da Wolfgang ja ein Bier hatte nehmen wollen, so ahnte ich alsbald, dass der Weg eher in Richtung Gang sich schlängelte, immer wieder an den dicht ge­drängten Menschenmassen vorbei. Stets diese ganz kurzen Blicke, meinen halb­nackten Körper oder das Kostüm teils bewundernd und dann auch gewisser­maßen meinen Begleiter beneidend, der mich offenkundig irgendwohin führte, wohin seine Phantasie ihn geleitete und meine mich zwang, ihm zu folgen.
Dem Grinsen der Gesichter, die für Bruchteile von Sekunden vor mir auf­tauchten, glaubte ich zu entnehmen, dass ein jeder nur das eine zu erahnen schien, was ich mit ihm wohl aufführen würde … aber dies schien bei der Party­veranstaltung ohnedies einem jeden wie das elfte Gebot in die Stirn ge­meißelt zu sein.
»Ich möchte … dir das Herz aus dem Leibe … ficken …« – und das alles, obwohl ich nichts sehen konnte, aber die Art und Weise wie ich die Blicke auf mir ruhen fühlte, das machte mir Angst und Bang zugleich. Wie kann ich Blicke fühlen, wenn ich nicht sehen kann, so stellte ich mir zwar oftmals die Frage, aber ich war mir dessen ganz sicher und ganz bewusst. Dieses erregte Be­trachten meines Körpers, meiner Wehrlosigkeit, das Geführtwerden von ei­nem Unbekannten und die Blicke der Betrachter, neidisch und bewundernd: das gibt es doch alles gar nicht, dachte ich mir auch bereits zum ungezählten wie­der­holten Male. Und zugleich das schlimmste an der ganzen Situation – wenn es mich verrückterweise nicht auch noch so aufgegeilt hätte.
Es lief mir heiß und kalt den Rücken hinunter, als ich mich bei so grotesk verrückten Gedanken ertappte, während ich immer noch vor ihm her trottete. Ein Schaf, ein Opferlamm – weitere verrückte Gedanken in mir!

Der Unbekannte hatte gar nicht mehr geantwortet, nein nur gelacht - aber nicht höhnisch, wie zuvor, sondern jetzt herzhaft. Von gan­zem Herzen schien er mich aus- oder anzulachen, wie ich unsicher vor ihm ste­hen musste, mit verbundenen Augen und jetzt hatte er auch die Hände sanft jedoch ganz bestimmt auf meinen Rücken zurück gedreht. Und auch wenn ich ein Nein gesagt hatte, ein flehentliches 'Bitte nicht ...' so war ich dennoch von seinen kräftigen Pranken gefesselt und es bedurfte gar keines weiteren Tuches oder aber fesselnden Seils, um zu zeigen, wer wem zu folgen hatte.
Ich hatte zuvor gesehen, dass genug andere mit meiner Situation ver­gleich­bar herum liefen, teils mit Halsbändern wie angeleinte Hunde oder Kat­zen am Gängelband, teils sogar auf allen Vieren - ich hatte solche Bilder und Situationen immer als lächerlich und verrückt erachtet und eher als peinlich ab­ge­tan gehabt. Jetzt schien ich selbst vergleichbar zu sein mit diesen Frauen, die daran auch Lust zu verspüren schienen. War das wirklich so, was ich in mir zu spüren begann – dieses verdächtige Kribbeln?
Wenigsten würde ich nicht sehen, wie sich immer mehr Männer an solchen Anblicken aufgeilten, und an ihren Erregungen permanent wichsten, was mich schon immer gestört hatte. So richtig abstoßend fand ich das in diesem Club, diese Voyeure – allerorten und jetzt wohl erst recht wegen mir unserer Nähe.
Aber Lust - ich prustete ein wenig ein unterdrücktes Lachen heraus, ehe ich es mir in den Lippen verbiss, nicht weiter heraus kommen ließ, da ich in mich und meinen zitternden Körper hinein hörte. Was war das, so tief in mir pochend!? Mein Herz, es schlug bis zum Hals in einer Frequenz, als würde ich gerade auf der Zielgeraden des Marathon noch einen forschen Sprint einlegen ... es war tiefe Erregung. Abgrundtiefe Erregung gepaart mit einer Spur von Angst, getrieben von der prickelnden Neugierde, die inneren geheimen Sehn­süchte aufgestachelt und geweckt - als hätte mich der Unbekannte durchschaut.
Als wüsste er von meinen tiefen inneren Gedanken, die verdrängte Sehn­sucht danach, auf genau solch einer Veranstaltung einmal entführt zu werden, vielleicht sogar dominiert, zumindest aber in Versuchung gebracht zu werden, meinen Freund zu ... nein: etwas auf diese Art und Weise gemeinsam mit mei­nem Freund zu erleben. Ein Dreier, niemals so richtig ausgesprochen und de­finiert zwischen Wolfgang und mir - die ewige Frage somit ungeklärt, wer denn der oder die Dritte bei diesem Stelldichein sein würde.
Wieso fiel mir das gerade jetzt so plötzlich und tiefsinnig ein, dass ich innerlich immer mehr zu zittern begann. Warum genau jetzt?

Ich zuckte zusammen, weil ich gerade Stein und Bein geschworen hätte, diese nicht echt aufgekeimte Sehnsucht oder dieses Interesse in mir noch nie jemandem mitgeteilt zu haben, dass es also unmöglich wäre, was mir auf solch einer Party im Traum passierten könnte ... aber da fiel mir dann mit einem ernüchternden Gedankenblitz diese groteske Unterhaltung ein. Dieser Chat, die­ses Austauschen von Gefühlen mit jemanden, den ich gar nicht einmal kann­te, diese verführerischen emails von dem unbekannten Geschichten­schreiber.
Ein Autor von Geschichten, den ich überhaupt nicht kannte - nein nur das, was er auf irgendwelchen erotischen Sites geschrieben hatte ... und ... es hatte mich geil gemacht, was er da alles schilderte. Die Art und Weise, wie er ausdrücken konnte,was dort seine Hauptdarsteller, egal ob männlich oder weiblich, immer fühlten und erlebten. Vor allem die Frauen, ähnlich jung wie ich ... wenn sie dominiert wurden, wenn ihnen gesagt wurde, was sie tun sollten, was man jeweils von ihnen erwarten würde, wenn ihr Wille langsam gebrochen worden war ... niemals mit echter Gewalt, nein immer diese psychologischen Spiel­chen, die da zum Exzess ausgelebt wurden, während zumeist die weib­lichen Haupt­dar­steller seiner Geschichten hin- und her gerissen wurden zwischen … Gefüh­len, verdrängter Angst, Neugierde, Geilheit und Scham­gefühl. Gefühle – so frappant ähnlich, wie sie jetzt in mir entstanden waren.
Es war wohl verrückt, wenn ich mich jetzt umdrehte, um sein Gesicht näher mustern zu wollen, wo ich doch nichts sehen konnte, geblendet von diesem dunklen Seidentuch ... wie sah er wirklich aus, schoss mir durch mein erschrecktes Gemüt.
Konnte er es sein – der Autor von so zahlreichen Geschichten, in denen ich manchmal gerne mich in die groteske Rolle des Mädchen hineingedacht und fast gesehnt hatte, sie zu sein, die von eben jenem dominanten Mann gelenkt wurde. Verrückt, grotesk ... und dennoch meine geheime innere Wahrheit und Sehnsucht, zumindest als Gedanke, aber doch nicht in der realen Wirklichkeit und Welt?
Und ich zitterte in all der verschwitzten Hitze, den dampfenden Leibern, die sich am Gang an uns vorbei drängten, manchmal mit ihren klebrig nassen meist nackten Oberarme an mir kurz anstreiften ... einen weiteren Hauch von Geil­heit und gespannter Erwartungshaltung auf mich übertrugen und mir ein­impften.

Um Gottes Willen ... ja, ganz sicher, welches Bild auch immer ich mir damals, seinerzeit von ihm gemacht hatte, es stimmte wohl rein physisch über­haupt nicht überein ... er konnte ja in seiner Schilderung auch gelogen haben. Panik, fast lähmende Panik befiel mich und beklemmte meine Seele, als sich in mir nach und nach dieser Verdacht zu erhärten begann.
Wer sonst, wenn nicht er – dieser Autor oder soll ich doch Schriftsteller sagen von all diesen erotischen Geschichten, die mich immer mehr und mehr in den Bann gezogen hatten. Wie hatte ich nur so dumm sein können – und mich mit einer de facto recht harmlos klingenden Anfrage wie der folgenden an ihn wenden.
Hallo, deine Geschichte bei erogeschichten habe ich gerade gelesen. Diejenige mit der Zugfahrt und anschließend der Besuch in der Praxis in Hamburg war sehr spannend und auch total erregend. Ich würde gerne mehr darüber erfahren: Zu mir, mein Name ist Kathy - ich bin 24 Jahre alt und wohne in Berlin. Ich habe einen Freund und bin auch treu. Dennoch mag ich Phantasien.

Der mir unbekannte Schreiber hatte relativ bald darauf geantwortet – und wenn ich nachdenke, dann war es mir auch schon seinerzeit schwer gefallen, es selbst am eigenen Leib zu erleben, wie er mich während der Arbeitszeit durch seine Antworten und Schilderungen fasziniert und in den Bann gezogen hatte.
Wie es ihm einerseits gelang, eine Hauch von Angst in mir zu erregen, weil ich immer mehr von mir preisgab – und zwar Wahrheiten und Sehnsüchte und Phantasien – wie er auch weiters sehr glaubhaft vorgab und fast beweisen konnte, mich gut zu verstehen. Mich immer mehr in eine aktiv miterlebte erotische Geschichte hinein verwickelte, in der ich ihm kurz schilderte, was ich mir vorstellen könnte, etwa auf so einem Club zu erleben … in der Phantasie natür­lich nur … wie er dann begann, daraus scheinbar blitzartig einige Sequenzen einer Geschichte zu schreiben, zu der ich einen kurzen Kommentar abgab, ihm erwiderte und binnen Kürze mitgeteilt bekam, wie es weitergehen würde. Wie meine Phantasie sich mit der seinen aufschaukelte in Höhen und Ausprägungen, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte – dieses ständige Kribbeln und über Stunden hinweg erregt sein, nur weil er sehr genau das schrieb, was ich zu lesen erhoffte aber nicht zu artikulieren gewagt hatte. Nicht in dieser eindeutigen Bestimmtheit, wie er es in Worte kleidete, mit Phrasen genauso spielte wie mit mir ... ein Spielball der gegenseitig sich steigernden Erregung.
Wie er mir Formulierungen zuschickte, dass ich fast nicht mehr arbeiten konnte, so sehr erregte mich diese Warten auf "…you got mail…" kombiniert mit den erotisch geschriebenen Bildern, die er in ähnlicher Art und Weise zu Papier brachte wie in seinen veröffentlichten Geschichten.
Und mit einem Mal – ja: ich war zu seiner Hauptdarstellerin in dieser vir­tuellen Welt geworden, die einer erleb­ten Realität so fühlbar nahe kam. Zu­min­dest einen intensiven Nachmittag lang … und ich war mir im Nachhinein nicht sicher, ob meine Kolleginnen nicht irgendwie etwas gemerkt haben mussten. Dass ich rot wurde, dass ich offenkundig erregt war, wenn ich schnell etwas las – so schnell wie möglich, heimlich, um ja nicht erwischt zu werden … schon gar nicht von meinem Chef, dem alten Geilbock … und na ja. Die Emailbox in einem Fenster so klein hielt, dass ich mit einem schnellen Klick daneben ein anderes Fenster jederzeit treffen konnte, in welchem ich meine eigentliche Arbeit zu erledigen hatte. Jedoch meine Gedanken, mein ganzes Denken und Gefühl – die waren abgeglitten in Phantasien und Schilderungen und Lesungen dessen, was er mit meinen kurzen Hinweisen formte, wie er mich formte und in diese Situationen hinein manövrierte, die mir wie in einem Rauschzustand geschahen.
Ich bin erst später ein wenig erwacht aus dem berauschenden Verlauf der immer hitziger werdenden Beschrei­bung der möglichen Handlung und was der Unbekannte mit mir machen wür­de, gemein­sam mit meinem Freund und einer anderen Frau … erst dann kam mir mit einem Mal die fast brutal ernüchternde Erkenntnis:
Woher kennst du diese Gedanken in mir? kennen wir uns?
Das ist ganz schön dreist von dir! Mein Freund heißt aber Wolfgang und wir besuchen den kit cat in Berlin, nicht in Köln. Aber irgendwie schreibst du, was ich manchmal fühle, woher weißt du das mit meiner Phantasie und kannst sie so gut beschreiben? Woher