Glowing Halo
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About the author
Micha
Novel: Schwarze Flecken
Genre: Literary Fiction
50,833 words so far   Winner!

About Micha

Location: Bonn, NRW, Germany

Home Region:
Europe :: Germany & Austria

Age:32

Website: http://dishantenna.mluedeke.de

Favorite novels: I.M; Shantaram

Favorite writers: Connie Palmen, Neal Gayman, Andrew Sean Greer, Gregory D. Roberts

Favorite music: Dredg, Sigur Ros, Thomas Dybdahl, Ingrid Michaelson, Iron & Wine, Anna Ternheim, Jack Johnson and some more. Just depending on what I want to write :)

Non-noveling interests: Ultimate Frisbee, Photographing, Zazen

Joined: October 4, 2005

This Year: Municipal Liaison

NaNoWriMo History:
'05 '06 '07 '08

NaNoWriMo posts: 16

NaNoWriMo buddies: 21

 

Brief Author Bio:

Ich bin Diplompsychologe (und habe keine Couch! ;), arbeite in Köln und schreibe seit mehreren Jahren - auch hier für und mit dem National Novel Writing Month. Ich bin einer von vielen, die euch unterstützen und speziell für Deutschland und Österreich verantwortlich sind.

schwarze_flecken.png
Synopsis: Schwarze Flecken

Ein Mann macht sich auf den Weg, mit denen ins Reine zu kommen, mit denen er im Laufe seines Lebens gebrochen hat.

Excerpt: Schwarze Flecken

Als Albert sich das kalte Wasser ins Gesicht wirft, muss er laut seinen Atem ausprusten. Er sieht sich im Badspiegel an und merkt, dass er alt aussieht. Ob das nun aufgrund von Schlafmangel oder schlechter Laune ist, kann er nicht sagen. Schlecht gelaunt ist er eigentlich nicht. Oder doch? Wann hat er sich das letzte Mal glücklich gefühlt? Wann das letzte Mal herzhaft gelacht? Na gut, da war dieser kleine Hund von nebenan, der - wenn er pinkelte - immer auf seinen Vorderbeinchen balanciert, den Hintern hob und dann sein Geschäft verrichtete. Das war schon witzig. Aber wann hatte er das letzte Mal über sich gelacht, mit anderen, aus freien Stücken, ohne dass es eine andere Person als Grund dafür gab, über die man sich lustig machte? Er kann sich nicht daran erinnern.
Er zieht sich ein weißes Unterhemd über, sprüht sich Deo unter die Achseln und steigt in seine Faltenhose. Er schnappt sich einen Block Papier und einen Stift, wirft sich einen Pullover über, steigt in seine Schuhe und verlässt seine Wohnung. Als er draußen ankommt und die Sonne im Gesicht spürt, weiß er, was er machen wird, und auch wo. Er geht ein Stück die Allee entlang, durch den großen Stadtpark, an dem die Kinder spielten, obwohl die Jahreszeit noch nicht wirklich zum Draußenspielen einläd, aber dann wiederum: warum sollte man warten, bis man eingeladen wurde? Das schien bei vielen nicht zu klappen, die sich lieber danach beschwerten, man hatte sie vergessen, wenn doch der Einladende einfach nur schwach im Organisieren war. Er schweift ab.
Albert schaut den Frauen nach, die sich freudig mit Gleichgesinnten Müttern unterhalten und schnappt einige Themen auf, die sich grundsätzlich aber nur um das Thema Kind drehen. Dreimal hört er von verschiedenen Frauen, dass ihre Beziehungen besser laufen, als je zuvor, seit das Kind da war. Albert zweifelt an der Ehrlichkeit der drei Frauen, denn er weiß, dass es nicht einfach ist, Kinder zu kriegen und trotzdem an seinen Routinen festzuhalten, für den Ehemann noch genauso viel Geduld aufzubringen, genau so viel Zeit zu opfern, die Erwartungen aber ebenfalls auf dem gleichen Stand zu halten. Oder zumindest auf einem angemessenem. Er geht weiter.
Als er an dem großen, schwarzen Teich ankommt, fühlt er sich in seiner Idee bestärkt. Kein Tier ist auf der Wasseroberfläche oder am Rand des Gewässers, keine Kinder spielen auf den daneben liegenden Wiesen mit ihren Bällen und schreien herum. Keine Mütter oder Großmütter reden hier scheinheilig über immer die selben Themen. Es umgibt Albert Ruhe und Einsamkeit, obwohl der Teich sehr zentral in der Stadt liegt, am Rande des Stadtparks, nicht aber irgendwo außerhalb und deswegen ruhig und still. Das Wasser ist ruhig und flach und Wolken spiegeln sich in seiner Oberfläche, die wie ein Film auf dem sonst schwarzen Bauch liegt. Albert setzt sich auf eine der Bänke, die zahlreich und leer um den Teich aufgestellt sind, holt den Block aus seiner Tasche und den Stift aus einer anderen und beginnt zu schreiben...

Ich habe eine Mission.
Wie oft habe ich mir gewünscht, das eine oder andere anders gemacht zu haben? Wie oft habe ich gehofft, ich könne jemanden noch einmal sehen, der mich nicht mehr mochte oder sich nicht mehr meldete? Wie oft habe ich selber meine Pforten dicht gemacht und niemanden mehr an mich heran gelassen, der es aber verdient hätte? Wie oft habe ich mich durch Vorurteile leiten lassen, mir um sie herum meine Realität gebastelt und alles wahrgenommen, was dazu gepasst, während alles andere nur hinten runter gefallen ist?
Von diesem Tag an will ich versuchen, meine Schwarzen Flecken aufzudecken und ihnen mit Mut und Tatendrang entgegen zu springen, sie zu bekämpfen und auszumerzen, auf dass ich am Ende keine Vorwürfe gegen mich oder die Menschen hege, die an den Flecken Schuld haben oder ein Ziel davon gewesen sind. Ich will nach Hause kommen und wissen, dass ich alles getan habe, was in dieser Situation möglich gewesen ist. Ich möchte nicht nach Hause kommen und denken, ich hätte mir nur gut zugeredet oder würde mich auf schlechten Entschuldigungen ausruhen und davor drücken, die Sachen zu tun und zu erledigen, die getan und erledigt werden müssen. Müssen ob der Gesundheit meines Kopfes.
Ich möchte frei sein von Gedanken an eine schlechte und dunkle Vergangenheit.
Ich möchte frei sein von einem schlechten Gewissen.
Ich möchte die Menschen wieder gewinnen, die mir früher wichtig waren und es auch heute noch sein könnten.
Das gilt es heraus zu finden: wer ist mir wichtig? Was ist mir wichtig?

Albert hört Enten durch die Luft fliegen und schaut in den Himmel. Sie haben es einfach, denkt er. Enten müssen nur poppen und ihre Kleinen über die Runden bringen, damit die dann auch poppen und sich vermehren können. Aber war es nicht auch das, was die Menschen verfolgte, was ihren Sinn darstellte? Sich vermehren? Und dann was? Wozu vermehren?
"Ich schweife ab", sagt er zu sich.
"Wohin?", fragt ihn eine hohe Kinderstimme. Albert dreht sich zur Seite. Dort sitzt ein kleines, vielleicht 8-jähriges Mädchen und schaut ihn aus großen Augen an. Sie hat eine Stoffschildkröte in der einen Hand, die nur noch ein kleines Knopfauge hat und einen leicht zerfledderten Panzer. Unter der Achsel steckt ein kleiner Stoffhund, dessen Farbe schwarz und weiß ist. Schwarz dort, wo das Fell noch ganz ist und die weißen Stellen könnte man als Kriegsverletzungen bezeichnen, die so nicht von alleine heilen würden.
"Was?", fragt Albert.
"Wohin schweifst du ab?"
"Ach so. Naja, weg von meinem eigentlich Thema."
"Was ist denn dein Thema?", fragt das Mädchen wieder.
"Wie heißt du denn eigentlich?"
"Birte", sagt Birte. "Was ist denn dein Thema?", fragt Birte noch einmal. Sie scheint das wissen zu wollen, was sie nicht beantwortet bekommen hat.
"Also erstmal: Hallo Birte, mein Name ist Albert. Mein eigentliches Thema ist ein ziemlich kompliziertes. Und ich habe mich hier an den Teich gesetzt, weil ich hier Ruhe und Stille habe und nicht so viele schreiende... also nicht so viele Hunde, die auf den Rasen..." Albert schaut das kleine Mädchen an, dass wahrscheinlich auch noch zu den schreienden Kindern gehört, denen Albert entfliehen wollte. Und er schaut den Hund an, der ein gutes Ebenbild von denen ist, die in den lauteren und bevölkerten Teilen des Parkes gerne ihre Geschäfte auf dem Rasen verrichteten (wo andere picknickten oder Ball spielten), ohne jedoch Geschäftshunde zu sein. Und nicht jeder ihrer Besitzer lief immer mit einer Schaufel oder einem Plastikhandschuh hinter ihnen her, um ihre Geschäfte wieder ein- und aufzusammeln. Und das mit dem Gras-drüber-wachsen-lassen klappte bei Hundescheiße leider nicht so gut.
"Ja?", fragt Birte.
"Was?", fragt Albert.
"Du warst gerade mitten im Satz und wolltest von schreienden Kindern und auf den Rasen machenden Hunden erzählen."
"Nein, wollte ich gar nicht."
"Wolltest du doch." Albert schaut Birte an. Sie gefällt ihm irgendwie. Ein bisschen frech, aber aufgeweckt und hell.
"Wo ist eigentlich deine Mama?" Albert schaut sich suchend um und hofft, dass Birte vergisst, was sie ihm vorgeworfen hat.
"Also gut, du hast mich erwischt. Ich wollte sagen, dass ich mich hier in diesen Teil des Parks begeben habe, weil der so schön ruhig ist. Und sauber. Und keine schreienden Kinder und auf den Rasen machenden Hunde herumlaufen. Und dann habe ich deinen Stoffhund gesehen und dachte: kannst du doch nicht sagen. Leider hatte ich da aber schon angefangen mit dem Reden. Das ist bei uns alten Menschen manchmal so: wir fangen an zu reden und überlegen dann währendessen, was wir eigentlich noch sagen wollen."
"Und was ist jetzt dein kompliziertes Thema?", fragt Birte, die nie eine Frage vergisst, die sie mal gestellt und und nicht beantwortet bekommen hat. Albert überlegt, wie man einer ungefähr-8-jährigen erklären kann, was im Leben alles schief laufen konnte, ohne ihr die Illusion einer schönen Welt zu nehmen.
"Hast du dich schon einmal mit einer Freundin von dir gestritten und danach fest gestellt, dass das eigentlich ziemlich albern war, über das ihr gestritten habt?"
"Was meinst du?"
"Naja, sagen wir einmal, du hast eine Puppe, nein, einen Stoffhund, so wie diesen da."
"Paul."
"Ja, genau, einen Stoffhund so wie Paul dort. Und deine Freundin hat einen heilen, ich meine, einen Hund, der keine weißen... also einen neuen, einen sehr gesunden, noch sehr jungen Stoffhund, der - sagen wir mal - Heinrich heißt."
"Es gibt keine Hunde, die Heinrich heißen!", sagt Birte mit ziemlicher Bestimmtheit.
"Wie auch immer -"
"Nein, nicht 'wie auch immer'! Es gibt keine Hunde, die Heinrich heißen."
"Schon gut, schon gut, dann nennen wir ihn einfach Rupert. So heißen Hunde in Amerika."
"Was ist Amerika?", fragt Birte.
"Das ist ein anderes Thema, das auch ziemlich kompliziert ist. Aber nicht unser heutiges Thema", sagt Albert. "Was ich sagen wollte, ist Folgendes: du hast hier..."
"Paul"
"- ja genau, du hast hier Paul, deine Freundin hat Rupert, einen etwas größeren Stoffhund, mit einem leuchtendem Halsband, einer Schleife um den Schwanz -"
"Rute", sagt Birte.
"Wie bitte?"
"Das heißt nicht Schwanz, das heißt Rute." Albert schaut Birte erneut an.
"Du bist ja ein ganz schön schlaues kleines Mädchen, was?" Albert atmet tief aus. Mit seiner Ruhe ist es nun wohl vorbei. "Also, ich wiederhole: Paul, Rupert, Rute, Schleifchen. Ich will damit sagen: deine Freundin hat etwas Schöneres als du und du bist neidisch, sprich, du würdest gerne diesen Hund von deiner Freundin haben, weil er viel schöner ist als das alte..., als deinen zerrupften..., also als deinen Paul. Aber sie will dir ihr neues Stofftier natürlich nicht geben. Wieso auch, ist ja neu, das gute Stück. Und dann zankt ihr, zieht euch in den Haaren, kratzt und beißt und geht mucksch auseinander. Muksch bedeutet sauer und eingeschnappt, falls du fragst."
"Ich glaube, du hast keine Kinder, oder?", sagt Birte. Albert ist erstaunt.
"Woher willst du das wissen?"
"Naja, ich kenne niemanden, der kratzt, beißt und in den Haaren zieht." Albert lächelt.
"Stimmt", sagt Albert, "da habe ich ein wenig übertrieben. Aber noch einmal zurück zur Geschichte: du gehst also muksch - also sauer und eingeschnappt - nach Hause, erzählst deiner Mama - die ich übrigens immer noch nirgends hier im Park sehe - du erzählst also deiner Mama, was passiert ist. Die kommt, lächelt, streichelt dir über die Haare und sagt: 'Wenn du willst, kaufe ich dir auch einen Rupert, mit leuchtendem Halsband und Schleifchen am Schwa... an der Rute. Und daran erkennst du, dass es für deine Mama ein kleines Ding ist, etwas Unbedeutendes, etwas, das für dich zwar riesengroß war, für deine Mutter, die aber viel älter und erfahrener ist als du, aber nur etwas sehr Kleines darstellt."
Birte überlegt einen Augenblick und nimmt dabei ihren Zeigefinger zwischen die Lippen.
"Ich würde keinen Rupert wollen", sagt sie dann.
"Das habe ich befürchtet", murmelt Albert und schaut dabei nach rechts, damit Birte ihn nicht hören kann.
"Nein, ehrlich. Es ist nicht, weil ich Rupert nicht schön finden würde. Es ist nur: ich habe mich so an Paul gewöhnt und finde ihn schön, auch wenn sein Fell nicht mehr ganz so schwarz ist und weiße Flecken hat und diese weißen Flecken aussehen wie Unreinheiten. Aber irgendwann wird Paul alt sein und sein Fell wird fast überall weiß sein, wie bei einem echten alten Hund, der grau geworden ist und dann sind die schwarzen Flecken das komische."
"Schwarze Flecken... schwarze Flecken...", sagt Albert leise vor sich hin. "Das ist es."
"Schwarze Flecken? Was ist mit denen", fragt Birte.
"Die komplizierte Geschichte, das Thema, wegen dem ich mich hier hin gesetzt habe zum Nachdenken und Aufschreiben: es geht genau um diese Schwarzen Flecken. Und zwar nicht wie auf einer weißen Weste - den Begriff kennst du vielleicht noch nicht - sondern generell im Leben. Es sind diese kleinen und großen Geschichten im Leben, bei denen man sich mit jemandem gestritten hat. Oder bei denen jemand betrogen wurde oder sich ganz doll geärgert hat. Bei deinem Hund mag das vielleicht irgendwann schön aussehen, wenn er wie ein Dalmatiner ausschaut und schwarze und weiße Flecken hat. So wie Paul jetzt ja auch schon ein wenig. Aber im richtigen Leben möchte man keine Schwarzen Flecken haben. Man möchte, dass alles gut ist, jeder sich verträgt und sich am Abend einen Gute-Nacht-Kuss geben kann, weil man sich lieb hat."
"Aber kann man sich nicht streiten und trotzdem noch lieb haben?"
"Doch", sagt Albert, "das kann man." Er schaut auf die schwarze Wasseroberfläche hinaus. "Aber es ist viel schwerer, sich danach noch so lieb zu haben, wie man sich vorher lieb gehabt hat."

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