Genre: Satire, Humor & Parody
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Synopsis: Jedem seine Leiche
Im Prado-Hotel steht die Hochzeit des Jahres an und nicht nur die Braut hat etwas zu verbergen. Ein neugieriger Page entdeckt auf vielen Umwegen die kuriosen Geheimnisse der Beteiligten, während er versucht, dem Hotelerben seine Zukünftige auszuspannen.
Excerpt: Jedem seine Leiche
Die Angestellten des New Yorker Prados hatten sich in der Lobby versammelt, als würde der Empfangschef dort kostenlose Hot-Dogs verteilen. In Reih und Glied standen sie zwischen der Rezeption und dem großen Brunnen, der genau in der Mitte des kleinen Saals vor sich hin plätscherte. Sie strichen noch einmal ihre ohnehin schon blitzblanken Uniformen glatt, versuchten die Haare zu ordnen und traten von einem Fuß auf den anderen. Die einen wohl, weil sie wirklich aufgeregt waren, andere eher, weil sie die Sache endlich hinter sich bringen und zurück an die Arbeit gehen wollen. Und ein paar von ihnen hatten einfach nur eine schwache Blase.
Chase hatte sich mit den Armen auf der Rezeption abgestützt und gab sich alle Mühe, die genervten Blicke von Empfangschef Larry zu ignorieren. Der hatte natürlich keine Hot-Dogs zu verteilen, dafür aber eine Menge Anweisungen. Und auch die versuchte Chase zu ignorieren. Der Page konnte sich schon denken, was sein Vorgesetzter zu sagen hatte. In voraussichtlich wenigen Minuten würde ein junges Paar durch die breiten Glastüren hereintreten. Selbstverständlich stand der Portier schon bereit. Der Empfangchef klatschte in die Hände und rückte das kleine Schildchen zurecht, das auf seiner Brust hing und auf dem sein Name stand. Es war beinahe so, als würden sie darauf warten, dass der Präsident persönlich jeden Moment durch die Tür hereinkam. Der wiederum hatte das Prado nie betreten und würde es womöglich auch niemals tun. Nein, der Mann auf den sie warteten hieß Scott Prado. Die auffallende Ähnlichkeit zwischen seinem Namen und dem des Hotels war keineswegs ein Zufall: So wie die Dinge momentan liefen, würde Prado Jr. irgendwann die ganze Hotelkette gehören. Sobald sein alter Herr sich dazu entschied in den Ruhestand zu gehen. Dadurch ließ sich dann auch der ungewöhnliche Auflauf in der Lobby erklären - alle wollten nett zu dem Mann sein, der vielleicht mal über ihren Arbeitsplatz entschied. Chase hingegen glaubte nicht, dass der Hotelerbe sich nach zehn Tagen noch an jeden einzelnen Angestellten erinnerte, der so freundlich gewesen war, ihn mit einem übertriebenen Lächeln zu begrüßen. Und länger würde Scott nicht da bleiben, denn der einzige Grund seines Aufenthalts war seine Hochzeit, die er im Prado zu feiern gedachte. Angesichts dieses Großereignisses, dass zumindest in den Augen des Empfangschefs die erste Mondlandung um Längen zu übertreffen schien, kochte die Gerüchteküche schon seit Wochen auf Hochtouren. Hauptsächlich spekulierten sie über die Braut, von der niemand zuvor etwas gehört hatte, als würden sie das als persönliche Beleidigung auffassen (zumindest der Concierge schien das wirklich zu tun). Ihr Name war Tessa und sie näherte sich soeben den Glastüren. Chase konnte sehen, wie sie die wenigen Stufen der Treppe hinaufstieg und dann innehielt. Sie war groß und sie trug eine Pelzmütze. Viel mehr war aus der Entfernung nicht zu erkennen. Der Portier öffnete die Tür, der Empfangschef holte tief Luft, vergaß aber offenbar wieder auszuatmen. Und Tessa blieb einfach stehen.
Erst als eine zweite Person hinter ihr auftauchte, setzte sie sich in Bewegung. Nummer Zwei war niemand anderen als Scott Prado, bestiefelt und behandschuht. Beides in Leder. Der Portier verneigte sich, der Empfangschef perfektionierte sein Lächeln, indem er versuchte die Mundwinkel bis zu den Nasenflügeln hochzuziehen. Chase trommelte mit den Fingern auf dem Rezeptionstisch und überlegte, ob er die Stimmung noch heben konnte, indem er ein paar Mal auf die Schelle schlug. Scott und Tessa kamen im Gleichschritt zur Tür hinein und blieben vor dem Aufgebot aus Angestellten stehen.
"Willkommen!", rief der Empfangschef begeistert und eilte los, um ein paar Hände zu schütteln. Chase kniff die Augen zusammen und versuchte die neuen Gäste einzuordnen. Für die meisten Menschen gab es ein Wort, das genau auf sie zutraf. Scott war groß und schlank, sein dunkler Mantel sah maßgeschneidert aus, wahrscheinlich italienisch. Darunter trug er eine Hose mit Bügelfalten und perfekt sitzende Stiefel, für die so manche Frau einen Mord begehen würde. Das einzige, das an ihm nicht perfekt zu sitzen schien, waren seine Haare. Die waren blond und reichten ihm bis zum Kinn, sahen aber ein wenig so aus, als hätte Scott kürzlich den Finger in die Steckdose gesteckt. Gepflegt kam als Wort daher nicht mehr in Frage und Chase entschied sich für wohlhabend.
Tessa wiederum war ein Fall für sich. Sie stand neben Scott, das Kinn in die Luft gereckt, die roten Lippen zu einem Strich zusammengezogen. Ihre Augen huschten umher, als wolle sie alles in den Blick bekommen. Unter ihrer hellen Pelzmütze, fiel langes braunes Haar auf ihre Schultern. Sie trug einen Seidenschal und weiße Handschuhe, einen eng geknöpften Mantel mit Pelzkragen. Es war nicht sonderlich schwer ein Wort für Tessa zu finden. Obwohl Chase da erst noch eine Entscheidung zwischen arrogant, hochnäsig oder snobistisch treffen müsste.
Der Empfangschef redete auf Scott ein, während Tessas Augen weiterhin durch den Saal schweiften. Von den Angestellten in ihren weinroten Uniformen, über den Brunnen und die Marmorfließen, zu der Wendeltreppe mit dem verschnörkelten Geländer. Als Scott sich in Bewegung setzte, folgte sie ihm, ohne eine Miene zu verziehen. Ihr Gang glich dem einer Tänzerin, elegant und bedacht, als würde sie jeden ihrer Schritte erst abwägen, bevor sie ihn setzte. Sie kamen direkt auf die Rezeption zu und der Empfangschef folgte ihnen eilig. Chase machte sich weder die Mühe, sich von seinem Stehplatz zu entfernen, noch damit aufzuhören, Tessa anzustarren, als sie näher kam. Sie erwiderte den Blick kurz als sie ihn bemerkte. Chase machte nicht einmal einen Schritt zur Seite, als das Brautpaar sich vor die Rezeption stellte, von aller Augen beobachtet. Der Empfangschef legte die Schlüsselkarte zu der gebuchten Suite vor sich auf den blank polierten Tisch, direkt neben die alte Schelle.
"Der Page wird Ihr Gepäck nach oben bringen", erklärte er dann und deutete auf Chase.
"Wunderbar", sagte Scott und lächelte. Also war immerhin einer der beiden zu einem Lächeln fähig, denn Tessas Blick blieb so kühl wie die Wintertemperaturen vor der Tür. Chase hatte eigentlich wenig Lust, dem Wunsch nachzukommen, auch wenn er eigentlich schlecht widersprechen konnte, immerhin war es sein Job. Aber die Art und Weise, wie Tessa ihn nun anblickte, als wäre sie der Fuchs und er der Hase, ließ er sich nicht gerne gefallen.
"Ich hab Mittagspause", antwortete er daher und versuchte ihren Blick zu erwidern. Kampflos würde er sich die Rolle des Beutetiers jedenfalls nicht auferlegen lassen.
Tessa gehörte offenbar zu jenen Menschen, welche die Begabung hatten, eine Augenbraue in die Höhe zu ziehen, was sie gleich demonstrierte. Dabei legte sie eine Hand auf die Rezeption.
"Ich fürchte, dass Ihre Pause nun beendet ist", sagte sie langsam. Ihre Worte wirkten genau so bedacht wie ihre Schritte. Überhaupt schien diese Frau nichts zu tun, ohne vorher genau darüber nachzudenken. Wahrscheinlich war sie fantastische Schachspielerin.
"Das glaube ich aber auch!", zischte der Empfangschef zähnefletschend, ehe er sich mit einem Lächeln wieder an Scott wandte. "Ihr Gepäck wird sich in wenigen Minuten auf Ihrem Zimmer befinden. Mit etwas Glück ist es sogar noch vor Ihnen da. Wir haben hier einen hervorragenden Service."
"Davon habe ich bereits gehört", erwiderte Tessa, sah aber dabei so aus, als würde sie ohnehin nur glauben, was von mindestens zehn Wissenschaftlern bestätig wurde.
"Aus diesem Grund haben wir uns auch für das Hotel in New York entschieden", fügte Scott hinzu. "Obwohl mich das Prado in San Francisco bei meinem letzten Aufenthalt dort auch sehr beeindruckt hat ..."
"Tatsächlich?" Dem Empfangschef gelang es irgendwie gleichzeitig ein zähneblitzendes Lächeln zu zeigen und dabei auch noch zu sprechen.
"Aber mein Vater sagt immer, das Prado in New York sei das beste", fuhr Scott fort.
"Tatsächlich?", fragte nun Chase. Tessa zog die andere Augenbraue hoch.
"Dann werden wir mal nach oben gehen", erklärte Scott unnötigerweise. Tessa nahm ihre Hand von der Rezeption und wandte sich Chase zu.
"Wir erwarten unser Gepäck in spätestens zehn Minuten", verlangte sie. "Sonst könnte ihre letzte Mittagspause auch wirklich die letzte in diesem Hotel gewesen sein." Es war der Moment, in dem Chase sie zum ersten Mal Lächeln sah. Sie zog den rechten Mundwinkel leicht in die Höhe und trat einen Schritt auf Chase zu. Er ärgerte sich sehr darüber, dass seine Beine sich gerade jetzt dazu entschieden, lieber auf Sicherheitsabstand zu gehen. Nur ein Schritt zurück und schon hatte Tessa das kleine Duell gewonnen. Und sie wusste es, denn nun zog sie auch den anderen Mundwinkel hoch. Galant drehte sie sich und hakte sich bei ihrem Verlobten ein. Die restlichen Angestellten stoben auseinander, um dem jungen Paar eine Gasse zu bilden, durch die sie zu den Fahrstühlen gelangen konnten. Und alle sahen sie ihnen nach. Da grenzte es schon an ein Wunder, dass noch niemand nach einem Autogramm gefragt hatte.
Der Empfangschef lehnte sich über die Rezeption, um seine VIP-Gäste im Auge zu behalten, bis die beiden vor den Fahrstühlen angelangt waren. Während Scott sich ein paar Mal umblickte, als behagte es ihm nicht, von allen angestarrt zu werden, verhielt sich Tessa eher so, als wäre außer ihr überhaupt niemand da. Oder als wären alle anderen ihrer unwürdig. Chase schnaubte. Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich. Als Tessa in den Fahrstuhl ging und sich umdrehte, war Chase sich sicher, dass er selbst aus der Entfernung noch das überlegene Lächeln auf ihren Lippen sehen konnte. Zehn Tage, sagte er sich, während er die Zähne fest aufeinander biss, Zehn Tage und diese Person ist wieder verschwunden. Für eine Revanche reichte das allemal.
Der Empfangschef bließ die Luft aus seinem Bauch wie ein Blasebalg und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn.
"Sie sind aber doch nicht überfordert, oder Chef?", fragte Chase. Larry hielt in der Bewegung inne, seine Hand in der Mitte seiner Stirn.
"Überfordert?", wiederholte er in gefährlich leisem Tonfall. "Ich geb dir gleich überfordert, wenn du nicht augenblicklich deinen verdammten Job erledigst!" Larrys Stimme gewann mit jedem Wort an Lautstärke, so dass sich nun einige der anderen Anwesenden zu ihnen umdrehten. Larry nahm die Hand von der Stirn weg. "Und das gilt für jeden von Ihnen!", brüllte er in die Runde, die sich in atemberaubender Geschwindigkeit auflöste. Jeder schien plötzlich etwas Besseres zu tun zu haben, als in der Lobby herumzustehen. Die meisten gingen wieder an die Arbeit. Ein paar auf die Toilette.
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